29.03.2019 - 08:54 Uhr
RegensburgOberpfalz

Retter als Sicherheitsrisiko

Drei Wochen war Jonas Baumgartner mit der Hilfsorganisation Sea-Eye unterwegs. Er half bei der Rettung von 17 Menschen. Im Interview erzählt er, warum er möglichst wenig Kontakt zu ihnen suchte und welche Situation er nicht begreifen kann.

Jonas Baumgartner war mit der Hilfsorganisation Sea-Eye auf dem Mittelmeer unterwegs. Er halt bei der Rettung von 17 Menschen.
von Eva-Maria Hinterberger Kontakt Profil

Vor etwas mehr als einer Woche ist die "Alan Kurdi", das Rettungsschiff der Organisation Sea Eye, von Mallorca aus wieder in See gestochen. Das Ziel der Besatzung: Leben retten. Der Regensburger Student Jonas Baumgartner war bei der vorhergehenden Mission mit an Bord, als das Schiff – damals hieß es noch "Professor Albrecht Penck" – am 21. Dezember vom spanischen Hafen Algeciras in Richtung Libyen aufbrach. Drei Wochen lang war der 26-Jährige Teil der 18-köpfigen Crew, die auf dem Mittelmeer Ausschau nach Flüchtlingen hielt. Er war an der Rettung von 17 Menschen beteiligt. Baumgartner erlebte hautnah, welches Risiko Menschen auf sich nehmen, um nach Europa zu gelangen.

ONETZ: Herr Baumgartner, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie an die Zeit auf See zurückdenken?

Jonas Baumgartner: Es gibt viele Dinge, die mich nicht loslassen. Es gab viele schwierige Situationen. Einmal hatten wir drei Meter hohe Wellen. Das ist nicht lustig, wenn man ein Schiff voller Menschen hat, die vorher nie etwas mit Seefahrt zu tun hatten. Es gab aber auch schöne Momente. Einmal konnten wir zum Beispiel Delfine beobachten.

ONETZ: Sie waren an Rettungen beteiligt?

Jonas Baumgartner: Während meiner Zeit auf dem Schiff waren wir an zwei Rettungen beteiligt. Bei der ersten kamen wir an, als die Küstenwache die Lage schon im Griff hatte. Da waren wir nur als Beobachter dabei. Darüber waren wir auch froh. Es war nachts um 1 Uhr, bei zwei Meter hohen Wellen. Wären wir gebraucht worden, hätten wir aber natürlich geholfen.
Im zweiten Fall hatten wir auf dem Wasser ein Holzboot mit Menschen gesichtet. Wir haben schnell gemerkt, dass das Boot nicht seetauglich war. Es waren 17 Menschen an Bord. Wir haben die Menschen aufs Schiff geholt. Unsere Ärztin hat sie untersucht. Die meisten litten an Unterkühlungen und waren traumatisiert. Eine Frau musste sich täglich waschen, obwohl das Wasser an Bord knapp war. Sie hat uns nicht erzählt, warum. Aber wenn sich eine Frau täglich waschen muss, kann man sich ja denken, was sie durchgemacht hat.

ONETZ: Wie ging es weiter?

Jonas Baumgartner: An Bord war dann erstmal ein bisschen Chaos. Natürlich hatten wir uns Gedanken gemacht, wo wir Gerettete unterbringen können. Aber man weiß ja nie, was dann wirklich passiert. Der Frau haben wir ermöglicht, in einem Extra-Raum zu schlafen. Die Männer haben wir in zwei Gruppen eingeteilt. Ein Teil konnte unter Deck in unserem Hospital schlafen. Der andere Teil schlief an Deck in einem Container. Der war wasserdicht und einigermaßen windgeschützt. Die Leute lagen darin wie in einer Sardinenbüchse. Ich hätte nicht tauschen wollen. Aber wir hatten keine anderen Kapazitäten.

ONETZ: Was waren Ihre Aufgaben auf dem Schiff?

Jonas Baumgartner: Ich kenne mich mit RHIBs, also Schlauchbooten, aus. Ich war dafür zuständig, dass diese jederzeit einsatzbereit waren. Im Einsatzfall war ich für die Sicherheit der Crew verantwortlich. Auch gibt es auf einem Schiff immer etwas zu tun. Es muss täglich geputzt werden. Außerdem wurde dreimal am Tag warm gekocht, da wir in drei Schichten gearbeitet haben. Und es musste rund um die Uhr jemand wach sein, um nach Menschen auf dem Wasser Ausschau zu halten. Und dann mussten auch die Geretteten versorgt werden.

ONETZ: Haben Sie sich mit den Geretteten unterhalten?

Jonas Baumgartner: Es gab Crew-Mitglieder, die haben sich viel mit den Geretteten unterhalten. Ein Geretteter hat zum Beispiel erzählt, dass er in die Mode-Branche möchte, als Designer. Ein anderer möchte Comedian werden. Wie sich die Leute das vorstellen, ist mir allerdings nicht ganz klar. Einer war – nach eigenen Angaben – 17 Jahre alt und hat schon zum dritten Mal versucht, über das Mittelmeer zu kommen. Er saß auch mehrmals deswegen im Gefängnis. Einige haben von der Folter im Gefängnis in Libyen erzählt. Und dass sie oft gar nicht wussten, warum sie eingesperrt wurden.

ONETZ: Und Sie?

Jonas Baumgartner: Ich wollte den Kontakt nicht. Ich wollte mich selbst schützen, damit mir das nicht zu nahe geht. Mir ist klar, dass jeder dieser Menschen eine schwierige Geschichte hat und dass es für sie auch in Europa nicht einfacher werden wird.

ONETZ: Was ist aus den Geretteten geworden?

Jonas Baumgartner: Wir haben sie vor Malta an das Militär übergeben. Meine Einschätzung ist, dass die meisten von ihnen wieder abgeschoben werden.

ONETZ: Sie studieren Rechtswissenschaften. Lässt sich die Rettung von Menschen, die illegal versuchen, in ein Land zu kommen, mit Ihrem Studium vereinbaren?

Jonas Baumgartner: In einer Seminararbeit habe ich mich mit dem Thema „Pflichten eines Kapitäns gegenüber Migranten in Seenot“ beschäftigt. So müssen die Geretteten an einen sicheren Ort gebracht werden. Laut Genfer Flüchtlingskonvention darf das nicht der Ort sein, von dem sie kommen, so lange nicht geklärt ist, ob es sich um Flüchtlinge handelt. Diese Prüfung ist Aufgabe der Staaten. Wir können die Geretteten nur in einen anderen Hafen bringen. Über den anschließenden Umgang mit ihnen gibt es verschiedene Meinungen. Eines ist aber nicht verhandelbar: Die Rettung von Menschen, die in Seenot sind.

ONETZ: Die "Professor Albert Penck" durfte auch lange in keinem Hafen anlegen.

Jonas Baumgartner: Das war für mich die schwerste Zeit. Wir hatten die Geretteten am 9. Januar an Malta übergeben. Zu uns hieß es jedoch: "Nein, ihr dürft nicht." Wir wollten alle heim. Unsere Mission war erfüllt. Wir haben da viel Energie reingesteckt und dann durften wir nicht heim. Das war für uns unbegreiflich. Zwei Tage später durfte die ehrenamtliche Crew dann aber von Bord.

ONETZ: Die nautische Crew musste jedoch an Bord bleiben, da das Schiff lange keine Anlegeerlaubnis erhielt.

Jonas Baumgartner: Es war für mich unbegreiflich, dass ein Schiff mit europäischer Flagge in einem europäischen Hafen keine Anlegeerlaubnis erhielt, mit der Begründung, es sei ein Sicherheitsrisiko. Wenn man mit dem Auto über eine Grenze fährt, muss man oft nicht einmal seine Papiere vorzeigen, aber mit einem Schiff lassen sie uns nicht in den Hafen. Das ist ein bedrückendes Gefühl.

ONETZ: Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie als ehrenamtlicher Helfer mit Sea Eye in See gestochen sind?

Jonas Baumgartner: Ich verfolge die Arbeit des Vereins fast seit seiner Gründung. Ich habe allerdings lange überlegt, ob ich wirklich mitfahren will. Als dann klar war, dass ich über Weihnachten und Silvester auf dem Schiff sein werde, war das eine nicht ganz leichte Entscheidung. Ich habe das mit Freunden und meiner Familie besprochen. Die haben mich bei meiner Entscheidung unterstützt. Denn ich hätte das Fest daheim nicht genießen können. Ich hätte ständig gedacht "Auf dem Mittelmeer bräuchten sie mich jetzt bei einem Einsatz."

ONETZ: Wollen Sie noch einmal mit Sea Eye in See stechen?

Jonas Baumgartner: Ich weiß es noch nicht. Erstmal geht mein Studium vor. Ich kann es mir aber schon vorstellen, weil ich es inhaltlich richtig finde. Mir ist aber auch klar, dass ich damit keine Fluchtursachen bekämpfen kann.

Aus "Professor Albrecht Penck" wird "Alan Kurdi":

Die "Professor Albrecht Penck" lief 1951 in Rostock vom Stapel und diente vor allem als Forschungsschiff. Im Herbst 2018 kaufte die Nichtregierungsorganisation Sea-Eye das Schiff, um es zur Rettung für in Seenot geratene Flüchtlinge und Migranten zu nutzen. Am 21. Dezember 2018 startete eine 18-köpfige Sea-Eye-Crew ihre erste Mission mit dem neuen Schiff vor der Küste Libyens. Am 22. Januar 2019 legte das Schiff wieder an – im Hafen von Mallorca. Dort taufte der Vater des 2015 ertrunkenen Flüchtlingsjungen Alan Kurdi, das Schiff auf den Namen seines Sohnes. Der neue Name verdeutlicht, in welcher Mission Sea Eye auf dem Mittelmeer unterwegs ist. Die "Alan Kurdi" ist nach Angaben der Hilfsorganisation das einzige Schiff, das unter deutscher Flagge fährt.

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