19.01.2020 - 20:46 Uhr
RegensburgOberpfalz

Wer hatte es auf das 750.000 Euro-Erbe abgesehen?

Ungewöhnlicher Fall von Erbschleicherei in Regensburg. Eine Frau wollte sich den Nachlass in Höhe von einer dreiviertel Million Euro unter die Nägel reißen - mit einem gefälschten Testament. Sie wurde trotzdem freigesprochen.

Symbolbild
von Autor AHSProfil

Mit einem ungewöhnlichen Fall von Erbschleicherei musste sich das Schöffengericht Regensburg unter Vorsitz von Richterin Andrea Costa befassen. Auf der Anklagebank hatte eine 69-jährige Hausfrau aus dem Landkreis Regensburg neben Verteidiger Tim Fischer Platz genommen. Ihr wurde Betrug in 36 tatmehrheitlichen Fällen zur Last gelegt.

Eine weitläufige Verwandte der im Juni 2015 verstorbenen Erblasserin, die Angeklagte, war im März 2017 mit einem Testament aus dem Jahr 2010 beim Nachlassgericht Regensburg erschienen, in dem sie zur Alleinerbin bestimmt worden war. Dabei gab sie zu Protokoll, dass ihr Ehemann kurz vorher das Testament im Wohnhaus der Verstorbenen gefunden habe. Der vom Amtsgericht bestellte Nachlasspfleger, ein Regensburger Rechtsanwalt, hatte jedoch Zweifel an der Echtheit der Urkunde. Daraufhin holte das Nachlassgericht beim Landeskriminalamt ein Schriftgutachten ein, das den Verdacht des Nachlasspflegers bestätigte. Die Eröffnung des Testaments wurde daraufhin abgelehnt und die Angeklagte nicht zur Alleinerbin erklärt. Ihre hiergegen beim Oberlandesgericht Nürnberg eingereichte Beschwerde blieb ohne Erfolg.

Zweifel an Aussagen

Auf Anraten ihres Verteidigers schwieg die Angeklagte vor dem Schöffengericht. Auch ihr Ehemann machte, wie bereits vor der Polizei, von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Die damals zuständige Rechtspflegerin des Amtsgerichts konnte sich noch daran erinnern, dass die Nachlasspflegschaft angeordnet wurde, um die Erben zu ermitteln und die Erbschaft zu sichern. Der damit betraute Rechtsanwalt habe kein Testament gefunden, obwohl es Hinweise auf ein solches gab. Die Angeklagte habe zu Protokoll gegeben, dass ihr Ehemann ins Haus gegangen sei, weil zwei Katzen der Erblasserin seit zwei Tagen jämmerlich miauten. Da habe er das Testament auf einem Küchenschrank obenauf liegend gefunden.

Die Sachbearbeiterin der Kripo berichtete, dass der Nachlasspfleger die Strafanzeige erstattete. Daraufhin habe sie mit ihm zusammen einen Durchsuchungsbefehl vollzogen. Sie sollte Beweismittel für einen Schriftvergleich sichern. Sowohl der Ehemann, als auch die Angeklagte hätten vor der Kripo keine Angaben gemacht. Sie sei jedoch bereit gewesen, eine Handschriftenprobe abzugeben.

Der Nachlasspfleger erzählte, dass er insgesamt 36 Erbberechtigte ermittelt habe. Bereits bei der ersten Hausbesichtigung habe er umfangreiche Schriftstücke, teils über 100 Jahre alt, mitgenommen und gesichtet. Ein Testament sei nicht darunter gewesen. Nach dem Anschreiben des Nachlassgerichts sei er nochmals vor Ort gewesen. Vor ihm kann, so wie von der Angeklagten behauptet, niemand im Haus gewesen sein. Dies würden die unversehrten Spinnweben an den Türen belegen. Das Anwesen, ein landwirtschaftliches Gehöft, sei teilweise verfallen und einsturzgefährdet gewesen. Deshalb könne der Ehemann der Angeklagten unmöglich auf dem von ihr beschriebenen Weg ins Haus gelangt sein. Im Rahmen seiner Tätigkeit habe er auch erfahren, dass die Angeklagte als Inhaberin einer umfassenden Bankvollmacht der damals pflegebedürftigen Erblasserin versucht haben soll, gegen deren Willen ihrem Sohn ein Darlehen zu verschaffen.

Wer schrieb das Testament?

Eine 78-jährige Seniorin, die einem Verein für Heimtierpflege angehört, berichtete, dass sie die Erblasserin rund 15 Jahre lang kannte und sie bei der Versorgung von bis zu sieben Katzen unterstützte. An dem von der Angeklagten behaupteten Tag seien ihr auch tatsächlich zwei Katzen übergeben worden. Diese müssen über das Dachgeschoss ins Haus gelangt sein. Mit der Erblasserin, die eher armselig gelebt hat, habe sie ein paar Mal über ein Testament gesprochen. Da habe es immer geheißen: "Es ist alles schon vom Großvater schriftlich geregelt. Es bleibt alles in der Familie." Sie sei perplex gewesen, als sie hörte, dass die Frau eine dreiviertel Million Euro hinterlassen haben soll.

Quasi das "Zünglein an der Waage" war die Schriftsachverständige des Landeskriminalamtes. Nach ihren Feststellungen handelt es sich mit einer 95-prozentigen Wahrscheinlichkeit bei dem Testament um eine Fälschung. Allerdings könne sie nicht sagen, wer es geschrieben hat. Hierfür würden die Handschriftenproben nicht ausreichen.

In seinem Schlussvortrag kam der Staatsanwalt zu dem Ergebnis, dass die Fälschung fest steht. Dies reiche jedoch nicht aus, da die Angeklagte nicht die einzige ist, die ein Motiv hatte. Sie müsse daher freigesprochen werden. Diesem Antrag schlossen sich der Verteidiger und letztendlich das Schöffengericht an.

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