21.10.2020 - 15:24 Uhr
PleysteinOberpfalz

Pleysteiner Schnitzer: Seit 50 Jahren Volkskunst in reiner Handarbeit

Die Schnitzergemeinschaft Pleystein feiert 50-jähriges Bestehen. Doch ausgerechnet im Jubiläumsjahr werden die Holzkünstler jäh ausgebremst, entwickeln aber dennoch Ideen.

Aus der Anfangszeit der Schnitzergemeinschaft in den 1970er Jahren. Nebeneinander arbeiteten die zwei Mitbegründer Max Strigl und Josef Meier (rechts).
von Autor TUProfil

Wenn draußen der böhmische Wind vom Osten her eisig über das Grenzland pfeift, wenn die stille Zeit langsam naht, dann beginnt in der „Perle des Oberpfälzer Waldes“ die Saison der bunt gemischten Schnitzergilde. Von Mitte Oktober bis kurz vor Ostern geben sich in den tristen Spätherbst- und den kalten Wintermonaten die Hobbyschnitzer aus dem Altlandkreis Vohenstrauß und darüber hinaus an den Dienstag- und Freitagabenden ein Stelldichein. Im Werkraum der Volksschule arbeiten sie an ihren groben Figurklötzen und kreieren daraus mit Talent, der nötigen Fertigkeit und einem gehörigen Maß an Fingerspitzengefühl Madonnen, Statuen, Tiere oder Krippen.

Die Schnitzergemeinschaft Pleystein besteht seit nunmehr 50 Jahren. Sie hat sich seit ihrer Gründung im Herbst 1970 zu einem Aushängeschild und Werbeträger der Stadt entwickelt. Wegen der Corona-Pandemie wird die Jubelfeier ebenso wie die vorgesehene großen Ausstellung auf 2021. Aus dem gleichen Grund entfallen in der Saison 2020/2021 die Schnitzabende in der Zottbachtalschule.

Vor Corona: Große Pläne fürs Jubiläum

Pleystein

Die Schnitzer bleiben aber in ihrer vorbildlichen Brauchtumspflege auch in der derzeit schwierigen Zeit nicht untätig. Sie werden zu Beginn des Advents die Weihnachtsfenster im Stadtzentrum mit möglichst vielen geschnitzten Figuren schmücken. Die früher eher in einem legeren Rahmen existierende Organisation wurde im Spätherbst 2005 in einen eingetragenen Verein umgewandelt. Leiter der Gemeinschaft ist Gerhard Müller.

Als oberstes Gebot gilt es, keine maschinell vorgefertigten Rohlinge zu verwenden. Jeder muss versuchen, seine eigenen Talente einzubringen und seine Vorstellungen in dieser traditionellen Volkskunst zu verwirklichen. Alt und Jung, Einheimische und Auswärtige, Männer und Frauen bilden eine harmonische Einheit. Die Schnitzttradition reicht in der Stadt Jahrhunderte zurück. Füher gehörte die Verzierung des Holzes zu den Tätigkeiten, die jeder Schreinermeister beherrschen musste. Wie in der Friedhofskapelle St. Nepomuck, so waren auch in der alten Stadtpfarrkirche St. Sigismund die Kirchenstühle, die Beichtstühle und die Kanzel mit Ornamenten geschmückt – alles Arbeiten von hiesigen Handwerkern.

Während des Winters machte man sich einst an die zeitraubende Tätigkeit des Figurenschnitzens. Unvergessene, längst verstorbene Schnitzerpioniere wie der Großvater von Vorsitzenden Gerhard Müller, der "Schmied-Schorsch" (Georg Müller), Matthias Strigl, Josef Helm und andere setzten bleibende Akzente in der Holzschnitzkunst.

Aufbauend auf dieses reiche Erbe hat sich die Interessengemeinschaft unter der Regie des jetzigen Ehrenvorsitzenden Hermann Schneider gegründet. Der Erfolg gab den Initiatoren um den späteren Bürgermeister Paul Brucksch Recht. Im ersten Arbeitsjahr 1970/71 traf man sich im alten Knabenschulhaus. Dort gab es auf Anregung des damaligen Volksbildungswerkes einen Schnitzkurs mit dem Bildhauer Reinhold Hösl aus Plößberg. Im darauffolgenden Herbst und Winter gingen die Schnitzabende im Jugendheim neben der Pfarrkirche über die Bühne. Von 1972 bis 1984 fand die Gruppe im Dachgeschoss des mittlerweile abgerissenen Feuerwehrhauses ein Domizil. Das Interesse an der Schnitzerei nahm ständig zu. Die urige Stube war stets überfüllt. Im November 1984 startete die Schnitzsaison im Werkraum der Volksschule, wo die Holzkünstler auch heute noch ihre Heimstatt haben.

Die Gemeinschaft hat im Turnus von fünf Jahren mit großartigen Ausstellungen auf sich aufmerksam gemacht, so zuletzt in der Jubiläums-Brauchtumsschau 2016 zum 45-jährigen Bestehen. Anfänger und Beinahe-Profis boten einen Querschnitt der Palette mit Weihnachtskrippen, Heiligenfiguren sowie profanen Schnitzereien. Zur Öffentlichkeitsarbeit gehören ferner die Pflege und Aufstellung der Kirchenkrippen in den zwei Gotteshäusern.

Bei den gemütlichen Schnitzabenden kommen auch der Flachs und die Förderung der Kameradschaft nicht zu kurz unter den Hobbyschnitzern, von denen einige seit Beginn mit von der Partie sind. Neulingen leisten die Routiniers gerne Hilfestellung.

Der Gründungs- und Ehrenvorsitzende der Pleysteiner Schnitzer Hermann Schneider;
Vorsitzender Gerhard Müller (links), ein Enkel des unvergessenen Schnitzerpioniers Georg Müller, und sein Kamerad Gerhard Janker bei einer Schnitzvorführung im Stadtmuseum.
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