01.08.2021 - 12:49 Uhr
PleysteinOberpfalz

Keine Erfolgsgeschichte: Wiesenbrüter machen sich immer rarer

Die Rückkehr der Störche und Adler in die Oberpfalz gilt als Erfolgsgeschichte des Artenschutzes in Bayern. Doch der allgemeine Trend ist traurig. Das zeigt sich etwa bei den Wiesenbrütern.

Der Wiesenpieper: in Bayern vom Aussterben bedroht, in Deutschland stark gefährdet.
von Gabriele Weiß Kontakt Profil

Hubert Schmid öffnet einen Ordner. Darin abgeheftet sind Auszüge aus topografischen Karten. Über 20 Flurstücke im näheren und weiteren Umkreis von Schmids Heimatort Pleystein im östlichen Kreis Neustadt/WN sind darauf markiert. Dahinter verbirgt sich viel Arbeit für den Naturschützer, der an der aktuellen Wiesenbrüterkartierung im Freistaat beteiligt ist. "Der Schutz wiesenbrütender Vogelarten hat in Bayern Tradition – bereits seit über 35 Jahren wird am bayerischen Landesamt für Umwelt intensiv an dieser Thematik gearbeitet", heißt es auf der Webseite des Landesamtes für Umwelt (LFU) zur Aktion.

Zahlreiche Freiwillige

Schmid beobachtet die Natur der Region, seit er 1970 aus Schwaben nach Pleystein zog. Er ist Mitglied beim Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV), der im Auftrag des LFU wieder einmal die Kartierungsaktion übernommen hat. "Statt 185 Kartierern wie beim letzten Mal beteiligen sich diesmal über 400", berichtet LBV-Artenschutzexperte Dr. Andreas von Lindeiner erfreut. Die ehrenamtlichen Helfer haben allerdings auch mehr als 1300 Einzelflächen zu begutachten - so viele stuft das LFU als mögliche "Wiesenbrüterkulisse" im Freistaat ein. Schmid, schon 2014/15 und 2006 mit von der Partie, mutmaßt: "Das sind wohl wirklich alle Bereiche, die das LFU gefunden hat."

Mindestens viermal müssen die Kartierer die ausgewiesenen Flächen im Zeitraum März bis Juli begehen. Hubert Schmid sagt von sich, dass er viel öfter unterwegs gewesen sei. Um so niederschmetternder sind die Ergebnisse seiner Beobachtungen. Das Braunkehlchen etwa, das er früher rund um seinen Wohnort Pleystein hundertfach gesehen hätte, habe sich inzwischen in zwei Naturschutzgebiete zurückgezogen. Das deckt sich mit den Erhebungen des LFU: "Von neun wiesenbrütenden Vogelarten sind in Bayern sieben vom Aussterben bedroht, zwei stark gefährdet", teilt ein Sprecher mit. "Bayernweit ist aus den bereits vorliegenden Daten ein Rückgang der Verbreitung zu erwarten." Für eine abschließende Beurteilung bedürfe es allerdings der Ergebnisse aus der Kartierung, die Mitte 2022 für den gesamten Freistaat vorliegen würden. Die Daten dienen zunächst der Bestandsaufnahme und Dokumentation der Entwicklungen. Sie bilden aber auch die Basis für künftige Artenhilfsprogramme und müssen bei "Eingriffsverfahren" wie der Ausweisung neuer Gewerbeflächen oder dem Bau von Stromtrassen berücksichtigt werden.

Nur einzelne Flecken

Wiesenbrüter, so das LFU, sind auf intakte und möglichst unzerschnittene Lebensräume mit einem hohen Anteil an Feuchtwiesen angewiesen. Ein Blick auf das Kartenmaterial von Hubert Schmid zeigt die Problematik - als Wiesenbrüterkulisse ausgewiesen ist mal hier ein Fleckchen, mal dort eins, und dazwischen liegen meist mehrere Kilometer gänzlich ungeeigneter Gebiete.

Der Pleysteiner hat in seine Erhebungsbögen penibel eingetragen, was er auf der vermeintlichen Kulisse tatsächlich vorgefunden hat: "Fläche intensiv bewirtschaftet, lediglich eine größere Gebüschinsel. - Kleine Fläche, gepflegte Ränder, kaum Sitzwarten. - Viel Ackerland, wenig Raine, Wegränder im Herbst gemäht" steht zu lesen. Aber auch: "Grünlandanteil (geschätzt): 80 Prozent - Baum- und Gebüschbewuchs, Wasserflächen, Beeinträchtigungen: keine." An diesem Ort ziehen tatsächlich noch Braunkehlchen, Bekassine und Wiesenpieper, die einzigen drei Wiesenbrüterarten, die in der Gegend jemals heimisch waren, Junge groß. Mit auf dem Bogen vermerkt hat Hubert Schmid allerdings auch den Hinweis: "Naturschutzgebiet. Es gibt einen Managementplan, in dem die Belange der Wiesenbrüter berücksichtigt werden."

Bauern entschädigen

Diese Belange beschreibt Schmid so: "Wiesenbrüter brauchen große, aber strukturierte Flächen mit Büschen und hohem Gras. Man muss die Wiese verwildern lassen, spät mähen und vereinzelt höheres Gras stehen lassen als Sitzwarten für die Vögel." Viele ehemals geeignete Flächen würden jedoch mittlerweile intensiv bewirtschaftet, von "Wildwuchs" bereinigt und überdüngt, manche Wiesen seien inzwischen sogar Ackerland und viele Bäche längst zugeschüttet. Dabei möchte Schmid, der auch mit 81 Jahren noch immer Geschäftsführer der Molkereigenossenschaft Pleystein ist, den Landwirten gar keinen Vorwurf machen: "Die müssen schließlich überleben können und tun genau das, was sie dürfen." Wolle man mehr Flächen für Naturschutzbelange, müsse man die Bauern auch finanziell entschädigen.

Genau das passiert im Bayerischen Vertragsnaturschutzprogramm (VNP) zur Erhaltung ökologisch wertvoller Lebensräume. Landwirte, die auf freiwilliger Basis ihre Flächen nach den Zielen des Naturschutzes bewirtschaften, erhalten für den zusätzlichen Aufwand und den entgangenen Ertrag ein angemessenes Entgelt, heißt es vom LFU. Die Maßnahmen werden in der Regel für einen Zeitraum von fünf Jahren abgeschlossen. 2020 wurden in Bayern auf etwa 120 000 Hektar landwirtschaftlichen Flächen VNP-Maßnahmen umgesetzt. Dafür zahlt der Freistaat mit Unterstützung der Europäischen Union jährlich rund 64 Millionen Euro an rund 23000 Betriebe.

Naturschützer kaufen Grund

Doch auch verschiedene Naturschutzverbände versuchen, wertvolle Flächen für ihre Belange zu sichern. Der LBV etwa tut dies bayernweit auf gut 3000 Hektar, stolze 830 davon liegen in der Oberpfalz. "Der allergrößte Teil sind Eigentumsflächen. Wir sind der Bezirk mit den meisten Flächen innerhalb des LBV", erläutert Bezirksstellengeschäftsführer Christoph Bauer. Neben Wäldern gehören vor allem Wiesenbrüterflächen zu diesen Schutzgebieten, wo der LBV selbst über die naturschutzfachlichen Ziele bestimmen könne. "Hier können sich Tiere und Pflanzen weitgehend unbeeinflusst entwickeln. Entweder pflegen wir die Flächen selbst oder verpachten sie. Die Landwirte sind unsere Partner, die sie dann nach unseren Vorgaben bewirtschaften", erläutert Bauer. "Wir sehen unsere Schutzgebiete als Trittsteine, die wir - wo immer möglich – vernetzen möchten."

Während die einen Arten verschwinden, kehren die anderen zurück: Vogelschutz hat in der Region Licht- und Schattenseitem.

Oberpfalz

Hier informiert das Landesamt für Umwelt in Bayern über Wiesenbrüter.

Kommentar:

Viel Lärm um fast nichts

Im Schnitt alle sechs Jahre erhebt das Landesamt für Umwelt in Bayern seit 1980 die Bestände der Wiesenbrüter, um daraus Schutzmaßnahmen abzuleiten. Trotzdem gilt inzwischen die Mehrzahl dieser Arten im Freistaat als vom Aussterben bedroht. Denn die Vögel finden nur noch einen Flickenteppich an geeigneten Lebensräumen vor, kleine Inseln in einer riesigen, intensivst bewirtschafteten Fläche. Abhilfe schaffen soll das Vertragsnaturschutzprogramm mit Landwirten, vom Bayerischen Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz vollmundig als "wichtiges Instrument der Naturschutzpolitik der Staatsregierung zum Aufbau des europäischen Schutzgebietsnetzes Natura 2000 und zur Umsetzung der Bayerischen Biodiversitätsstrategie" beworben. Wir stellen bei näherem Hinsehen fest: 69 Prozent der Flächen in diesem Programm entfallen bereits auf - Wiesen. Da gibt es wohl noch viel zu tun, bis die Maßnahmen messbare Erfolge zeigen.

Gabriele Weiß

Hintergrund :

Wiesenbrüter-Kartierung

  • Wiesenbrüter sind alle im Grünland am Boden brütenden Arten.
  • Kartierungen wiesenbrütender Arten gab es in Bayern bereits in den Jahren 1980, 1986, 1992, 1998, 2006 und 2014/15. Heuer findet bereits die siebte Aktion statt.
  • 2014/15 haben über 190 ehrenamtliche Kartierer 845 Wiesenbrütergebiete in ganz Bayern untersucht und damit die bis dahin größte Flächenabdeckung aller bisherigen Wiesenbrüterkartierungen erreicht.
  • In Bayern gelten von den wiesenbrütenden Arten Bekassine, Braunkehlchen, Grauammer, Brachvogel, Rotschenkel, Uferschnepfe, Wachtelkönig und Wiesenpieper als "vom Aussterben bedroht" (Rote Liste 1), Wachtelkönig und Kiebitz sind stark gefährdet (Rote Liste 2).
  • Ausgewählte Daten für die Oberpfalz: Großer Brachvogel ca. 25 Brutpaare von ca. 500 in ganz Bayern, Uferschnepfe: 6 Brutpaare von 24 in Bayern, Rotschenkel: 4 Brutpaare von 9 in Bayern

Quellen: Bayerisches Landesamt für Umwelt (LFU); Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV)

"Wiesenbrüter brauchen große, aber strukturierte Flächen mit Büschen und hohem Gras."

Hubert Schmid aus Pleystein

Hubert Schmid aus Pleystein

 

 

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