Reichenau bei Waidhaus
16.09.2018 - 10:02 Uhr

Eine Million Oliven

Der Norden der Marktgemeinde Waidhaus gilt in Fachkreisen als Deutschlands größtes Produktionszentrum für Oliven. Am heißen Sommer 2018 liegt es jedoch nicht.

Idyllisch in ein großes Waldmeer eingebettet liegt der Waidhauser Ortsteil Reichenau direkt an der Grenze zu Böhmen, der fast 100 Jahre lang einem besonderen Erwerbszweig Heimat gab. Bild: fjo
Idyllisch in ein großes Waldmeer eingebettet liegt der Waidhauser Ortsteil Reichenau direkt an der Grenze zu Böhmen, der fast 100 Jahre lang einem besonderen Erwerbszweig Heimat gab.

Als die Kleiderbügel noch ausschließlich aus Holz waren, trugen sie oft Oliven. So lautet die Fachbezeichnung für jene Hülsen, die Kleidungsstücke vor Abfärbungen des Haltebügels aus Draht schützten. Millionenfach wurden diese Oliven einst handwerklich in der Region gedrechselt, mit einem Zentrum, das sich stark auf die Marktgemeinde Waidhaus konzentrierte. Erst die Umstellung von Holz- auf Plastikbügel kostete dem Erwerbszweig das gänzliche Verschwinden.

Die nahe gelegene Stadt Tachau genoss einst einen ausgezeichneten Ruf für Holzwaren aller Art, die größtenteils ins Ausland exportiert wurden. Dort gab es damals schon eine k.u.k.-Fachschule für Holzbearbeitung. Die räumliche Nähe zu diesem Zentrum übte einen wesentlichen Einfluss auf die Ausbreitung des Drechselns bis in das ehemalige Bezirksamt Vohenstrauß aus. Zur Blütezeit kam die Produktion in den 1960er Jahren. Bei einem geschichtlich orientierten Heimatabend erzählten die Bewohner aus ihren Erinnerungen. Demnach gab es über Reichenau hinaus allein im kleinen Nachbarort Grafenau drei Fertigungsstätten, sowie weitere in Frankenreuth, in der "Frouhschlou" in Waidhaus und in Brünst. In mehreren Drechslereien jener Orte standen die Maschinen, mit denen einst noch weit mehr Artikel gedreht wurden. Die meisten dieser Kleinstfabriken hatten nur eine Holzdrehbank mit Fußbetrieb und machten darauf einfache Sachen, wie jene Kragenschutz-Oliven oder „Brummer“. So werden jene Mundstücke genannt, welche zur Fertigung von Pusteschlangen dienten, wie es sie heute noch auf Kirchweihmärkten gibt. Doch auch die „Brummer“ sind längst nicht mehr aus Holz, sondern gleichfalls aus Plastik. Dabei hatte fast jedes Haus diesseits und jenseits der Grenze im Böhmerwald einst diese Mundstücke für Luftschlangen in Heimarbeit gedreht. Über die langen Wintermonate hinweg war es oft die Hauptarbeit für die Bevölkerung. Doch es gab keine Handelsbeziehungen, um die gefertigte Ware irgendwo hinzuschicken oder zu verkaufen. Die Aufkäufer kamen bis in den Zweiten Weltkrieg hinein in die Häuser und sorgten für den Absatz. Dadurch war es zwar die einfachste, aber auch die am schlechtestes bezahlte Arbeit damals.

Alois Vogl von Reichenau steigert 1910 eine Mühle in Neuhütte (Gemeinde Neulosimthal, Böhmen) und errichtet dort eine maschinelle Holzdrechslerei. Diesen Betrieb führt er bis 1919, dann baute er in Reichenau einen neuen, größeren Betrieb auf, in dem auch einige Reichenthaler arbeiten. So steht es in der Heimatchronik von Neulosimthal. Der Ursprung jener Drechslerei geht mit Alois Vogl auf den einstigen Wirt vom „Goldenen Hirschen“ zurück, einem Onkel von Sonja Vogls Vater. Bis zum Ende des Betriebs 1964 fanden in der Drechslerei bis zu 10 Leute eine Arbeit, darunter auch Eberhard Kraus. Die Dampfmaschine erfüllte ihren Dienst bis Ende der 1950er Jahre, dann wurde auf Strom umgestellt. Immer zur Mittagszeit ließen die Arbeiter die Luft aus der Dampfmaschine entweichen; das dabei auftretende Pfeifgeräusch war weitum zu hören. Oliven entstanden allerdings in der Fabrik nur wenige. Dafür jedoch viele andere gedrehte Waren: Kochlöffel, Suppenzwirl, Gardinen-Posamentln, Holzteile für Lampen und Leuchten, Pilze zum Sockenstopfen, Zigarettenspitzen, Holzeier (als Attrappen für Hühner) oder Holzkreisel zum Spielen und sogar Fleischhammer. Um die hergestellten Waren an die Kunden zu bringen, ging es zuerst mit einem Pferdefuhrwerk zum Verladen auf den Waidhauer Bahnhof. Später diente dazu das Auto des Firmeninhabers, was auch Johann Kaas noch erledigt.

Gar bis zum 25. Februar 1982 existierte der 1905 von Wenzl Kunz einst gegründete Betrieb. Bis zu vier Arbeiter waren hier mit der Herstellung einer ähnlichen Produktpalette beschäftigt, jedoch mehr für die Posamenten-Industrie. Sohn Ernst übernahm den zunächst als Werkstatt geführten Betrieb von seinem Vater, der diesen wiederum an seinen Sohn Heinz übergab. "Was in einem kleinem Stüberl im alten Haus begann, dehnte sich mit dem Bau eines neuen Wohnhauses später über das gesamte Erdgeschoss aus", erinnert sich Heinz Kunz. Eine weitere Drechslerei gab es im Hause Salfer/Reich, die aber bereits während des Zweiten Weltkriegs erlosch. Auch Vitus Stöckl mit Hausnamen „Schwarzmacher“ ging diesem Erwerbszweig einst nach. Er fertigte „auf der Schmelz“ ausschließlich Oliven.

Auch der vor wenigen Jahren verstorbene Walter Stöckl (Hausname „Pucherer“) im Ortsteil Grafenau war noch fest mit dieser einstigen Tradition verwurzelt. Geboren im heute nicht mehr existierenden Reichenthal im Sudetenland gehörte er mit zu den Ersten, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg lange Jahrzehnte den Lebensunterhalt selbständig sicherten. Dabei begann bei ihm das Ganze mit fast Nichts, als die Familie am Kirchweihfest 1945 aus der einstigen Heimat in einer Nacht- und Nebelaktion flüchtete: "Als wir hergekommen sind, hatten wir null." Die kurz zuvor noch begonnene Kaufmannslehre in Tachau musste der kaum 15-jährige wieder vergessen. Da die Eltern über Grundstücke in Grafenau verfügten, konnte jedoch bereits im folgenden Jahr ein Neubau beginnen, der einen guten Neustart markierte. Und zwar auf einem idyllisch gelegenen Fleckchen Erde, das fast völlig von der Grenze zur Tschechischen Republik eingekesselt ist - und damit natürlich auch dem Rehlingbach, weil der hier den natürlichen Grenzverlauf bildet. Kaum merklich später ging es mit der Drechslerei schon los. Ab 1956 wuchs die Arbeit derart, dass er das Drechseln zu seinem Hauptberuf machte, ein Gewerbe anmeldete und seine Frau mitarbeiten musste. Bis ins Jahr 1975 sicherte die Auftragslage das Bestehen und Stöckls Firma war ein gern in Anspruch genommener Handwerksbetrieb: "Da kam es schon einmal vor, dass eine Bestellung gleich eine Million Stück Oliven ausmachte." Die weltwirtschaftliche Entwicklung ließ die Aufträge aber in den 70er Jahren dermaßen sinken, dass auch er seine Selbstständigkeit endgültig aufgeben musste. Neue Arbeit fand sich im nahen Gaswerk (Verdichterstation) als Wachmann, wo er bis zum Eintritt in die Altersrente im Jahre 1988 tätig war. Es dauerte aber nicht lange und die Leidenschaft der Drechslerei packte ihn erneut. Die eigene Werkstatt stand noch und auch ein Teil der Maschinen war da. Rüstig und gerne ging er diesem Handwerk bis ins neue Jahrtausend hinein weiter nach. Und was da alles noch entstand: Schützenscheiben, Stuhlbeine für marode Biedermeiermöbel, Notenständer, massive Holzkugeln, gedrehte Stangen, Kerzenständer oder spiegelglatte Tabletts. Sogar gedrechselten Backformen zum Aufklappen und mit Scharnieren dran, die sich Stöckl zunächst selbst ausdachte und dann auch eigenhändig fertigte.

In manchem Haushalt lassen sich noch hölzerne Kleiderbügel finden, die als Kragenschutz eine so genannte "Olive" tragen. Bild: fjo
In manchem Haushalt lassen sich noch hölzerne Kleiderbügel finden, die als Kragenschutz eine so genannte "Olive" tragen.
Eine bunte Vielfalt unterschiedlichster Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände entstanden in den Drechslereien der Waidhauser Ortsteile. Bild: fjo
Eine bunte Vielfalt unterschiedlichster Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände entstanden in den Drechslereien der Waidhauser Ortsteile.
 
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