18.10.2019 - 16:33 Uhr
PirkOberpfalz

"Klischees muss man unbedingt erhalten"

Der Franzose Hervé Glatigny lebt seit 1997 in Pirk (Kreis Neustadt/WN). Im neuen "Zugroast"-Interview erklärt er, warum es wichtig ist, dass Klischees wie die Oberpfalz als Sibirien gepflegt werden.

Hervé Glatigny stammt aus Südfrankreich und lebt in Pirk.
von Elisabeth Saller Kontakt Profil

ONETZ: Der Oberpfälzer ist ein Grantler und Sturkopf. Stimmt’s?

Hervé Glatigny: Ich würde es so formulieren: Der Oberpfälzer lässt einen gerne glauben, dass er so ist. Aber die Oberpfälzer sind wie Franzosen, auch die erwecken diesen Anschein (lacht).

ONETZ: Mit welchen Vorurteilen und Erwartungen sind Sie in die Oberpfalz gekommen? Und wie lautet jetzt Ihr Fazit?

Hervé Glatigny: Ich bin 1992 in Lauf an der Pegnitz gelandet. Dort habe ich dann viel über die Oberpfalz gehört, weil es diese große Hassliebe zwischen Franken und Oberpfälzern gibt. Ich kenne das Süd-Nord-Frankreich-Klischee, jeder kennt den Film "Willkommen bei den Sch'tis". Bei uns in Südfrankreich wird erzählt, dass der Norden von Frankreich der Regenwald ist. Zwischen Franken und der Oberpfalz ist es dasselbe, die Oberpfalz ist aber nicht der Regenwald, sondern Sibirien. Aber jeder kann feststellen, dass das so nicht stimmt. Das Fazit ist: Klischees sind wie Traditionen, man muss sie unbedingt erhalten. Sonst könnte die Oberpfalz ja überall sein und das wäre schade.

ONETZ: Spielen Sie oft mit dem Gedanken, in Ihre alte Heimat zurückzukehren? Wie oft fahren Sie tatsächlich zurück?

Hervé Glatigny: Ich habe das Glück, fast drei Sprachen sehr gut zu verstehen, zwei Sprachen fließend zu sprechen. Meine Frau auch, sogar besser als ich. Damit haben wir viele Möglichkeiten. Heute wollen wir nicht umziehen, aber vielleicht in der Zukunft, die Würfel sind nicht gefallen. Das bedeutet aber nicht, dass ich Heimweh habe. Mindestens einmal im Jahr bin ich im Urlaub in Südfrankreich.

ONETZ: Was erzählen Sie dort von Ihrer neuen Heimat? Was würden Sie Ihren Verwandten oder Freunden zuerst zeigen, wenn die zu Besuch in die Oberpfalz kommen?

Hervé Glatigny: Wenn wir am Atlantik entlang fahren, sage ich immer, ich komme von weit, weit, weit her. Wir reden mit Franzosen darüber, wie Deutschland ist, aber nicht speziell über die Oberpfalz. Außer, ich treffe Franken. – In Weiden gibt es viel zu sehen, es ist so eine schöne Stadt. Wir schauen und auch die Bibliothek in Waldsassen, Marienbad, den Geschichtspark Bärnau an und gehen Karpfen essen.

ONETZ: Verstehen Sie Ihre Oberpfälzer Kollegen, wenn Sie mit ihnen nach Feierabend ein Bier trinken?

Hervé Glatigny: Ich verstehe die Oberpfälzer, aber ich trinke nie Bier am Abend, weil ich keinen Durst habe. Ich beobachte aber gerne, wie sie mit ihrem Dialekt jonglieren, die Melodie ist einzigartig.

ONETZ: Fühlen Sie sich bereits als Oberpfälzer?

Hervé Glatigny: Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein Franzose in Deutschland, der in der Oberpfalz zu Gast ist. Ich versuche, mein Wesen durch meine Kultur humorvoll zu zeigen, bei Konzerten, beim Seifenkistenrennen, im Job. Ich habe mir ein Auto gekauft – eine Ente.

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