Riedelhof/Birgland
22.05.2024 - 14:00 Uhr
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Seit 18 Jahren im Wachkoma: Eltern kümmern sich aufopferungsvoll um Tochter Nadine

Von einem Apallischen Syndrom wussten die Lubers aus Riedelhof lange Zeit nichts. Das änderte sich, als ihre Tochter Nadine vor 18 Jahren bei einem Verkehrsunfall eine schwere Kopfverletzung erlitt. Seitdem ist Nadine im Wachkoma.

Alle Lubers sind für Nadine da (von links): Schwägerin Sabrina, Mutter Belinda. Nadine, Vater Günter und Bruder Markus im Therapiezimmer der Kranken. Bild: hka
Alle Lubers sind für Nadine da (von links): Schwägerin Sabrina, Mutter Belinda. Nadine, Vater Günter und Bruder Markus im Therapiezimmer der Kranken.

In der gemütlichen Wohnstube sind alle versammelt: Mutter Belinda Luber (55), Vater Günter (62), der Bruder Markus, seine Frau Sabrina und das einjährige Töchterchen Emilia. Mittelpunkt ist eine dunkelhaarige junge Frau im Rollstuhl, still, die offenen Augen wandern durch den Raum.

Nadine Luber (heute 36) war 18, als sie mit an einem frühen Morgen mit dem VW Polo unterwegs war nach Lauterhofen, wo sie bei einem Zahnarzt zur Fachangestellten ausgebildet wurde. Sie kam dort nicht an. „Es war der 11. April“, erinnert sich ihre Mutter, „und es hat das letzte Mal geschneit in diesem Winter 2006“. Schneematsch war der Auslöser für ein Abrutschen des Autos einen kleinen Hang hinunter, direkt auf einen Baum zu. Der Rahmen der Windschutzscheibe traf Nadines Kopf, verursachte eine Gehirnstammverletzung mit tiefer Bewusstlosigkeit. „Der Nachbar hat sie im Auto eingeklemmt gefunden“, blickt Günter Luber auf diesen Schicksalstag zurück, „er verständigte uns, daraufhin kamen die Rettung und der Hubschrauber“.

Was dann folgte, war im Rückblick für die Eltern Luber die schwierigste Zeit. Nicht nur die gedankenlose Bemerkung eines jungen Arztes: „Die wird nicht wieder wach“ war da zu verkraften, auch die monatelangen Behandlungen in der Uni-Klinik Erlangen, einem Jahr im Reha-Zentrum in Geilingen und weiteren sechs Monaten in Brandenburg. „Zunächst ging es ums Überleben, dann der Kampf gegen das neurologische Fieber“, beschreibt Belinda diese Zeit. „Und es gab ja auch noch den Markus, Nadines Bruder, der gerade 14 war“. Auch Markus trägt zu den Erinnerungen bei: „Der Unfall war kurz vor meiner Konfirmation, ich dachte, bis dahin wird sie schon wieder gesund sein.“ Erst nach und nach wurde dem Bruder, der heute als Metallbauer in Lauterhofen arbeitet, bewusst, dass Nadine nicht mehr gesund werden wird.

Ungewöhnliche Reaktionen

Und trotzdem sind sie alle überzeugt, dass Nadine Fortschritte gemacht hat und weiter machen wird. Günter Luber, Maschinist bei der Firma Trollius in Lauterhofen, sieht eine positive Veränderung „einen Unterschied wie Tag und Nacht zu den Anfangsjahren ihrer Krankheit“. Mutter Belindas Freude: „Man kriegt auch ein Lächeln“, und Schwägerin Sabrina bemerkt bei Nadine ungewöhnliche Reaktionen beim Kontakt mit ihrer kleinen Nichte Emilia.

Seit Ende Mai 2008 ist Nadine daheim bei ihrer Familie. Das Haus am Ortsende von Riedelhof wurde in der Zwischenzeit für ihre Bedürfnisse umgebaut und eingerichtet mit einem geräumigen Kranken- und Therapiezimmer, einem behindertengerechten Bad und vielen Hilfsmitteln, die ihren Angehörigen die Pflege erleichtern. Über mehrere Jahre hinweg standen Pflegerinnen der Familie zur Seite, momentan läuft die schwierige Suche nach einer weiteren Kraft.

Als sich die Motorradfahrer Belinda und Günter im Jahr 1986 das Ja-Wort gaben, erwarteten sie das normale Leben eines Ehepaares, einer Familie. Nadine kam 1988 zur Welt, Markus vier Jahre später. Heute sieht ihr Leben total anders aus, denn alles dreht sich um Nadine und ihre Krankheit. „Man ist halt immer da, wie bei kleinen Kindern auch“, beschreibt Belinda Luber ihre Tage und Nächte. Sie schläft im Zimmer ihrer Tochter, bewacht ihren Schlaf. Am Morgen dann Pflegemaßnahmen, Nahrung an den „Galgen“ hängen, dreimal die Woche duschen, anziehen, im Rollstuhl auch ins Freie fahren.

"Ungewohnter Urlaub"

Eine Mammutaufgabe für die Mutter, die selbst gesundheitlich angeschlagen ist, aber unermüdlich und selbstlos für das Wohlbefinden ihrer Nadine sorgt. Sie schildert ihre Tochter als sanft und vertrauensvoll, niemals aggressiv, oft spitzbübisch. „Wir wissen, was Nadine will“, beschreibt sie die unterschiedliche Mimik der Behinderten, und bezeichnet sich selbst und auch ihren Mann als „mittlerweile Experten in der Kranken- und Behindertenpflege“.

Ein Glück im Unglück für Nadine und deren Eltern ist, dass Nadines Unfall auf dem Weg zur Arbeit passiert ist. „Wir haben mit der zuständigen Berufsgenossenschaft eine Vereinbarung“, erklärt Günter Luber, „was Nadine braucht, bekommt sie“. Dazu gehören verschiedene Therapien, die bei Nadine auch kleine Fortschritte bewirken. Ergotherapie, Logotherapie und selbst Musiktherapie mit Klangschalen, Trommeln und Singen tun der Kranken gut. „Sie mag Musik, lacht, kriegt alles mit“, ist die Mutter sicher, streicht ihrer Tochter übers Haar und nimmt ihre Hand.

Seit 18 Jahren Lächeln, Geduld, Bangen und Zuversicht, seit 18 Jahren tagtäglich das eigene Leben zurückstellen, nur um für Nadine da zu sein? „Nein“, sagt Günter Luber im Gespräch mit Oberpfalz-Medien, „ohne sie würde uns was fehlen“. Demnächst fahren die drei nach Sachsen, wo Nadine in einer Pflegestation betreut wird. „Für uns“, so der Vater, „ist das ein ungewohnter Urlaub, aber wir sind ganz in ihrer Nähe“.

Ein besonderer Termin steht vor oder nach dieser Sachsen-Reise an: Auf Initiative der Birgland-Bürgermeisterin Brigitte Bachmann wird den Lubers die Bayerische Staatsmedaille für soziale Verdienste verliehen. An der Ordens-Aushändigung durch Staatsministerin Ulrike Scharf in München konnten Belinda und Günter nicht teilnehmen, so dass Landrat Richard Reisinger stellvertretend den Orden in Riedelhof überreichen wird.

Hintergrund:

Das Wachkoma

  • Das Wachkoma ist ein Zustand im Schattenreich zwischen Koma und Bewusstsein
  • Schätzungen zufolge leben bis zu 5000 Menschen in Deutschland im Wachkoma
  • Das umgangssprachliche Wachkoma nennen Ärzte seit dem Jahr 2009 „Syndrom reaktionsloser Wachheit (SRW)“
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