14.05.2020 - 13:41 Uhr
PfreimdOberpfalz

Vor dem Werkstor Fieber messen

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Wer braucht in Corona-Zeiten Partyzelte? Das Pfreimder Unternehmen Gerresheimer. Die Zelte stehen an beiden Eingangstoren. Wenn die Beschäftigten das Drehkreuz durchschreiten, wird Fieber gemessen.

Vor dem Firmengelände darf die Mund-Nasen-Maske abgenommen werden. Im Werk ist sie Pflicht.
von Claudia Völkl Kontakt Profil

Um Mitarbeiter und Unternehmen vor Corona zu schützen, greifen bei Gerresheimer mehrere Vorsorgemaßnahmen ineinander. Eine davon: Fieber messen. Werksleiter Martin Moser schränkt ein: Natürlich könne auch jemand ohne fiebrige Begleitumstände Virusträger sein, doch die Quote, dass Corona mit dem Symptom Fieber verbunden sei, liege immerhin bei 40 bis 60 Prozent. "Folglich ist die Ermittlung der Körpertemperatur sinnvoll, um die Verbreitung zu verlangsamen", heißt es im Aushang an der Eingangstür. Bei Gerresheimer geschieht dies durch eine sensorische Gesichtsabtastung mit Dermalog Temperaturkameras.

Fertigung von Labor-Equipment

Das Pfreimder Unternehmen schöpft alle Möglichkeiten aus, um das Risiko für das Werk und die Beschäftigten zu minimieren. Gerresheimer kommt in Corona-Zeiten eine Schlüsselstellung zu. "Wir sind ein systemrelevantes Unternehmen", betont Martin Moser. Eine Frage nach Kurzarbeit erübrigt sich hier: Das Werk stellt Labor-Equipment und Inhalatoren für die Risikogruppe der Asthmatiker her. Der Pfreimder Standort beliefert unter anderem Kunden in England und Italien - Länder, die in Europa von der Pandemie am stärksten betroffen sind. "Verschiedene Kunden haben in sehr kurzer Zeit Covid-19-Tests entwickelt", erzählt Moser. Doch die Geräte, die Maschinen "müssen mit unseren Produkten bestückt werden", beispielsweise mit Küvetten für Blutuntersuchungen.

Wenn die Lieferkette durch Coronafälle bei Gerresheimer unterbrochen würde, wäre das dramatisch für die Kunden - und auch für den Zulieferer. Das hieße die Produktion herunterfahren, Ausfälle, Umsatzrückgang.

Die Dermalog Fever Cam misst bei jedem Mitarbeiter die Körpertemperatur.

Der Pfreimder Hersteller von medizinischen Produkten handelt. Und das schon seit Jahren. Moser erinnert an "Sars" vor etwa zehn Jahren. Im Unternehmen liegen langfristig Pandemiepläne vor, die nun bei Covid-19 upgedatet wurden. In Pfreimd beschäftigt sich ein Krisenteam mit Betriebsarzt, Werksleitung, Personal- und kaufmännischer Leitung mit dem Thema. Das begann schon sehr früh: Anfang März, als das potenzielle Risiko erkannt wurde. Es gab Support von der Zentrale in Düsseldorf, die Pläne wurden weiterentwickelt und auf den neuesten Stand gebracht. Es geht um viel: 600 Mitarbeiter in Pfreimd, 400 in Wackersdorf, 700 in Bünde und etwa 30 in Regensburg, zählt Martin Moser die deutschen Standorte auf.

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Amberg

Alarm bei 37,5 Grad Celsius

Man ist an zwei Fronten gefordert: Kontinuierlich werden in Pfreimd die Zulieferketten abgefragt, um Material-Engpässe auszuschließen. Parallel dazu gibt es ein Schutzkonzept für den Betrieb. Am Besuchereingang kommt keiner weiter, wenn er sich nicht die Hände desinfiziert, mit Pinzette einen Mundschutz genommen und angelegt hat. Gummihandschuhe liegen bereit. Jeder, der in die Anmeldung kommt, füllt eine Checkliste zu seiner Person aus, um im Fall der Fälle eine lückenlose Rückverfolgung zu garantieren. Hier und an den beiden Drehkreuzen für die Schichtarbeiter steht das Temperaturmessgerät. Einen Meter Abstand halten, auf den Bildschirm schauen, Stirn freimachen. Infrarotgesteuert wird in Sekunden die Temperatur gemessen und angezeigt. Wer über 37,5 Grad Celsius Körpertemperatur hat, darf nicht ins Werk. Es gibt allerdings noch eine Parallelmessung, um Fehlerquellen auszuschließen.

Und der Datenschutz? "Es wird nur die Temperatur der Mitarbeiter angezeigt, es gibt keinerlei Datenspeicherung", betont der Werksleiter. Das Unternehmen greift auf Zeitarbeiter zurück, die in den Pavillons ein Auge auf Abstände, Mundschutz und Temperaturmessung haben. Gerresheimer hat zudem rollierende Schichten eingeführt. Abstand halten heißt es auch in der Verwaltung. Etliche Angestellte sind im Homeoffice.

Moser ist froh, dass Gerresheimer die neun neuen Geräte mit nur eineinhalb Wochen Lieferzeit für die drei Produktionsstandorte bekommen hat. Zudem werden täglich die Infos zwischen der Zentrale und den Standorten, ob in Deutschland, China oder Südamerika, ausgetauscht, um das Großunternehmen zu schützen. Alleine in Pfreimd liegt das monatliche Umsatzvolumen bei acht Millionen Euro.

Ständiger Info-Fluss

Im Pfreimder Unternehmen werden die Corona-Infotafeln, die von allen Mitarbeitern abgerufen werden können, ständig aktualisiert. Die Beschäftigten haben übrigens auch ein Schreiben in der Tasche, das sie bei Kontrollen als systemrelevant ausweist.

"Wie es scheint, haben wir bisher alles richtig gemacht", meint Martin Moser mit Blick auf die Sicherheitsvorkehrungen und das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter. Es gebe keinen aktuellen Fall und auch niemanden, der in Quarantäne sei.

Gerresheimer Pfreimd:

Gerresheimer Pfreimd

Der Gerresheimer-Standort (früher Wilden) blickt auf über 50 Jahre Erfahrung in der Produktion medizinischer Kunststoffsysteme zurück. In Pfreimd wird die komplette Fertigungskette vom Spritzgießen über die Montage und Kontrolle bis zur Verpackung medizinischer Produkte im Reinraum abgedeckt. Hergestellt werden verschiedenste kundenspezifische Inhalatoren, Pensysteme, Infusionsets, Komponenten für nadellose Spritzensysteme, Küvetten, Lanzetten und vorfüllbare Spritzen aus Kunststoff.

Der Standort verfügt über 29 900 Quadratmeter Produktionsfläche, davon 16 000 Quadratmeter Reinraum und 800 Quadratmeter Sauberraum. Auf 105 Spritzgießmaschinen mit Schließkräften von 15 bis 250 Tonnen und 16 vollautomatischen Montagelinien werden sieben Tage pro Woche rund um die Uhr kundenspezifische Kunststoffsysteme hochautomatisiert in Millionenauflagen produziert.

Im Partyzelt am Eingangstor steht die Temperaturkamera. Ohne Messung darf niemand auf das Betriebsgelände.
Mit Hilfe modernster Sensorik wird das Gesicht abgetastet.

Hier finden sie weitere Informationen zum Unternehmen Gerresheimer

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