28.06.2020 - 19:10 Uhr
PirkOberpfalz

Kurioser Sperrmüll: Vom Entsorgen und Versorgen

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Im Kreis Neustadt wird der Sperrmüll ohne Anmeldung abgeholt. Heißt: Die einen werden ihren Müll ohne viel Aufwand los, die anderen können damit Geld verdienen. Ein Vormittag in Pirk - mit vorsichtigen Anwohnern und wählerischen Sammlern.

Ungewöhnlicher Müll: Eine Modelleisenbahnanlage und eine Klobrille warten auf Abholung.
von Julian Trager Kontakt Profil

Der Haufen reicht von einem Ende des Hauses bis zum anderen. Ein goldener Kronleuchter, zwei Reklameschilder, ein Kühlschrank, ein kaputter Sessel, Matratzen, Teppiche und ganz viele Holzbretter liegen neben der Hauptstraße, die das Dorf teilt. Ein silbernes Auto, VW Golf 4 mit tschechischem Kennzeichen, rollt vorbei, wird langsamer, auf Höhe des Müllbergs bleibt es fast stehen, mitten auf der Straße.

Die zwei Männer, die im Auto sitzen, schauen nach links auf die Reklameschilder, auf die Bretter. Dann gibt der Fahrer Gas. Ist wohl nichts dabei für sie, der Kofferraum bietet eh nicht mehr viel Stauraum, ein Rollator kratzt mit seinen Beinen schon an den Dachhimmel. Der Golf biegt in die nächste Straße ab, in der der nächste Müll wartet.

Einziger Kreis ohne Anmeldung

Es ist Mittwochvormittag, und heute wird in Pirk im Kreis Neustadt/WN der Sperrmüll abgeholt. Der Landkreis ist der einzige in der Region, in dem das noch ohne Anmeldung läuft. Zweimal im Jahr gibt es pro Gemeinde feste Termine. Wegen Corona fielen heuer einige davon aus. Seit Mai ist es aber wieder möglich, und das bedeutet: Die einen werden den Müll los, die anderen wollen damit Geld verdienen. Trotz der Coronakrise sind auch heuer wieder ausländische Sammler unterwegs.

In der Straße, in die der silberne Golf abgebogen ist, stapeln sich auf dem Bürgersteig Polstermöbel fast eineinhalb Meter hoch. Daneben liegen ein Kratzbaum für Katzen, ein Globus, drei verdreckte Puppen. Ein weißer Kleintransporter mit CZ-Kennzeichen, einem gelben Streifen und Rostflecken auf den Seiten tuckert an dem Haufen vorbei. Wieder sitzen zwei Männer drin, auch sie starren auf die alten Sachen. Dann drückt der Fahrer aufs Gas und lenkt den Transporter in die Straße von Thomas Klier.

"Die nehmen nicht mehr alles"

Der 56-Jährige steht auf der Straße, den Besen in der Hand, und kehrt Dreck weg. Hinter ihm ruht ebenfalls ein stolzer Müllberg, vor allem aus Holz, zerlegte Regale, Schränke, Schübe. "Meine Mutter ist gestorben, deswegen haben wir ausgemistet", sagt Klier. Sonst wäre es nicht so viel. Der Pirker hält den Sperrmüll-Service des Landkreises für eine gute Sache, besser als etwa in Weiden, wo man sich für eine Abholung anmelden muss.

Auf der anderen Seite ist es aber auch ein bisschen "nervig", sagt Klier. "Man hat schon das Gefühl, dass man belagert wird." Er meint die ausländischen Sammler, von denen immer noch viele mit ihren Fahrzeugen durch die Straßen schleichen, wenn auch nicht mehr so viele wie in früheren Jahren. "Und sie sind auch wählerischer geworden", sagt Klier und lacht. "Die nehmen nicht mehr alles mit."

Regeln für Sperrmüll

Neustadt an der Waldnaab

Fast 3000 Tonnen im Jahr

Zwei Häuser neben dem Sperrmüllberg von Thomas Klier liegen sechs Telefonanlagen in einer Holzkiste, darunter ein beiges Telefon mit Wählscheibe. Auch sonst würde es Retrofans gefallen, was an diesem Tag in Pirk am Straßenrand herumliegt: Ein Diaprojektor, ein CD-Player, Röhrenfernseher, die so dick sind wie Waschmaschinen. Und auffällig viele Drucker.

Wer will könnte sich auch ein privates Klassenzimmer aus Grundschulzeiten zusammenstellen. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt. An einem Zaun lehnt eine Modelleisenbahnanlage, daneben liegt eine Klobrille. "Wir hatten einmal einen Behandlungsstuhl aus einer Zahnarztpraxis", erinnert sich Claudia Prößl, Pressesprecherin des Landkreises Neustadt/WN.

Sperrmüll ist der sperrige Hausrat, der nicht in normale Abfallbehälter passt. Alles, was bei einem Umzug mitgenommen wird, sagt eine Faustregel. Also Möbel und größere Haushaltsgeräte wie Schränke, Tische, Matratzen, Gefriertruhen oder Computer. Nicht dazu gehören etwa kleine Gegenstände, Kleidung, Reifen, Türen oder Waschbecken. Die beiden letzteren Dinge liegen in Pirk trotzdem herum, öfter.

Im vergangenen Jahr erfasste der Landkreis Neustadt/WN 2863 Tonnen Sperrmüll, im Jahr davor waren es 2731 Tonnen. Und heuer? Wird es wegen Corona mehr, weil die Leute mehr Zeit hatten, ihr Heim zu entrümpeln? Momentan schaut es nicht danach aus. Bisher hat der Landkreis 858 Tonnen erfasst, die Zahlen sind allerdings noch nicht komplett, erklärt Prößl.

Was erlaubt ist, und was nicht

In einer Seitenstraße unterhalten sich zwei Männer vor einer Hofeinfahrt. Wie ist das so an Sperrmüll-Tagen? "Das ist Wahnsinn. Es sind schon viele Sammler unterwegs", sagt einer der beiden, der nicht mit Namen in der Zeitung stehen will. "Wie oft die in den letzten Tagen am Haus vorbei gefahren sind." Und vor allem: "Mich wundert es ja immer, was die alles brauchen können." Der Mann zeigt auf ein Paar alte Skier, die noch an der Gartenmauer lehnen. Ein anderes Paar habe einer der Sammler mitgenommen. "Die sind ja freundlich, viele fragen, ob sie etwas mitnehmen dürfen." Und trotzdem sagt er auch: "Ich bin in der Zeit immer vorsichtiger." Er schaut, dass die Räder im Hof sind, dass die Garage zu ist. Ein paar Hundert Meter weiter schleicht der weiß-gelbe Kleintransporter durch die Straßen.

Nach der Grenzöffnung - vor 30 Jahren, nicht jetzt in der Coronakrise - kamen vor allem Tschechen in die Region, um Sperrmüll zu sammeln. "Da waren damals viele bedürftig", erklärt Claudia Prößl. Inwzischen sieht die Lage anders aus. "Mittlerweile sind es großteils organisierte Sammler, bei denen die Gewinnerzielung im Vordergrund steht." Außerdem kämen jetzt vermehrt Sammler aus Bulgarien oder Rumänien - auch in Coronazeiten.

Ist das Sammeln überhaupt erlaubt? Ja, sagt Prößl, wenn es für den Eigengebrauch ist. "Nicht erlaubt ist dagegen das unangemeldete gewerbsmäßige Sammeln von werthaltigen Gegenständen wie Metall und Elektrogeräten." Defekte elektronische Geräte dürften ohne Genehmigung nicht über die Grenze. Landkreis und Polizei wollten das künftig stärker ahnden.

Gegen Mittag sind der silberne Golf und der weiß-gelbe Kleintransporter nicht mehr auf den Pirker Straßen zu sehen. Stattdessen rollt ein gelber Müllwagen über die Hauptstraße. Auf Höhe eines Müllbergs hält der Fahrer an. Ein Mann steigt aus und räumt auf.

Wohin mit dem ganzen Müll?:

Fast 3000 Tonnen Sperrmüll erfasst alleine der Landkreis Neustadt/WN pro Jahr. Wo das landet? Der Holzanteil wird in verschiedene Holzqualitäten sortiert und verwertet, erklärt Pressesprecherin Claudia Prößl. Die separat erfassten Elektrogeräte übernähmen beauftragte Verwerter der Stiftung Elektro-Altgeräte-Register. Metall gehe an Schrottverwertungsbetriebe. „Den stofflich unverwertbaren Sperrmüll wie Matratzen oder Teppiche verwerten wir über das Müllkraftwerk Schwandorf.“ Abgezweigt werde nichts. „Werden uns telefonisch Gegenstände mitgeteilt, die brauchbar sind, versuchen wir auch einen neuen Nutzer zu vermitteln.“ Ein Online-Verschenkmarkt mit Online-Bodenbörse sei im Aufbau.

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