04.07.2019 - 08:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

"Handwerk hat spannende Zukunft"

Volle Auftragsbücher, vielfältige berufliche Perspektiven und neue Techniken: Es tut sich was im Handwerk. Einblicke von Jürgen Kilger, Hauptgeschäftsführer der Kammer Niederbayern-Oberpfalz.

Kammer-Hauptgeschäftsführer Jürgen Kilger sieht für Nachwuchskräfte interessante Möglichkeiten. Allerdings dürften die Betriebe in der Außendarstellung nicht "zu brav" sein.
von Reiner Wittmann Kontakt Profil

ONETZ: Herr Kilger, der Zentralverband des Deutschen Handwerks hat vor kurzem mitgeteilt, dass es im Durchschnitt bis zu zehn Wochen dauert, bis man einen Handwerker bekommt. Stimmt Sie das fröhlich?

Jürgen Kilger: Ja, auch das ostbayerische Handwerk ist sehr gut unterwegs. Unsere Konjunkturumfragen belegen dies. Der Geschäftsklimaindex ist fast so gut wie zur Zeit der Wiedervereinigung. Klar, das stimmt fröhlich, weil die Betriebe so investieren können - auch in ihre Mitarbeiter. Die langen Wartezeiten für die Kunden sind aber nicht nur eine Frage der boomenden Wirtschaftslage, sondern ergeben sich auch aus der Tatsache, dass wir zu wenige Leute haben. Das Handwerk würde gerne mehr Mitarbeiter einstellen, aber der Arbeitsmarkt ist eben schwierig.

ONETZ: Im Wettbewerb um gute Azubis und Fachkräfte kann das Handwerk aber seine Trümpfe ausspielen. Während in anderen Bereichen die Menschen am Computer arbeiten, können sie im Handwerk noch mit der "Hand werken" und am Feierabend sehen, was sie getan haben. Ist das nicht ein unschlagbarer Vorteil?

Jürgen Kilger: Da haben Sie natürlich recht, wir sehen das als klaren Vorteil. Das bestätigen uns auch die Azubis so. Dennoch ist der Trend zur Akademisierung ungebrochen. Daher ist es für unsere Betriebe von großer Bedeutung, dass sie ihre Arbeitgebermarke stärken. Viele Unternehmen zahlen gut, bieten ein hervorragendes Arbeitsklima, Weiterbildungsmöglichkeiten und, und, und. Aber: Sie reden zuwenig darüber! Man darf in der Außendarstellung nicht zu brav sein. Gerade selbstbestimmtes, lösungsorientiertes Arbeiten ist im Handwerk die Regel. Das wollen die Menschen, damit kann man werben. Und noch eines darf man nicht vergessen: Unsere Betriebe bieten Arbeitsplätze in der Heimat, sie engagieren sich für den ländlichen Raum. Das ist identitätsstiftend.

ONETZ: Das Handwerk bietet darüber hinaus attraktive Möglichkeiten, selbst Chef zu werden.

Jürgen Kilger: In der Tat. In den nächsten Jahren werden viele Betriebsinhaber in den Ruhestand gehen. Da eröffnen sich im Handwerk äußerst attraktive Nachfolgeoptionen. Bei uns in der Region sind die Chancen für engagierte Leute besonders gut. Eine aktuelle Studie der Universität Göttingen im Auftrag des Deutschen Handwerksinstituts hat den Handwerkeranteil in allen deutschen Landkreisen untersucht. Ergebnis: Von den fünf Landkreisen mit dem höchsten Handwerkeranteil liegen vier in Ostbayern, nämlich in Weiden, Neumarkt, Rottal/Inn und Straubing/Bogen! Als Handwerkskammer unterstützen wir sowohl Betriebsübergeber als auch -übernehmer. Daneben gibt es mit den "Nachfolgelotsen" eine Kooperation der IHK Regensburg Oberpfalz-Kelheim, der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz und der Hans-Lindner-Stiftung. Wer mehr über die Möglichkeiten in der Unternehmensnachfolge erfahren will, kann am Mittwoch, 10. Juli, den "Tag der Unternehmensnachfolge" in der Regensburger Continental-Arena besuchen. Das Ganze wendet sich zum Beispiel an Meister, Hochschulabsolventen, aber auch an Firmenübergeber. Es gibt Workshops, Beratung, eine Betriebsbörse und viel Spaß. Die Teilnahme kostet nichts und die Anmeldung ist online noch möglich.

ONETZ: Auch die Digitalisierung beschäftigt Ihre Mitgliedsbetriebe. Geht mit ihr die Trennschärfe zwischen Handwerk und Industrie verloren?

Jürgen Kilger: Diese Sorge teile ich nicht. Das Handwerk war immer innovativ, hat Betriebe hervorgebracht, die später in den industriellen Sektor übergegangen sind. Der Übergang ist da oft fließend. Man beginnt mit Einzelfertigung und geht dann in Serie. Es gibt kein eindeutiges, juristisches Abgrenzungskriterium zwischen Handwerk und Industrie. Wer Individualanfertigungen macht, ist aber definitiv Handwerk. Digitalisierung ist Automatisierung, das heißt aber nicht automatisch Industrie. Es ändern sich Abläufe, zum Beispiel in der Produktion oder im Büro. Die Losgröße eins ist aber trotz Digitalisierung möglich. Nehmen Sie etwa den Zahntechniker, der mit Hilfe eines 3-D-Druckers eine individuelle Prothese herstellt. Das geschieht zwar nicht mehr mit der Hand, ist aber dennoch nicht Industrie.

ONETZ: Diese Entwicklung ist also für das Handwerk keine Bedrohung?

Jürgen Kilger: Ganz im Gegenteil, die Digitalisierung ist Chance, die wir nutzen müssen. Wichtig ist, dass wir die Mitarbeiter in den Betrieben mitnehmen und schulen. Als Kammer regieren wir unter anderem mit einem Digitalisierungszentrum in Schwandorf-Charlottenhof darauf. Das werden wir nach dem neuen BIM-Standard errichten (Building Information Modeling; Anm. d. Red.). Alles wird dabei digital dokumentiert und alle am Bau Beteiligten arbeiten auf der gleichen Datenplattform. Dieses Vorgehen schafft ein Höchstmaß an Planungs- und Bausicherheit. Wir werden dieses Gebäude für Ausbildungszwecke nutzen, so dass unsere Leute am Objekt lernen können, Zusammenhänge verstehen und in die eigene berufliche Realität übersetzen können. Das Handwerk hat eine spannende Zukunft vor sich.

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