13.08.2019 - 13:34 Uhr
RegensburgOberpfalz

Tränen erlaubt: Gesprächskreis für verwitwete Menschen

Wenn der geliebte Partner stirbt, entsteht eine große Lücke. In einem Gesprächskreis in Regensburg können verwitwete Menschen über ihre Erfahrungen und Gefühle sprechen. "Das Beste, was mir je passiert ist", sagen Teilnehmer.

Ein Tisch, ein paar Stühle und viel Raum für Emotionen: In einem Zimmer der Regensburger Kontaktstelle KISS treffen sich verwitwete Menschen zum Austausch.
von Hanna Gibbs Kontakt Profil

Wenn der eigene Partner stirbt, ist die Lücke, die er hinterlässt, riesig. In der ersten Trauerzeit erhält der Hinterbliebene vielleicht noch viel Zuwendung und Trost von Verwandten und Freunden. Später fehlt verwitweten Menschen aber häufig ein geeigneter Gesprächspartner. Hier setzt ein neues Angebot in Regensburg an.

Ab September trifft sich der "Gesprächskreis für verwitwete Frauen und Männer" alle vierzehn Tage am Samstag von 17 bis 19 Uhr. Der Zeitpunkt am späten Samstagnachmittag ist bewusst gewählt. "Das Wochenende ist nicht schön", sagt Thea, die den Gesprächskreis ins Leben gerufen hat. Ihren vollen Namen will sie nicht in der Zeitung lesen. "Die Arbeit ist vorbei, die Einkäufe erledigt und dann kommt die Einsamkeit." Thea war 44 Jahre alt, als ihr Ehemann an Krebs starb. Die intensivste Trauerphase ist bei der 62-Jährigen seit Jahren vorbei. Und doch spürt sie weiterhin eine Lücke in ihrem Leben. Gelernt hat sie, dass es ihr und anderen Betroffenen hilft, in einem geschützten Raum über die eigenen Erfahrungen zu sprechen.

"Der Tod holt dich wieder ein"

Bereits 2004 hatte Thea einen Gesprächskreis für Witwen und Witwer gegründet, der an der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) Regensburg angesiedelt war. Ein Kreis von acht bis zwölf Betroffenen traf sich regelmäßig sechs Jahre lang. "Bis heute sagen mir Teilnehmer, dass die Gruppe das Beste war, das ihnen passieren konnte", erzählt Thea. "Und für mich selbst war es auch das Beste." Im Kreis mit Menschen, die das gleiche erlebt haben, müsse man sich nicht verstellen, könne einfach sagen, was einem im Kopf herumgeht.

Irgendwann löste sich der alte Gesprächskreis auf. "Die Leute hatten neue Themen." Thea will jetzt eine Neuauflage starten, wieder in den Räumen von KISS im Regensburger Stadtosten. Bewusst hebt sich der Gesprächskreis ab von anderen Angeboten für Trauernde. Manche Gruppen treffen sich in der akuten Trauerphase, Trauercafés bieten einen offenen Treffpunkt. Der Gesprächskreis ist hingegen langfristig ausgerichtet, die Teilnehmer bilden einen festen Kreis.

Die Treffen beginnen mit einer "Blitzlicht"-Runde, bei der die Teilnehmer kurz erzählen, was sie gerade bewegt. Dabei werden Themen vorgeschlagen, die dann tiefer besprochen werden. Oft ergeben sich die Gespräche von allein, hat Thea in dem früheren Kreis gemerkt, etwa wenn der Geburtstag oder ein anderer Jahrestag eines verstorbenen Partners ansteht. "Da kann der Tod noch so viele Jahre her sein, es holt dich wieder ein."

Wie lange die zurückgebliebenen Partner nach dem Tod ihrer Lebensgefährten trauern, ist Thea zufolge ganz unterschiedlich. Die einen kämen nach fünf, sechs Monaten wieder einigermaßen im Alltag an. Andere bräuchten fünf, sechs Jahre. Es komme auch auf die Umstände des Todes an. Theas eigener Mann starb nach einer langen und schweren Krebserkrankung. "Ich war froh, dass er sterben konnte." Die große Trauer habe dann erst eineinhalb Jahre später eingesetzt. Auch die Frage, ob ein neuer Partner ins Leben passt, beantworte jede Witwe und jeder Witwer für sich selbst. Die einen binden sich wieder, andere nicht. "Eine Frau sagte zu mir: Für mich kommt in meinem Leben niemand mehr infrage", erzählt Thea.

Anfangs nur geweint

Ein Gefühl, das viele Witwen und Witwer kennen, sei die Einsamkeit. Da helfe oft auch viel Gesellschaft nicht. "Ich kann auf einer Hochzeit unter hundert Menschen sein und bin trotzdem einsam", erklärt Thea den vermeintlichen Widerspruch. Wo sonst viele Paare zusammen an den Tischen sitzen oder tanzen, werde einem der Verlust des eigenen Gefährten noch deutlicher vor Augen geführt. Dazu komme, dass Außenstehende solche Gefühle häufig nicht nachvollziehen können. "Du hast doch so viele Freunde, du bist doch gar nicht alleine", heiße es dann.

Umso besser könne man solche Fragen im Gesprächskreis mit anderen Betroffenen besprechen. Dort seien Gefühle und Tränen erlaubt. "Eine Teilnehmerin hat anfangs bei uns nur geweint, sie konnte gar nichts sagen", erzählt Thea. Das sei völlig in Ordnung gewesen. "Draußen darfst du nach einem halben Jahr nicht mehr weinen", beschreibt Thea ihre Erfahrungen. "Bei uns ist der Ort, wo man das darf."

"In der Gruppe kann eine große Solidarität entstehen", sagt auch Lisbeth Wagner von der Kontaktstelle KISS. Die Verbindung unter den Teilnehmern, die alle den Tod ihres Partners verkraften müssen, sei nochmal anders als unter Freunden. "Da gibt es ein Verständnis auf eine Art, bei der man oft gar nicht viel reden muss." Wagner betont, dass sich in Selbsthilfegruppen nicht eine Leitung und mehrere Teilnehmer begegnen, sondern Beteiligte auf Augenhöhe. "Viele Menschen entdecken dabei auch wieder Ressourcen und Fähigkeiten, die durch Trauer oder ein anderes Schicksal untergegangen sind." Dann könne ein solcher Kreis ein echter Kraftspender sein.

Informationen:

Weitere Informationen erhalten Interessierte bei KISS Regensburg unter der Telefonnummer 0941/599 388 610 oder per Mail an kiss.regensburg[at]paritaet-bayern[dot]de.

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