27.09.2018 - 16:00 Uhr
RegensburgOberpfalz

Die kürzeste Weinstraße Deutschlands

Die Römer sind schuld. Sie bringen den Wein vor etwa 2000 Jahren über die Alpen. An den Südhängen zwischen Tegernheim und Tiefental wächst noch immer der „Regensburger Landwein“. Hier gibt es keine Weinkönigin – aber einen Förderverein.

von Gertraud Portner Kontakt Profil

„Der Jahrgang 2018 wird a guts Tröpferl“, sagt Otto Reichinger. Wir stehen an der Theke des Baierwein-Museums in Bach an der Donau, direkt am Fuße des Weinbergs an der Hauptstraße 47. Neben den Gläsern liegt die Jubiläumsbroschüre zum 20. Geburtstag des Museums. Das Motto der Einrichtung: Sehen, kosten und verstehen. Jeden ersten Sonntag im Monat (letzter Termin am 7. Oktober) sind Führungen angesetzt. Vier hauseigene Weine aus 2017 gibt es dabei zu probieren: Müller-Thurgau, Kerner, Silvaner und den Elbling als Urrebe. Der Elbling wurde bis etwa vor 30 Jahren fast alleine angebaut und ist schuld an den Witzen über sauren Regensburger Wein, wovon die Informationstafeln im Baierwein-Museum berichten. Der Kellermeister klärt sofort ein Missverständnis auf: „Vom schlechten Ruf als Sauerampfer ist heute nichts mehr übrig.“ Die Klimaerwärmung tue dem Weißen Elbling, auch Hierländer genannt, sehr gut.

Der Kellermeister versteht sein Metier. Es sind echte, trocken ausgebaute, sortentypische und vom Urgesteinsboden (im Gegensatz zum Muschelkalk in Franken) mit feinen Aromen ausgestattete Spezialitäten. Bevor die Stimmung in der Gruppe weinselig wird, gibt es etwas Geschichtsunterricht – fester Bestandteil der bisher 70 Führungen in 2018. Rund 20 Winzer bauen seit einiger Zeit – meist im Nebenerwerb – den Baierwein wieder an. Dieser darf aber offiziell nicht so heißen, denn laut EU-Bürokratie gehört das Gebiet zu Unterfranken. Und dass, obwohl hier vielleicht das älteste Weinbaugebiet Bayerns liegt. Die Südhänge zwischen Tegernheim und Tiefental (Wörth an der Donau) gelten mit ihren fünf Hektar als Bayerns kleinstes Weinbaugebiet und mit 20 Kilometern als kürzeste Weinstraße Deutschlands. Und die Stadt Regensburg betreibt über ihr Gartenamt einen eigenen Weinberg auf den Winzerer Höhen. Die Sorte Müller-Thurgau steht deutlich im Vordergrund. Es gibt keine Weinkönigin und keine Winzergenossenschaften – aber auch keine Absatzprobleme.

Eine Besonderheit ist der Museumsweinberg in Bach mit Lehrpfad und dem Baierwein-Museum, welches im Frühjahr 1998 eröffnet wurde. Träger ist die Gemeinde, während sich ein Förderverein mit etlichen Wein-Enthusiasten darunter den sehr engagierten Vorsitzenden Prof. Dr. Dieter Strauch, um den Museumsbetrieb sowie auch um die Pflege der Weinberge mit den rund 850 Rebstöcken bis hin zum Weinausbau kümmert. „Wir setzen hier mehr auf Qualität als auf Quantität“, bekräftigt zweiter Vorsitzender Otto Reichinger. Die etwa sechs Hektoliter pro Jahr, die der Museumsweinberg hergibt, sind heiß begehrte Tropfen. Das wird auch nächstes Jahr wieder so sein. Während der Kellermeister die zweite Flasche Kerner öffnet, schwärmt er vom Jahrgang 2018, denn es ab März 2019 zu kosten geben wird. „Trocken ausgebaut, präsentiert er sich frisch-fruchtig und trotzdem mit einer spürbaren Säure.“ Ähnlich wie in 2003 sei es wieder ein Hitzejahr gewesen, mit sehr wenig Regen in der Region Bach. „Man muss sich wundern, was die Reben leisten und geschafft haben.“ Dazu habe beigetragen, dass ertragsreduziert gearbeitet wurde: „Wir haben die Reben entlastet und das ist sich ausgegangen.“ Ein Glück sei es auch, dass die Stöcke ein gewisses Alter und als Tiefwurzler den Boden erschlossen haben. Reichinger vergleicht mit 2017: „Auch da hat es Stress mit der Trockenheit gegeben. Doch plötzlich kam Starkregen und schwemmte vieles weg.“ Auf die Fäulnis folgte eine Not-Ernte.

„Heuer haben wir eine optimale Lese, da sich die Trauben durch den Regen kurz vorher noch erholen konnten“, freut sich der Kellermeister und ist „sehr, sehr zufrieden“. Hitze und Trockenheit garantieren relativ gute Zuckerwerte, aber auch einen niedrigen Säure-Jahrgang mit hohem PH-Wert. Besonders der Silvaner – übrigens die Sorte, mit welcher der Museumsverein etwa die Hälfte der Flaschen füllt – liege unter fünf Promille Säure. „Es gibt ein Hefe-Problem und so werden wir ein wenig zusetzen müssen“, erklärt der Kellermeister und ergänzt: „Saure Gärung ist saubere Gärung.“ Die zugegebene Hefe falle als Weinstein wieder heraus. Er holt ein paar der 420 abgefüllten Flaschen Silvaner 2017 (80 Grad Oechsle, 9 Promille Säure) aus dem Lagerkeller. Mittlerweile sitzen wir bei Sonnenschein in der mit riesigen Findlingen abgesetzten Laube unterm Weinberg.

Über den Winter ist Reichinger die „Kellerassel“, wie er lachend erzählt. Nach der Hauptlese – heuer schon Mitte September – werden die Beeren gepresst und der Most zur Gärung in den Keller gebracht. Die weiteren Aufgaben in Handarbeit: Abzug von Haupt-Hefe, Stabilisierung als Schutz vor Oxidation, Klärung und Eiweißschönung – übrigens das traditionellste und schonendste Verfahren zum Schönen von Wein. Dazwischen sind immer wieder Messungen notwendig. Im Januar/Februar ist der Wein fertig. Er bleibt bis zur Harmonisierung noch liegen und wird erst im März in Flaschen gezogen. „Das ist immer eine Fetzen-Gaudi, denn wir müssen natürlich vorher probieren“, sagt Otto Reichinger und klopft seinem Banknachbarn auf die Schulter. Vorher findet im Januar noch die „Winternacht im Weinberg“ statt, wozu seine Gattin weißen Glühwein vom Baierwein beisteuern wird.

Übrigens: Den ersten Müller-Thurgau 2018 gab es schon vor einer Woche am 23. September beim 19. Federweißenfest zu probieren, das anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Baierwein-Museums ausgerichtet wurde. „Ein super Federweißer. Doch leider hat es geregnet und so kamen weniger Gäste“, bedauert der Kellermeister. Von den 600 Flaschen sind ganze 200 Liter übrig geblieben. Doch kein Problem: Der Rest wird endvergärt und zu Wein ausgebaut. Und dafür gibt es genügend Liebhaber mit einem Gaumen, der an Säure gewöhnt ist. Denn der Tropfen aus dem zweitkleinsten Weinanbaugebiet Deutschlands ist eine Rarität – und längst nicht in aller Munde.

Geschichte des Weinanbaus:

Schon vor 2000 Jahren sollen an der Donau bei Regensburg Trauben gewachsen sein. Zum ersten Mal erscheint der Baierwein in einer Urkunde des Klosters Prüfening. Übrigens: Der Name war früher auch an Altmühl, Isar, Rott, Inn üblich. Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert war der Baierwein ganz groß. Der Dreißigjährige Krieg und eine Klima-Abkühlung sorgten für den Niedergang. Ab jetzt wurde das Bier zum Getränk Nummer eins in Bayern. 1912 vernichtete dann auch noch ein Pilz, der „Falsche Mehltau“, viele Stöcke. Doch seit 1970 nehmen die Rebflächen wieder langsam zu, so dass mittlerweile wieder rund 20 Winzer im kleinsten Anbaugebiet Bayerns ihrer Leidenschaft nachgehen. Der „Regensburger Landwein“ mit seiner leicht trockenen Note kann in den Weinstuben, wie in Bach oder Kruckenberg, direkt beim Erzeuger verkostet werden.

Die Baierwein-Route mit Blick zur Donau und Walhalla, lockt Gäste per Schiff, Zug, Auto oder Radl an. Alles über den Weinanbau in der Region gibt es im Baierwein-Museum in Bach zu erfahren. Während in den ersten zehn Jahren das alte Bacher Biethaus aus dem 15. Jahrhundert die Anlaufstelle war, bietet seit 2008 ein Erweiterungsbau viel Platz. Dieser entstand mit 145 000 Euro aus dem Leader-plus-Programm der EU als Anbau an das historische Presshaus. Hier steht im Keller eine Baumpresse von 1615, eine der ältesten Weinpressen Deutschlands. Zu sehen sind ferner Werkzeuge zur Weinbergsarbeit und zum Pflanzenschutz, sowie Geräte zur Weinbereitung wie Traubenmühle, Spindelpresse oder Weinfilter. Gleich daneben beginnt der Weinlehrpfad am Steilhang mit einer Sammlung von alten Rebsorten und einem herrlichem Ausblick über das Donautal. Auf Infotafeln können die Besucher mehr über die derzeit an der Donau angebauten Sorten – überwiegend ist es Weißwein – erfahren. Das Außengelände mit Lehrpfad ist jederzeit zugänglich. Zum Abschluss kann der veredelte Rebsaft in der museumseigenen Weinschenke probiert werden. Kaufen kann man die Weine aber nicht.

Das Museum hat von Mai bis September jeden Sonntag von 13 bis 16 Uhr geöffnet (Einritt: 2 Euro für Erwachsene: 1 Euro für Schüler ab 10 Jahren). Wer eine Führung möchte, zahlt 3 Euro Eintritt (Kinder frei), zuzüglich 1,50 Euro für die Weinverkostung. Für Einzelpersonen und Kleingruppen gibt es an jedem ersten Sonntag im Monat eine Sammelführung (letztmals am 7. Oktober), Beginn ist um 12.15 Uhr (und damit bequem zu erreichen bei Anreise mit dem Schiff). Eine Anmeldung ist nur für größere Gruppen erforderlich.

Tradition braucht Pflege:

Der Förderverein „Baierwein-Museum“ zählt etwa 270 Frauen und Männer, die nicht nur finanzielle Unterstützung leisten, sondern auch tatkräftig mit anpacken. Um die Kenntnisse im Weinbau zu erhalten, hat der Verein heuer erstmals sechs kostenlose Kurse zu den Arbeiten im Weinberg angeboten. „Man kann im Weinberg fast nichts kaputtmachen. Es wächst sich alles wieder aus“, erklärt Otto Reichinger, Leiter des Rebschnittkurses im März. Das Interesse war mit 30 Personen sehr groß. „Man schaltet ab, der Kopf wird frei. Wie bei Exerzitien“, sagt der rührige Gründungsvorsitzende. Die weiteren Einheiten bis Ende Juli beschäftigten sich mit der Laubarbeit (Triebkorrektur, Aufbinden, Traubenzone freistellen, Ausgeizen und Wuchs- bzw. Ertragskorrektur. Zum Abschluss des Arbeitseinsatzes gab es eine kleine Brotzeit zur Stärkung und natürlich wurden die Mühen mit Wein belohnt. Auch 2019 soll es wieder Kurse geben (www.baierwein-museum.de).

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