Neugierig lugt das Federvieh über den Zaun. So viele Zweibeiner stehen selten am Rand des großen Dorfweihers. Doch an diesem Freitag vor der Allerweltskirchweih wird abgefischt. Und fast jeder im Dorf hat etwas davon, denn die Ausbeute wird seit Urzeiten auf alle Bauernhöfe in dem kleinen Ort aufgeteilt. Für die "Häusler" ohne Hof fällt auch ein Gratis-Fisch ab.
9 Häuser gibt es im Dorf, 7 hatten ursprünglich einen Anteil an der dörflichen Teichwirtschaft. Eine Familie hat verzichtet, jetzt wird durch 6 geteilt - und alle helfen. Ein großes Exemplar sucht sich bereits mit einem verzweifelten Sprung aus der Zinkwanne zu retten - vergebens. Gegen ein ganzes Dorf hat auch der größte Karpfen keine Chance.
Mit Gummistiefeln dabei
Wer Gummistiefel oder eine wasserdichte Wathose und einen Kescher hat, darf mitmachen. "Der Kleine da drüben ist nächstes Jahr dabei", erzählen die Zuschauerinnen am Ufer und deuten auf den Kinderwagen, in dem der einjährige Jakob noch wenig von dem Spektakel mitbekommt. "Da muss er aber aufpassen, dass er nicht im Schlamm stecken bleibt", sagen die erfahrenen Mütter, die schon so manchen übereifrigen Knirps herausziehen mussten, um ihn anschließend mit dem Gartenschlauch wieder von dem zähen Schlick zu befreien.
Das Wasser ist längst abgelassen, im Schlamm sind die Fische eine leichte Beute. Wie groß die ausfällt, ist jedes Jahr aufs Neue spannend. In guten Zeiten sind es pro Haushalt 10 bis 15. Der Dorfälteste Georg Blödt erinnert sich an einen Rekordfang, bei dem jeder mit 40 Pfund nach Hause ging. "Da hängt einem der Karpfen am Ende schon zum Hals raus", gesteht der 71-Jährige.
"Im letzten Jahr ist das Abfischen ausgefallen, weil es so trocken war", berichtet eine der Frauen, die amüsiert zuschauen, was das Wasser nun in diesem Jahr hergibt. Weil der Weiher auch als Löschteich für den Fall eines Brandes dient, hatte man es lieber nicht riskiert, ihn zu leeren. "Ein paar große fehlen noch", stellen die Männer fest, die gleich mit der Auswahl je nach Größe beginnen. Der "K1", also der einjährige Fisch muss zurück, auch der "K2" ist noch zu klein. Nur was schon ein paar Jahre hier schwimmt, ist groß genug für die Pfanne. Chef über die Rappenberger Teichwirtschaft ist in diesem Jahr Anton Zenger, der im Feuereifer des Sortierens nicht wenige Schlammspritzer abbekommen hat. "Der Posten geht jedes Jahr auf einen anderen Anteilseigner im Dorf über", erläutert Josef Bartmann. Die Frauen in dem Ort mit seinen 34 Einwohnern haben Kuchen gebacken und Kaffee gekocht, Bierbänke sind aufgestellt und ein kleines Lagerfeuer gibt es auch. "Nächstes Jahr sind wir hier 35", berichtet Josef Bartmann, der stolz darauf ist, dass sein Heimatort schon 1299 urkundlich erwähnt ist und 2013 die Goldmedaille bei "Unser Dorf soll schöner werden - unser Dorf hat Zukunft" gewonnen hat.
Blinde Entscheidung
Dann hat er keine Zeit mehr für Erläuterungen, denn jetzt ist die Stunde der Entscheidung: Die Fische werden auf die sechs Haushalte aufgeteilt, die jährlich auch einen Zentner Getreide zur Fütterung beisteuern und das Personal zum Abfischen stellen. Gibt es da auch mal Streit? "Nie", sagt Bartmann, und schnell wird klar, wie die Dorfgemeinschaft mit einer jahrzehntelangen Tradition hier vorgebeugt hat: Je sechs Karpfen gibt es heuer pro Haushalt, sechs Rationen liegen vor aller Augen sichtbar zur Verteilung bereit. Nur der diesjährige Fischer-Chef Zenger steht mit dem Rücken zur Beute. Das hat Methode, denn wenn er nun einen der sechs Familiennamen aufruft, weiß er nicht, auf welche Portion seine Nachbarn in diesem Moment gedeutet haben. So ist es Zufall, wem welche Fische zufallen.
Schnell stehen die ersten Karpfen-Esser mit einem Schubkarren voller Wasser parat und transportieren ihren Anteil ab. Ist das Kirwa-Menü damit klar? Keineswegs, erklären die Köchinnen im Dorf. So frisch aus dem Weiher, da würden die Karpfen doch "lettln" (nach Schlamm schmecken). "Die müssen jetzt erst mal acht Tage in klares Wasser" erklärt Edeltraud Maier. Den panierten Karpfen, den gebe es dann eher an Allerheiligen. Da jeder Hof eine Fischgrube hat, kann das jeder individuell entscheiden. Und was kommt dann zur Kirwa am Sonntag auf den Tisch? "Ente", tönt es aus der Runde um den Teich. Diese Tiere sind im Dorf bei Rita Herrmann herangewachsen, allerdings sind sie genauso wenig Gemeinschaftseigentum wie die neugierigen Gänse neben dem Weiher. Und wenn es mal keine Fische gibt, weil Reiher oder Fischotter schneller waren? "Dann teilen wir halt die Gänse auf", scherzt die Fisch-Kommune .
Waaghäuschen wird Fischerhütte
Der Dorfweiher ist nicht der einzige Gemeinschaftsbesitz in Rappenberg. Die Bewohner der Höfe teilen sich außerdem ein knapp vier Hektar großes Waldstück und ein Waaghäuschen, mit jeweils unterschiedlichen personellen Zuständigkeiten. In dem kleinen Holzschuppen mit Viehwaage wurde allerdings 2011 zum letzten Mal ein Schwein gewogen. Trotzdem hat die Dorfgemeinschaft das Bauwerk mit Unterstützung der Stadt Pfreimd, viel Eigeninitiative sowie dank entgegenkommender Zimmerer und Spengler saniert. Jetzt lagern dort das Fischfutter und Kescher. Wer als Teichwirt das Sagen hat, wird alljährlich bei einer Dorfversammlung ("Gmoi") festgelegt, doch in der Regel haben die Beteiligten die Reihenfolge im Kopf. Die nächste Fisch-Saison mit Arbeiten wie Besatz und Füttern und Teichkontrolle übernimmt demnach Hans Maier. Ein verbindendes Element ist der Dorfweiher auch in Sachen Wintersport. Beim Abfischen landen manchmal auch mehrere Pucks vom Eishockeyspiel im Netz.


















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