16.10.2020 - 17:07 Uhr
PfreimdOberpfalz

Mutiger Pater erhält Platz im Gedächtnisbuch

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Pater Petrus Mangold ist ein kritischer Geist. Das bezahlt er im Konzentrationslager Dachau mit dem Leben. Hans Paulus aus Pfreimd hat das recherchiert und so dafür gesorgt, dass der Häftling mehr als eine Nummer ist.

Hans Paulus hat in akribischer Kleinarbeit das Schicksal von Pater Petrus Mangold recherchiert, der lange Jahre in Pfreimd als Guardian (Bezeichnung für den Oberen eines Klosters) des Franziskanerklosters wirkte.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Die Nationalsozialisten haben seine Spur getilgt, ganz ist ihnen das nicht gelungen: Pater Petrus Mangold, von 1931 bis 1939 an der Spitze des Pfreimder Franziskanerkloster, erwartet nun 80 Jahre nach seinem Tod eine besondere Würdigung. Dass er einen Platz in einer Ausstellung, im "Gedächtnisbuch" des Konzentrationslager Dachau und vielleicht auch bald eine Gedenkplatte im Kloster bekommen wird, geht auch auf das Konto von Hans Paulus. Er hat zu einem Thema recherchiert, das schmerzt: die Gräueltaten der Nazizeit.

Hans Paulus, stellvertretender Vorsitzender des heimatkundlichen und historischen Arbeitskreises "Stadtturm" schlägt einen dicken Ordner auf. Alte Fotos sind hier gesammelt, Infos aus dem Archiv der Franziskaner in Paderborn, Briefe von Zeitzeugen und das Sterbebild von Pater Petrus Mangold, umgekommen am 18. Juli 1942 im Konzentrationslager Dachau. Ein Tod, der absehbar war. Wie viele andere Häftlinge starb der 53-Jährige an Hunger, Durchfall und Entkräftung. Zeitzeugen in Pfreimd gibt es nicht mehr, aber seine Geschichte soll trotzdem nicht in Vergessenheit geraten. Zu seinem 80. Todestag will der Stadtturm dem Geistlichen ein Denkmal setzen.

Ein unbequemer Mahner

"Pater Mangold hat den Ersten Weltkrieg mitgemacht, das Leben kennengelernt, er war sicher ein Mensch, der sich nicht alles gefallen lässt", nähert sich der Pfreimder Hobby-Historiker dem "Guardian" an. So hieß der Oberste im Kloster damals, der gleichzeitig Tuchmacherei-Direktor war, denn in Pfreimd wurde Stoff für die Mönchskutten produziert.

Er stellte sich hinter die Kapläne, wenn sie angeschwärzt wurden, die Nazis hatten ihn deshalb schon lange auf ihrer Liste.

Hans Paulus über Pater Mangold

Bei den Nationalsozialisten ist der Pater wohl in dieser Zeit schon angeeckt, aus heutiger Sicht wegen Kleinigkeiten: Am Kloster prangte an Fronleichnam keine Hakenkreuzfahne, und der Geistliche verteidigte junge Kapläne, deren Predigt in der Pfarrkirche manchmal etwas scharf ausfiel. "Er stellte sich hinter die Kapläne, wenn sie angeschwärzt wurden", weiß Paulus, "die Nazis hatten ihn deshalb schon lange auf ihrer Liste". Außerdem hielt er wohl selbst auch nicht mit seiner Meinung hinterm Berg. "Wenn heute bei der Predigt einer von der Polizei dabei war, dann holen sie mich", soll der Geistliche selbst einmal gegenüber einem Laienbruder bekundet haben.

Bei seiner Verhaftung musste der 52-Jährige der NSDAP nicht mehr viel Munition liefern. Im Januar 1940 hatte ihn Rom als kommissarischen Provinzial an die Spitze der sudetendeutschen Klöster gestellt. Ein schwieriger Posten, galt es doch die Interessen der bedrohten Klöster zu verteidigen, dort wo kein Reichskonkordat einen Schutzschirm bot. "Sein Ruf ging ihm schon voraus und damit auch die Rache der Nazis", zitiert der Pfreimder Forscher Dokumente, die belegen, was schließlich den Ausschlag für die Verhaftung von Pater Mangold durch die Gestapo in Troppau gab: Ein Rundschreiben an die tschechischen Mitbrüder sei ihm zum Verhängnis geworden. Darin hatte der Geistliche die Hakenkreuzfahne als "Zeichen des Unglaubens" gebrandmarkt und verboten, in der Kirche "Deutschland, Deutschland über alles" zu singen. Bei einer Razzia in Eger war dieses Schriftstück der Gestapo in die Hände gefallen.

Erdrückende Details

Es dauerte nicht lange, und der Pater wurde verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebracht. Welches Martyrium ihn dort erwartet hat, davon hat sich inzwischen Hans Paulus dank einschlägiger Literatur ein Bild gemacht. "Wenn man sich mit einer Person befasst, muss man auch das Umfeld kennen", so die Überzeugung des 67-Jährigen. Die Details sind erdrückend. Auf den ersten Blick klingt es harmlos, wenn er dort Essenskübel schleppen musste. Doch die Gefäße wogen 75 Kilo, wer etwas verschüttete, blieb ohne Mahlzeit, und zu essen gab es immer viel zu wenig. Später schuftete Pater Mangold auf der Plantage des KZs, einer Art Gärtnerei. "Die Menschen dort mussten immer in gebückter Haltung gehen, wer auch nur zum Aufseher hoch sah, bekam Schläge," so die Recherchen des Pfreimders. Und wer krank war, wollte nicht ins sogenannte "Revier", eine Art Lazarett, das nichts Gutes verhieß: Viele kehrten von dort nicht zurück.

Noch mehr über Geschichtliches aus Pfreimd im "Stadtturm"

Pfreimd

"Für den Priesterblock wurden ja angeblich Vergünstigungen ausgehandelt", berichtet Paulus. Der Häftling aus Pfreimd habe zu dieser Zeit davon aber wenig zu spüren bekommen. Nach zugebilligten Ruhezeiten, habe man die Priester dort umso mehr schikaniert, wenn dann ihr Bett nicht exakt gemacht war. Die Gottesdienste im KZ konnten viele nur noch liegend verfolgen. Dazu "Hunger ohne Ende", bringt der 67-Jährige die Misere auf den Punkt. Von einem "langsamen Sterben" ist die Rede. Im Fall des Franziskanerpaters ging es mit einem Zusammenbruch auf der Plantage zu Ende.

Ein Paket mit Asche

Am 26. August 1942 kam mit der Post im Pfreimder Kloster ein Paket mit der Urne des verstorbenen Paters an. "Vorsicht Aschenreste", stand dort auf einem gelben Querstreifen. Das schrieb das Pater Sigismund Keck, Nachfolger von Mangold in Pfreimd, an den Provinzial in München. Am 31. August wurden die sterblichen Überreste demnach auf dem inzwischen aufgelösten Klosterfriedhof in Pfreimd beigesetzt. Der Nachlass: nur ein paar verschmutzte Wäschestücke, kein einziger Brief. "Sämtliche private Korrespondenz ist vernichtet worden, und zwar mit System", bedauert Hobby-Historiker Paulus, für den nun der Zeitpunkt gekommen ist, den mutigen Geistlichen dem Vergessen zu entreißen.

In der KZ-Gedenkstätte Dachau ist man inzwischen hellhörig geworden und will den Geistlichen als 13. Vertreter seines Standes in eine Ausstellung aufnehmen. Die geplante internationale Wanderausstellung trägt den Titel "Namen statt Nummern" und stellt eine Art Gedächtnisbuch für die Häftlinge des KZ Dachau dar.

Gedenktafel geplant

Dazu gibt es eine Ergänzungsausstellung über Geistliche. Und 2022, zum 80. Todestag des Franziskaners, würde der "Stadtturm" gerne eine Gedenktafel mit Foto am Kloster anbringen, vorausgesetzt das Projekt kann über Spenden finanziert werden. "Gestorben für sein mutiges Eintreten für Kirche und Orden am 18. Juli 1942 im KZ Dachau", soll darauf stehen.

Hintergrund:

Biographien für die Nachwelt

Von Leid und Widerstand zeugen Dokumente, die in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg den Blick auf das Schicksal der KZ-Häftlinge lenkten. Den Geistlichen widmen die Historiker dabei ein besonderes Augenmerk.

  • "Pfarrerblock" wurden im KZ Dachau mehrere Baracken genannt, in denen Geistliche unterschiedlicher Nationalität und Konfession ab 1940 untergebracht waren.Es handelte sich um Holzbaracken, zu denen die anderen Häftlinge keinen Zutritt hatten. Der Vatikan und die reichsdeutschen katholischen Bischöfe hatten schon bald bald wegen der Haftbedingungen für katholische Geistliche interveniert und dem NS-Regime einige Zugeständnisse abgerungen. Im Januar 1941 wurde in Block 26 für die Geistlichen eine Kapelle eingerichtet. Die Privilegien waren mit Schikanen seitens der SS sowie Misstrauen und der teilweise tiefen Abneigung anderer Häftlinge gegen die „Pfaffen“ verbunden. Ihnen wurde vorgeworfen, arbeitsscheu zu sein. Insgesamt waren in Dachau laut Wikipedia 2720 Geistliche inhaftiert; 132 wurden in andere Lager verlegt oder evakuiert, 314 wurden entlassen, 1034 verstarben im Lager. Am Sonntag, dem 29. April 1945, wurde das Lager Dachau befreit, unter den Häftlingen waren 1240 Geistliche
  • Mangold-Thoma-Liste: Der Franziskanerpater Petrus Mangold soll gemeinsam mit Pfarrer Emil Thoma aus Eppingen bis in der Lagerhaft eine Liste aller im KZ untergebrachten Geistlichen angefertigt haben. Über einen Kurier, der in der Plantage beschäftigt war, gelang es dieses Dokument nach draußen zu schmuggeln. Diese Liste wurde nach dem Krieg veröffentlicht.
  • Gedächtnisbuch Dachau: Das Gedächtnisbuch ist eine Sammlung von Biographien ehemaliger Häftlinge im KZ Dachau, die ständig erweitert wird. Über 250 Lebensläufe wurden bisher in verschiedenen Sprachen seit 1999 erstellt. Alle Biographien werden von Ehrenamtlichen erstellt, die es so ermöglichen, einen Verfolgten vor dem Vergessen zu bewahren.
  • Wanderausstellung: Die internationale Wanderausstellung „Namen statt Nummern“ zeigt eine Auswahl von Biographien des Dachauer Gedächtnisbuch-Projekts, in dem einzelne Schicksale beschrieben werden. Dazu gibt es eine Ergänzungsausstellung über Geistliche im KZ Dachau. Pater Petrus Mangold ist als 13. Geistlicher für diese Reihe angedacht, sein Lebensweg soll auf einem eigenen Banner präsentiert werden.
  • Spenden: Für die geplante Gedenktafel und die Wanderausstellung sammelt der Arbeitskreis „Stadtturm“ Spenden über ein Sonderkonto bei der Sparkasse Pfreimd, Kennwort „Pater Petrus Mangold“, DE 37 7505 1040 0570 4937 42.

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