14.07.2020 - 08:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

"Wir haben auch Fehler gemacht"

Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, über Corona, Krisenresilienz und den "Club of Rome".

Dr. Georg Haber, Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz: "Man muss einfach sein Hirnkastl einschalten und vernünftig sein."
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Herr Haber, wie ist das Oberpfälzer Handwerk bisher mit Corona umgegangen?

Dr. Georg Haber: Sehr verantwortungsbewusst, wie ich finde. Ich freue mich, dass wir die Mitgliedsbetriebe auch von Seiten der Handwerkskammer unterstützen konnten und dass unsere Informationsangebote so gut angenommen wurden. Mit der Aufhebung des Lockdowns hat sich wirtschaftlich wieder eine Erholung eingestellt. Aber die Unternehmen hat es natürlich ganz unterschiedlich getroffen. Das Bauhandwerk lief quasi weiter, der Friseur musste von heute auf morgen schließen. Kurzarbeit ist nach wie vor verbreitet. Und die Auftragsreichweiten sind ganz unterschiedlich. In vielen Betrieben werden Polster abgetragen. Entscheidend wird für mich aber die Lage im Herbst sein.

ONETZ: Corona ist also noch nicht überstanden?

Dr. Georg Haber: Corona ist keine Sache von gestern. Wir müssen vorsichtig bleiben. Es bedarf nur eines Hotspots und alles weitet sich wieder aus. Das träfe uns dann noch viel härter als das ohnehin schon der Fall ist. Ich zum Beispiel habe gleich die Corona-App auf mein Handy geladen. Man muss einfach sein Hirnkastl einschalten und vernünftig sein.

ONETZ: Zeigt sich das Handwerk krisenstabiler als die Industrie?

Dr. Georg Haber: Ich sehe, dass kleine und mittelständische Handwerker flexibler auf solche Situationen reagieren können als große Betriebe, wie wir sie häufig in der Industrie vorfinden. Das Handwerk ist ein Stabilitätsanker. Große Betriebe müssen schauen, dass sie die bisherigen Strukturen überdenken. Die global agierende Industrie ist heute abhängig von internationalen Lieferketten. Wozu das führen kann, haben wir jetzt gesehen. Riesen kommen ins Wanken, Mitarbeiter werden entlassen und von den Leiharbeitern in der Industrie ist überhaupt nicht mehr die Rede.

ONETZ: Das spricht doch für das Handwerk als Arbeitgeber.

Dr. Georg Haber: Unbedingt. Die Arbeitsplätze in der Industrie sind meist hochspezialisiert, wer im Handwerk arbeitet ist dagegen breit ausgebildet. Dem stehen alle Wege offen. Das kann gerade in Krisen ein wichtiger Aspekt sein. Und handwerkliche Arbeit ist immer sinnstiftend: Am Ende des Tages weiß man konkret, was man getan hat. In den zumeist inhabergeführten Betrieben sind Sie als Mitarbeiter auch keine Nummer, sondern fast schon Teil der Familie.

ONETZ: Was braucht das Handwerk jetzt am nötigsten?

Dr. Georg Haber: Weiter Aufträge. Der öffentlichen Hand kommt hier besondere Bedeutung zu. Sparen wäre jetzt fehl am Platz. Wenn die Kommunen sparen, sinkt auch die Gewerbesteuer, die sie von uns bekommen - und umgekehrt. Da geht es ums Jahr 2021. Nehmen Sie die Finanzkrise 2008. Da war das Handwerk Stabilitätsanker. Das soll auch diesmal wieder so sein. In diesem Zusammenhang ist zum Beispiel auch die Mehrwertsteuersenkung seit 1. Juli eine begrüßenswerte Maßnahme, das Beispiel Großbritannien zeigt, dass 60 bis 70 Prozent beim Verbraucher ankommen. Der mit der Mehrwertsteuersenkung verbundene Aufwand ist aber für unsere Betriebe nicht unerheblich, weshalb eine Verlängerung ins Jahr 2021 unbedingt notwendig wäre.“

ONETZ: Kann Corona auch zu einem Umdenken in der Wirtschaft führen?

Dr. Georg Haber: In der Vergangenheit haben wir als Gesellschaft sicherlich Fehler gemacht. Es galt: Globalisierung um jeden Preis, Hauptsache billig. Mich hat schon früh der "Club of Rome" überzeugt (eine internationale wissenschaftliche Gruppierung; Anm. d. Red.), der auf die Folgen gedankenlosen Wachstums hingewiesen hat. Wir benötigen wieder mehr Regionalität, kurze Wege und einen "Green Deal". Dafür bringt das Handwerk ideale Voraussetzungen mit, das nah am Menschen ist und nachhaltig denkt.

Handwerker-Chef und Unternehmer: Dr. Georg Haber betreibt in Regensburg ein Metallrestaurierungsunternehmen. Dort wurde beispielsweise das Kreuz auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses gefertigt.

Vom Müller zum Maschinenbauer: Wie sich das Handwerk entwickelt hat und welchen Einfluss es auf die moderne Berufswelt hat. Gedanken von Dr. Tobias Hammerl, Leiter des Freilandmuseums Neusath-Perschen.

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