03.11.2019 - 14:23 Uhr
PfreimdOberpfalz

Transalp für Könner: Zwei Schwestern aus Pfreimd auf den Spuren von "Ötzi"

Schneebedeckte Gipfel, ein starkes Seil und den Eispickel griffbereit: So überqueren Kerstin Birner und Karola Luber aus Pfreimd die Alpen Richtung Italien. Genau dort, wo "Ötzi" auf der Strecke geblieben ist.

von Monika Bugl Kontakt Profil

"Transalp für Könner": Auch so kann ein Geschenk zum 50. Geburtstag aussehen. Für Kerstin Birner war es das schönste Präsent, das sie je bekommen hat. Der Inhalt: ein Sechs-Tage-Marsch über die Allgäuer und Ötztaler Alpen, Kategorie "Hochtour", Technik "mittel", Kondition "schwer". Zusammen mit ihrer Schwester Karola Luber hat sie in diesem Jahr die strapaziöse Hauptkamm-Überquerung mit täglich bis zu neun Stunden reiner Gehzeit geschafft und unvergessliche Momente erlebt.

Rucksack-Kontrolle

Von Oberstdorf nach Südtirol, über den Hochvogel (2592 Meter) in den Allgäuer Alpen, die Wildspitze (3772 Meter) und den Similaun (3599 Meter) in den Ötztaler Alpen führt die Route mit Bergführer. Im Team: drei Männer und die zwei Frauen aus Pfreimd. Bis zu 1400 Meter Höhenmeter sind pro Tag zu meistern, bis zu 1900 Meter für den Abstieg einzukalkulieren. Es geht über vereiste Felsen, Gletscher und Klettersteige. "In den Bergen waren wir schon oft unterwegs, aber nie in einer Seilschaft, nie über Gletscher, und mit Steigeisen sind wir auch noch nicht gegangen", berichtet Karola Luber. Lediglich Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und Bergerfahrung mussten die Bergfans mitbringen. Ein Fitness-Test wurde nicht verlangt. Trotzdem haben die Schwestern daheim schon fleißig trainiert: Zweimal hintereinander in flottem Tempo den Eixlberg oder den Bruckmühlberg rauf und runter, oben Kraftübungen und Liegestützen.

Mit 53 und 51 Jahren waren Karola und Kerstin aber bei weitem nicht die Ältesten in der Gruppe, in der am Starttag erst einmal jeder seinen Rucksack leeren musste. Das Deo kam raus, der Müsli-Riegel genauso wie mehr als eine Unterhose zum Wechseln. "Das brauchst du nicht", stellte der Bergführer immer wieder klar. Es galt Gewicht zu sparen für den Eispickel, die Steigeisen und die Kletterausrüstung. Nicht weniger penibel sprang der Profi mit den Rucksäcken der Männer um, deren Ausrüstung inklusive Eispickel auch nicht mehr als 9,5 Kilogramm auf die Waage bringen durfte. Im beständigen Tempo ging es dann hoch zum Prinz-Luitpold-Haus, fünf Stunden, zur Eingewöhnung. "Viel Unterhaltung gab es unterwegs aber nicht, wir haben die Luft für etwas Anderes gebraucht", gesteht Kerstin Birner. "Auf einer Höhe über 3000 Meter ist man doch etwas kurzatmig."

Schon am zweiten Tag steht die Gruppe vor einer senkrechten Wand, der Hochvogel ist gestrichen, "bei Gewitter zu gefährlich", heißt es, schließlich sind die Wanderer mit einem Stahlseil unterwegs. Auch der nächste Tag von der Hanauer Hütte über das Pitztal und den Mittelbergferner zur Braunschweiger Hütte hat es in sich. Nach Regen und Gischt von der Sturzbachklamm sind die Wanderer froh ins Warme zu kommen. Doch die Nacht ist kurz: Schon um 4.30 Uhr ist Abmarsch bei sternenklarem Himmel. Mit Stirnlampe geht es bei minus 3 Grad los zur Wildspitze. "Dieser Tag war ein Traum", schwärmt Kerstin Birner. "Gänsehaut-Feeling pur", sei das, wenn dort oben die Sonne aufgehe, die Konturen der Berge aus dem Morgennebel auftauchen.

Eispickel griffbereit

Dafür würde sie noch einmal den Sonnenbrand in den Nasenlöchern in Kauf nehmen, den Sonnencreme mit Schutzfaktor 50 und Gletscherbrille nicht verhindern konnten. Die Teilnehmer lernen, den Eispickel griffbereit zu halten, um sich damit festzukrallen, falls sie bei den Passagen über Schnee und Eis abrutschen. Ob er denn selbst schon mal in eine Gletscherspalte gefallen sei, wollen sie von ihrem Führer wissen und sind geschockt über die Antwort: "schon oft". Der Profi zeigt, wie man mit einer Eisschraube auf dem Berg das Gepäck sichern kann, erzählt von kleinen Skandalen rund um "Ötzi", die Gletscher-Mumie, und von Gleschern, die bedingt durch den Klima-Wandel den Rückzug angetreten haben. Und er berichtet auch von der Unfallgefahr Nummer ins in den Bergen, die den Herzinfarkt abgelöst hat: Selbstüberschätzung.

Doch manchmal ist nur das Klappern der Steigeisen auf dem Fels zu hören oder ein Ausruf des Staunens, wenn der Steinadler über den Köpfen der Gruppe seine Kreise zieht. "Völlig kaputt" kommen Kerstin und Karola nach elf Stunden voller Höhepunkte im Quartier an. Was tun, wenn jetzt am großen Zeh ein Riss klafft? "Einfach kleben", sagt der Bergführer, und so geht es am nächsten Tag weiter. "Jeden Tag mit einem Pflaster mehr", sagt Kerstin Birner und schmunzelt dabei. So schafft das Duo auch den fünften Tag und den endlos langen Abstieg am sechsten Tag ins Schnalstal. Am Vernagt-Stausee wartet der Bus nach Meran, wo es 30 Grad hat und Mütze und Handschuhe überflüssig sind. "Eine tolle Stadt, aber am nächsten Tag hätte es von mir aus wieder weitergehen können", seufzt Kerstin Birner - trotz kleiner Andenken wie schwarze Zehennägel, die beim Bergab-Gehen zu viel Druck aushalten mussten.

Aber die Miene wird ernst, wenn die beiden Schwestern daran denken, dass genau an jener Gefahrenstelle, die sie auf ihrer Tour passiert haben, drei Tage später jemand in den Tod gestürzt ist. "Das haben wir aber erst daheim mitbekommen", erzählen Karola Luber. Längst ist die Seilschaft dabei, Erinnerungen in einem Fotobuch zu speichern. Nur für die "tolle Erfahrung von Minimalismus" gibt es keine Bilder. "Man ist dort oben einfach weit weg vom Alltag, ohne Handy, völlig geerdet und mit der Natur verbunden", schwärmt Kerstin Birner, und lächelt, wenn sie an den reduzierten Rucksack denkt und daran, was man alles gar nicht braucht.

Info:

Mit Bergführer auf Tour

Nicht missen wollen die beiden Frauen aus Pfreimd die Erfahrung, mit einem Bergführer unterwegs zu sein. In ihrem Fall war es ein Mitarbeiter des "Alpin-Centers Oase", einer Bergschule in Oberstdorf. "Wir haben viel dazu gelernt", so Karola Luber und Kerstin Birner. So riet der Experte davon ab, an steileren Stellen rückwärts zu gehen und votierte für den Blick nach vorn. Ebenfalls nicht empfehlenswert fand er die Technik, die Füße seitlich zum Hang aufzusetzen. Dabei sei die Abrutschgefahr zu groß. Für die Tour bekamen die Teilnehmer vom Veranstalter im Übrigen eine detaillierte Packliste: vom 30 mal 60 Zentimeter großen Microfaser-Handtuch bis hin zur Flüssigkeit (ein Liter) und Oropax.

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