09.05.2019 - 13:39 Uhr
RegensburgOberpfalz

Digitaler Stress: Wann man das Smartphone besser mal weglegt

Im Schnitt 268 Mal greift ein 20-Jähriger am Tag zum Handy: Der Regensburger Neurologe Dr. Volker Busch erklärt, welche Probleme das mit sich bringt - auch für Firmen. Und gibt Tipps, wann man das Smartphone mal weglegen sollte.

Ständig am Handy. Im Schnitt greift ein 20-Jähriger am Tag 268 Mal zum Smartphone, sagt Neurologe Dr. Volker Busch von der Uni Regensburg.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Das Handy vibriert, der erste Reflex ist: Hinlangen, nachschauen, wer einem was geschrieben hat. Warum der Griff zum Handy heute permanent zum Alltag gehört - und wann man das Smartphone besser mal weglegt: Darüber sprach der Regensburger Neurologe Dr. Volker Busch am Mittwochnachmittag beim Arbeitgebertag zum Thema "Digitaler Stress im Alltag" von Handwerkskammer und IHK.

Bei dieser Zahl ging ein Raunen durch den großen Saal der Handwerkskammer in Regensburg: 268 Mal greift ein 20-Jähriger im Schnitt laut Busch am Tag zum Handy. Eine seiner Studentinnen habe ihn einmal mit der Aussage überrascht, sie nehme das Handy nur einmal am Tag in die Hand, nämlich morgens, erzählte Busch - und abends lege sie es wieder weg. Was erstmal lustig klingt und das Klischee einer Jugend zu bestätigen scheint, die daueronline ist, hat laut Busch, Neurologe, Psychiater und Psychotherapeut der Universität Regensburg, ernstzunehmende Auswirkungen.

"In den Industrienationen hat sich die konzentrierte Leistung verschlechtert, weil wir ständig abgelenkt und unterbrochen werden", sagte Busch. Der Griff zum Handy sei so verlockend, weil das menschliche Gehirn darauf programmiert sei, Reize aus der Umwelt zu erkennen und schnell darauf zu reagieren - das rettete den Menschen früher in vielen Fällen das Leben. Im Körper werde daher das Glückshormon Dopamin ausgeschüttet. "Jeder Griff zum Handy ist ein kurzer Dopamin-Kick." Busch erlebt als Dozent selbst, dass es Studenten heute schwerer fällt, einer Vorlesung konzentriert zu folgen. Um sie bei der Stange zu halten, müsse der Vortrag bestenfalls "wie ein Youtube-Video gestaltet sein". Arbeitgeber, bei denen er Vorträge hält, melden ihm, dass Azubis es schwieriger finden, sich an einem Thema festzubeißen. "Wir sind heute sehr oberflächlich und springen viel umher", sagte Busch. Das führe dazu, dass die "Generation Z", die heute 7- bis 22-Jährigen, oft sehr klare Anweisungen braucht, wie etwas ausgeführt werden muss.

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Aber auch die Älteren kennen das Problem, dass die Handynachricht, die Email oder der Telefonanruf einen aus dem Arbeitsvorgang reißt. "Wer für eine Minute beim konzentrierten Arbeiten gestört wird, braucht danach fünf bis acht Minuten, bis er wieder reinkommt", sagte Busch. Ein typischer Büroangestellter in Deutschland verliere durch den ständigen Aufgabenwechsel 50 Minuten seiner täglichen Arbeitszeit. Außerdem erhöhe sich die Fehlerquote.

Der Mensch könne oft gut etwas Motorisches und etwas Intellektuelles gleichzeitig machen, etwa Joggen und ein Hörbuch hören. Doch zwei intellektuelle Tätigkeiten parallel seien schon eine Herausforderung. Dass Frauen das Multitasking besser beherrschen, hält Busch für eine "urbane Legende". Wissenschaftlich sei das zumindest nicht bewiesen. Die Digitalisierung erschwere das Zurechtfinden. "In einer Welt voller Monitore entgeht uns viel mehr, weil wir nicht mehr aufmerksam sind." Dabei sei Konzentration eine der wichtigsten Voraussetzungen, um alle nachfolgenden Aufgaben zu schaffen. Ein Chirurg, ein Steuerberater oder ein Busfahrer müsse sich konzentrieren, um keine Fehler zu machen.

Den Arbeitgebern gab Busch den Ratschlag mit auf den Weg, für die Mitarbeiter und für sich selbst sogenannte "Fokuszeiten" einzuführen, bei denen die Konzentration allein auf einer Aufgabe liegt. 30 bis 60 Minuten am Tag empfiehlt der Wissenschaftler dafür. Ein Einstellungsgespräch oder das Erstellen eines komplizierten Vertrags könnten in dieses Zeitfenster gelegt werden. Untersuchungen hätten gezeigt: "Wenn wir uns kleine Freiräume schaffen, erreichen wir nicht nur eine größere Leistung, sondern auch eine größere Zufriedenheit bei den Mitarbeitern."

Als Beispiel führte er eine mittelständische Firma an, die jeden Tag von 9 bis 11 Uhr einen "stillen Korridor" eingeführt hat: Die Mitarbeiter sind dann nicht telefonisch zu erreichen, sondern konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Weil die Firma hervorragende Leistungen abliefere, seien bislang keine Kunden abgesprungen, erklärte Busch. Weitere Tipps des Experten: den Tagesablauf am Morgen durchgehen, ein Logbuch für Gedanken führen, Mails nur zwei Mal täglich checken, Pufferzeiten für Unvorhergesehenes einplanen - und am Ende des Tages den Schreibtisch aufräumen.

Dr. Volker Busch bei seinem Vortrag zum Thema "Digitaler Stress im Alltag".
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