01.03.2021 - 14:22 Uhr
PressathOberpfalz

Dementer Coronakranker allein zu Haus: Stundenlanges Warten auf Hilfe

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"Um Gottes Willen, was tue ich denn, was tue ich denn?" Diese Frage stellt sich Margit Pfleger aus Pressath aus Sorge um ihre an Corona erkrankten Eltern immer wieder. Aber Hilfe, vor allem für den dementen Vater, bleibt lange Zeit aus.

Wenn zur Demenz eines alten Menschen auch noch Corona hinzukommt und zudem die Bezugsperson erkrankt, wird für die Angehörigen die Lage kritisch. Diese „Ausnahmesituation“ musste Margit Pfleger aus Pressath durchleben – eine leidvolle Erfahrung.
von Anita Reichenberger Kontakt Profil

Den 6. Februar 2021 sowie die Tage davor und danach wird Margit Pfleger so schnell nicht vergessen. "So etwas habe ich noch nicht erlebt", sagt sie im Rückblick. "Ich hätte nicht gedacht, dass das in Deutschland möglich ist bei unserem Gesundheitssystem." Ihren Kampf um das Wohlergehen ihrer Eltern schildert sie Oberpfalz-Medien erst in einem Brief und dann auch per Telefon. Denn: "Ich bin bestimmt nicht die Einzige, die da jetzt Wahnsinnsprobleme hat."

Alles beginnt mit der Corona-Erkrankung ihrer Eltern. Margit Pfleger geht davon aus, dass sich ihr 84-jähriger Vater bei der Dialyse, die für ihn drei Mal wöchentlich ansteht, mit Covid-19 infiziert - "auch noch eine Mutation". Zu Hause steckt er seine 81-jährige Frau mit dem Virus an; außerdem erkranken die Enkelin und deren Freund, die im selben Haus wohnen, sowie eine von Pflegers Schwestern. Die 62-Jährige selbst muss in Quarantäne und kann nur übers Telefon Kontakt halten. Das "Drama", wie es die Pressatherin selbst bezeichnet, nimmt seinen Lauf.

Während der Vater trotz seiner Vorerkrankungen "komischerweise leichtere Symptome" hat, trifft es die Mutter schwer: Sie, die trotz ihres Alters "fit wie ein Turnschuh" ist, sich um Haushalt, Garten und ihren dementen Mann kümmert und viel für andere tut, leidet unter Gliederschmerzen und Hustenanfällen. "Die Atemnot war das Gravierendste", berichtet Pfleger. "Beide hatten keinen Appetit und wurden von Tag zu Tag schwächer."

Erfolglose Suche

Dennoch weigert sich die Mutter, ins Krankenhaus zu gehen: "Sie wollte nicht wegen meines Vaters. Den kann man nicht alleine lassen." Sie selbst und die Töchter bemühen sich tagelang um Hilfe - ohne Erfolg: "Die Pflegedienste sind total am Limit, die Altenheime auch, und ein dementer Coronapatient macht nochmal doppelt Arbeit."

"Demenzerkrankte verstehen oft nicht, welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, um sich zu schützen", merkt Petra Mayer von der Fachstelle für pflegende Angehörige in Weiden dazu an. Und mit Blick auf ambulante Pflegedienste sagt die Leiterin der Demenz-Abteilung beim Malteser-Hilfsdienst: "Wenn jemand an Corona erkrankt ist, kann man ja fast niemanden hinschicken." Seniorenheime dürften Infizierte gar nicht aufnehmen.

"Schon unter normalen Umständen" sei ein Kurzzeitpflegeplatz "ganz, ganz schwer zu bekommen", erklärt Mayer: "Da sind sie Stunden am Telefon." Wer eine Zusage erhalte, habe "absolutes Glück", obwohl ein solcher Platz jedem zustehe: "Wir prangern das die ganze Zeit schon an." Aber: "Wenn kein Platz frei ist, ist kein Platz frei." Weil die Lage so angespannt sei, nähmen manche Angehörigen für einen Platz Fahrten bis nach Hof auf sich.

Das tut Margit Pfleger nicht. Sie wendet sich stattdessen an das Gesundheitsamt und an mehrere Ärzte: "Immer die gleiche Antwort: Sie können ohne Begründung meinen Vater nicht ins Krankenhaus einweisen." Der Dialysearzt schlägt ihr vor, den 84-Jährigen zu sich zu nehmen oder bei ihm einzuziehen.

Beides scheidet jedoch aus: Die Pressatherin ist unter anderem wegen Diabetes selbst Risikopatientin. "Ich hatte totale Panik, mir Corona einzufangen." Hinzu kommt die Ansteckungsgefahr für die anderen Familienmitglieder. 24-Stunden-Pflege ist ebenfalls nicht möglich, da kein separates Zimmer für die Pflegekraft vorhanden ist.

Die Lage spitzt sich zu. Die Mutter kann ihren Mann nicht mehr versorgen, dieser liegt fast 24 Stunden lang im Bett. "Ich bin wie gelähmt, weiß mir keinen Rat mehr", erinnert sich Pfleger. Nach einer schlaflosen Nacht ruft sie in aller Frühe bei ihren Eltern an: "Es dauert ewig, bis meine Mutter ans Telefon kommt. Lückenhaft berichtet sie mir, dass sie Vater in Hose und Hemd gesteckt hat für die Dialyse." Und selbst das ist der 81-Jährigen schon zu viel: "Sie hatte Schweißausbrüche, Zittern und Atemnot."

Aufgeregt wählt die Tochter die 116 117, die Nummer des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes, und schildert die Situation: "Ich kann nicht rein; sie sollte ins Krankenhaus" und "Ich brauche eine Lösung für meinen Vater". Der Rettungswagen bringt schließlich die Mutter ins Krankenhaus, aber: "Um den Vater soll sich der Hausarzt kümmern." Allerdings ist Samstag und die Praxis geschlossen.

In ihrer Not wendet sich die 62-Jährige an den Dialysearzt. Seine Antwort: "Das ist nicht mein Problem, das ist Ihres", zitiert sie ihn. Deshalb ruft sie erneut beim Bereitschaftsdienst an: "Vater kommt um 13 Uhr von der Dialyse und steht dann vor dem Haus." Man verspricht ihr Hilfe.

"Massive Belastung für alle"

Und die kommt auch - allerdings zur falschen Zeit: Bereits um 11.45 Uhr erscheint ein Arzt, um den 84-Jährigen zu begutachten, der da aber gar noch nicht zu Hause sein kann. Unverrichteter Dinge fährt der Mediziner wieder: "Er kann dann nichts machen", berichtet die Pressatherin von dem Telefonat.

Einige Zeit später der nächste Anruf: Der Freund der Enkelin teilt mit, dass der Vater heimgebracht wurde und er ihm die Tür geöffnet hat. Pfleger wählt einmal mehr die 116 117 mit der dringenden Bitte um Hilfe, fährt zum Haus - und wartet. "Ich sehe, wie mein Vater immer wieder aus dem Fenster sieht und nicht versteht, warum ich nicht reinkomme", erzählt sie. Ihre Mutter sei seine Bezugsperson: "Sobald sie nicht da ist, ist es aus."

Das sei das "normale Problem mit Demenzerkrankten", bestätigt Petra Mayer. Viele von ihnen würden von Angehörigen zu Hause gepflegt, was "eine massive Belastung für alle" sei - und eine Gefahr in sich berge: "Man denkt immer, 'das geht schon, das geht schon'." Aus ihrer Erfahrung heraus aber könne sie sagen, "dass die Leute sich zu spät Gedanken machen".

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Wieder klingelt in dieser "Ausnahmesituation" das Handy von Margit Pfleger: Diesmal meldet sich ihr Mann, für den Telefondienst zuständig, mit der Nachricht, dass ein Arzt angerufen und gefragt hat, "ob es noch relevant ist". Und obwohl das bejaht wird: "Es kommt kein Arzt."

Die Ungewissheit um den demenzkranken Vater, der alleine ohne Betreuung und Versorgung in seiner Wohnung ist, setzt ihr sehr zu: "Sitzen und nichts machen können" ist für sie - "Ich bin der absolute Helfertyp" - eine Qual. Hinzu kommt die Angst, "dass er mir davonläuft". Auch Nachbarn bekommen das Ganze mit. "Jeder hat den Kopf geschüttelt und gesagt, dass kann nicht sein, dass sich das so hinzieht."

Margit Pfleger ist schließlich "wie versteinert" und mit den Nerven am Ende. "Ich rufe unter Tränen erneut die 116 117"; es ist an diesem Tag bereits der vierte Kontakt. "Jedes Mal ist jemand anders dran, jedes Mal muss ich alles wieder erzählen." Doch diesmal kommt tatsächlich Hilfe - "endlich": Es ist nach 18 Uhr, als ein Notarztwagen vorfährt. "Ich hab' gedacht, ich glaub' es nicht."

In wenigen Minuten hat sich der Mediziner ein Bild gemacht: "Mein Vater sei total orientierungslos, wisse weder wer noch wo er ist, könne keine Frage richtig beantworten und suche seine Frau." Er fordert einen Rettungswagen an – „Kommen S’ nur gleich“ – und schreibt eine Einweisung ins Krankenhaus.

"Ich war dermaßen fertig, ich habe nur geweint", beschreibt die Pressatherin ihren Gemütszustand nach der Abfahrt des Rettungswagens mit ihrem Vater an Bord. An die Autofahrt nach Hause kann sie sich nicht mehr erinnern: "Ich war am Ende meiner Kräfte."

"Die richtige Entscheidung"

"Eine ganz krasse Geschichte", sagt Petra Mayer dazu und spricht vom "Worst Case", dem schlimmsten Fall, der eintreten konnte. "Ich wäre mit dieser Situation auch überfordert gewesen." Den Bereitschaftsdienst anzurufen, sei "sicherlich die richtige Entscheidung" gewesen.

Mit der Einlieferung von Margit Pflegers Vater ins Krankenhaus sind die Sorgen allerdings noch nicht vorbei. "Was passiert, wenn er wegen geringer Symptome aus dem Krankenhaus entlassen wird und Mutter bleiben muss?", fragt sie sich. Das Klinikum Weiden - "da ist dann schon alles gemacht worden" - habe ihr am nächsten Tag jedoch versichert, "man kümmert sich um eine Möglichkeit, meinen Vater irgendwo unterzubringen".

Tatsächlich aber erhält die 62-Jährige am Mittwochfrüh - vier Tage nach der Einlieferung der Eltern - einen Anruf des Krankenhauses: Beide werden nach Hause geschickt; die Mutter ist nicht mehr ansteckend. Die 81-Jährige kann da zwar "noch keine großen Sprünge machen", aber: "Sie haben gewusst, dass sie meinen Vater nicht ohne meine Mutter entlassen können." Zumal für den Demenzkranken die fremde Umgebung alleine "schon Stress war": „Er hat sich nicht mehr ausgekannt.“

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Für die Rückkehr ihrer Eltern hat Pfleger da schon Vorkehrungen getroffen. Bereits zum Kofferpacken fürs Krankenhaus ist sie mit Overall, fester Brille, Handschuhen, Maske und Desinfektionsmittel in die Wohnung, ebenso zum Lüften und gründlichen Saubermachen: "Ich habe tagelang alles gewaschen und geputzt."

Pflegedienst übernimmt Duschen

Um Wäsche, Einkaufen und Kochen für ihre Eltern kümmert sich die Pressatherin nun neben ihrem eigenen Haushalt ebenfalls - für die Risikopatientin selbst eine Doppelbelastung. Dank einer Mitarbeiterin des Klinikums Weiden kommt nun aber drei Mal in der Woche ein Pflegedienst zu ihrem Vater zum Duschen. "Die müssen in voller Montur mit ihm im Bad stehen." Denn für ihre durch die Corona-Infektion geschwächte Mutter sind Haushalt und Versorgung ihres Mannes nun zu anstrengend. Dies sei für die 81-Jährige zwar schwer zu akzeptieren und ihr „total zuwider“, sagt Pfleger. Aber: "Sie sieht jetzt ein, dass es nicht mehr geht."

Sich "jemanden ins Boot holen", für Unterstützung sorgen, dazu rät auch Petra Mayer - und zwar bevor es zu solch kritischen Situationen komme: "Das Beste ist, sich schon im Vorfeld Gedanken machen." Die Expertin weist beispielsweise auf eine stundenweise Betreuung zu Hause zur Entlastung der Angehörigen hin, die deren Beanspruchung "etwas abpuffern" könne.

Sie hege gegen niemanden Groll, betont Margit Pfleger abschließend. Aber das alles wühle sie immer noch sehr auf. Sie werde "lange brauchen, um diese Geschehnisse zu verarbeiten", erklärt die Pressatherin: "Das Schlimmste war, fünf Stunden im Auto zu sitzen und zu warten, dass Hilfe kommt, und dabei zu wissen, mein dementer Vater ist da drin alleine und rennt von einem Fenster zum anderen."

Hintergrund:

Hilfe bei Demenzpflege

  • „Nicht darauf warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist“, lautet der erste Rat von Petra Mayer. Die Angehörigen sollten vielmehr bereits vorab „durchsprechen, was passieren kann“.
  • Wichtig sei auch, „dass man sich ein Netzwerk aufbaut und schon mal Hilfe in Anspruch nimmt“, damit „wenn Not am Mann ist“, die Helfer schon eingebunden, Betreuung und Aufgaben „auf mehrere Schultern verteilt“ sind.
  • Die Fachstelle für pflegende Angehörige ist eigentlich nur für Weiden zuständig, aber „ich unterstütze jeden, der sich an mich wendet“, sagt Mayer. Sie helfe bei der Suche nach einer Lösung, könne aber für eine solche nicht garantieren. Oft reiche jedoch schon Unterstützung — „und wenn sie bloß moralisch ist“.
  • Kontakt: Fachstelle für pflegende Angehörige, Tel. 0961/38987-50 (montags bis donnerstags, 13 bis 16 Uhr). Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit, Sozialpsychiatrischer Dienst, Weiden, Tel. 0961/38905-0. Fachstelle für Demenz und Pflege Oberpfalz, Sulzbach-Rosenberg, Telefon 09661/8999315. (rca)

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