27.10.2021 - 08:33 Uhr
RegensburgOberpfalz

Nächtliche Sitzungen sind für Bundestags-Neuling Tina Winklmann kein Problem

Tina Winklmann ist keine typische Grüne: Die Oberpfälzerin kommt vom Land, arbeitete lange als Verfahrensmechanikerin im Schichtdienst – und ist die einzige Grünen-Abgeordnete im Bundestag, die nicht studiert hat. Ein Vorteil, findet sie.

Ein Selfie als Bundestags-Neuling: Die Oberpfälzer Grünen-Abgeordnete Tina Winklmann vor dem Reichstag in Berlin.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Für Tina Winklmann aus Wackersdorf (Kreis Schwandorf) sind es spannende Zeiten: Bei der Bundestagswahl schaffte sie den Sprung ins Parlament. Seitdem pendelt die 41-Jährige mit dem Zug zwischen der Oberpfalz und Berlin. Die Hauptstadt kannte sie bisher nur von Kurztrips, nicht als Arbeitsort. „Ich bin jetzt sozusagen auf Montage“, sagt die gelernte Facharbeiterin. Eine Wohnung hat sie in Berlin noch nicht gefunden, sie übernachtet im Hotel. Die langjährige Grünen-Abgeordnete Ekin Deligöz hat ihr einen Büroraum zur Verfügung gestellt, bis ein eigenes Abgeordnetenbüro für Winklmann bereitsteht. „Das dauert alles etwas, weil unsere Fraktion so stark angewachsen ist“, erzählt die neue Oberpfälzer Grünen-Abgeordnete.

Auch wenn die grüne Bundestagsfraktion mit 118 Mitgliedern so stark wie noch nie ist, waren die Erwartungen noch größer, räumt die 41-Jährige ein. „Wir hatten uns ein besseres Ergebnis gewünscht.“ Am Wahlabend stand noch gar nicht fest, ob Winklmann den Einzug in den Bundestag schafft. Nach einer schlaflosen Nacht kam um 5.30 Uhr in der Früh die erlösende Nachricht. „Oh mein Gott, es hat wirklich geklappt. Wir haben in der Region eine grüne Vertretung“, war Winklmanns erster Gedanke. Dann hieß es Koffer packen, noch am selben Tag ging es nach Berlin.

Neben dem Regensburger Stefan Schmidt ist sie nun die zweite grüne Oberpfälzer Bundestagsabgeordnete. Eine Entwicklung, die in Winklmanns Jugendzeit noch weit weg war. „Politisch war viel Schwarz um mich herum“, erzählt sie. Eine Ausnahme bildeten ihre Eltern, die eine SPD-Neigung hatten – und ihre Kinder aufforderten, sich politisch eine eigene Meinung zu bilden. Für Winklmann war früh klar, dass die Grünen ihre politische Heimat sind. Schon mit elf Jahren gründete sie eine Umweltgruppe für Kinder. Mit 16 Jahren warf sie ihren Mitgliedsantrag für die Grünen in den Briefkasten.

Winklmann absolvierte eine Ausbildung zur Verfahrensmechanikerin bei Wilden (heute Gerresheimer) in Pfreimd, war anschließend bei Siemens in Amberg beschäftigt. Über 20 Jahre arbeitete sie im Dreischichtdienst, engagierte sich bei der Gewerkschaft. Für ihr neues Amt als Bundestagsabgeordnete ist ihr beruflicher Hintergrund in mehrfacher Hinsicht ein Vorteil, findet Winklmann. „Ich kann jede Sitzung durchmachen bis morgens früh“, sagt sie und lacht. Zum anderen helfe ihr die praktische Erfahrung als Facharbeiterin bei der politischen Arbeit. Sie kenne die Arbeitsbedingungen und könne sich darauf basierend in die politische Diskussion einbringen.

Parteiintern sei ihr beruflicher Hintergrund bislang kaum Thema gewesen, sagt Winklmann. Erst nachdem die „taz“ vor kurzem über sie als einzige Nichtakademikerin in der Grünen-Bundestagsfraktion berichtet hatte, wurde sie von Fraktionskollegen darauf angesprochen. Winklmann wünscht sich, dass eine Arbeiterin als grüne Bundestagsabgeordnete künftig keine Ausnahme mehr ist. „Die Vielfalt der Bevölkerung muss widergespiegelt werden“, sagt sie. „Vielleicht kann ich dafür einen Anreiz geben und zeigen: Ja, es geht.“ Das Potenzial dafür sei auf jeden Fall da. In der grünen Basis gebe es genügend Fachkräfte oder Handwerker, sagt Winklmann, die den Oberpfälzer Grünen als Bezirksvorsitzende vorsteht. Es gehe darum, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sie auch den Sprung in die Parlamente wagen.

Zuversichtlich blickt sie auf die aktuellen Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grünen und FDP. „Deutschland braucht Veränderung und das wird eine Aufbruchsregierung“, sagt Winklmann. Die Ampel sei eine gute Koalition, die widerspiegle, was die Menschen gewählt haben. „Wir haben die Pflicht, das umzusetzen.“ Dazu gehöre es, Kompromisse zu finden. Winklmann schmerzt, dass die Grünen bei den Sondierungen ein Tempolimit auf Autobahnen nicht durchsetzen konnten. Dafür seien wichtige grüne Forderungen wie ein schnellerer Kohleausstieg oder auch die Kindergrundsicherung im Sondierungspapier festgehalten worden.

Zentral ist für Winklmann die Forderung nach einer sozial-ökologischen Transformation der Wirtschaft. Indem erneuerbare Energien ausgebaut und die Elektromobilität gefördert werden, würden neue, nachhaltige Arbeitsplätze entstehen, ist die Politikerin überzeugt. Das sei gerade für die Oberpfalz, in der viele Automobilzulieferer sitzen, von großer Bedeutung. Deutschland müsse zum Vorreiter werden, wenn es darum geht, den CO2-Ausstoß zu senken und gleichzeitig Arbeitsplätze zu erhalten. „Wir wollen der Welt zeigen, dass das geht.“

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Info:

Zur Person

  • Tina Winklmann wurde 1980 in Weiden geboren. Sie wuchs in Wernberg-Köblitz (Kreis Schwandorf) in einer Arbeiterfamilie auf.
  • Sie absolvierte eine Ausbildung zur Verfahrensmechanikerin und arbeitete mehr als 20 Jahre lang bei Siemens in Amberg im Dreischichtbetrieb.
  • Früh interessierte sie sich für Umweltthemen und nachhaltige Politik. Mit 16 wurde sie Mitglied bei den Grünen.
  • Bei der Bundestagswahl 2021 wurde Winklmann über die bayerische Landesliste ihrer Partei in den Bundestag gewählt.

 

 

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