05.06.2020 - 10:07 Uhr
Rottendorf bei SchmidgadenOberpfalz

Schmidgadener Jäger schießt Rehbock mit Perücke

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Jagdpächter Peter Schulz ist ganz aus dem Häuschen: Gut gekühlt in der Wildkammer in Rottendorf lagert ein Rehbock mit bizarrem Geweih. Gerade mal 21 Jahre alt ist der Jäger, der ihn geschossen hat. Reine Glückssache war das aber nicht.

Diesen sogenannten Perückenbock hat Jäger Roman Polleti im Revier Rottendorf-Nord erlegt.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Am Nachmittag nach dem erfolgreichen Abschuss am Vorabend hat es sich im Dorf bereits herumgesprochen: In der Wildkammer in Rottendorf (Gemeinde Schmidgaden) lagert ein seltenes Exemplar aus der Tierwelt. Sein Kopfschmuck beruht auf einer Hormonstörung und ist doch aus menschlicher Sicht auch dekorativ. Jäger kennen das Phänomen als Perückenbock: ein Rehbock dessen Geweih seltsame Wucherungen bildet, die nicht von ungefähr an eine Perücke erinnern, wie sie Herrscher im 17. Jahrhundert zu tragen pflegten.

"Eine absolute Seltenheit"

"Eine absolute Seltenheit", kommentiert Jagdpächter Peter Schulz den Abschuss. Man sieht ihm an, wie stolz er ist, dass dieses Exemplar ausgerechnet in seinem 1300 Hektar großen Revier in Rottendorf-Nord aufgetaucht ist. Er kennt die genaue Stelle bei Littenhof, wo der Rehbock zum ersten Mal gesichtet wurde, in einem Gerstenfeld nicht weit vom Ortsrand. Dort ist Roman Polleti Ende Mai unterwegs, um auf Weisung des Pächters vor allem im Bereich der Straßen nach Wild Ausschau zu halten - "bevor es zu einer Kollision mit einem Auto kommt". Ein Blick durchs Fernglas lässt den 21-Jährigen, der erst seit drei Jahren den Jagdschein hat, stutzen. "Da stimmt doch etwas nicht", denkt er beim Anblick des tierischen Kopfes, der da aus dem Getreidefeld ragt und traut seinen Augen nicht: Das muss ein Perückenbock sein, stellt er fest. Ganz kurz kam das mal bei der Vorbereitung zur Jägerprüfung zur Sprache. "Ich bin gleich heimgefahren und hab mein Gewehr geholten, aber ich konnte nicht schießen", berichtet der Jäger. Denn für einen waidgerechten Blattschuss stand der Rehbock nie gut sichtbar und breit genug.

Der erste Schuss ein Volltreffer

Sechs Tage lang wartet der 21-Jährige geduldig auf den perfekten Moment. Als Elektroniker im Schichtbetrieb kann er es sich leisten, jeweils drei Stunden täglich auszuharren, in der Hoffnung dass sich der Rehbock aus der Deckung wagt. An einem Donnerstag ist es soweit: Geduckt und fast geräuschlos pirscht sich der Jäger über eine Wiese an. "Der Wind hat auch gepasst", erinnert er sich. Mit Hilfe eines Schießstocks legt er an. Gleich der erste Schuss ist ein Volltreffer. "Da habe ich wirklich einen Top-Bock geschossen", staunt der Schütze, "die Mühe hat sich ausgezahlt". Er ist erleichtert, dass er sich nicht zu einer Nachsuche aufmachen muss und nimmt sich Zeit zum Innehalten. Der jagdlichen Tradition folgend wird das tote Tier mit einem sogenannten Bruch gewürdigt: In Ermangelung eines Zweiges steckt ihm der Jäger als letzte Ehre ein Ähre in den Äser (Maul des Tieres).

Rehbock etwa fünf bis sechs Jahre alt

"Früher hat man so ein Tier sofort aufgebrochen", erinnert sich Jagdpächter Schulz, der seit 60 Jahren auf der Jagd ist ohne je so einen Bock gesehen zu haben. Aufgrund der abgeschliffenen Zähne schätzt er den etwa 30 Kilo schweren Bock auf ein Alter von fünf bis sechs Jahren. "Ich will nicht sagen, dass das dieser Abschuss ein Zufall war, er hat ihn sich erpirscht", meint er mit Blick auf den Erfolg des eifrigen Mitbegehers. Der ist inzwischen auf der Suche nach einem Präparator. "Das wird nicht einfach", gesteht er nach der ersten skeptischen Einschätzung eines Fachmanns, der sich da eher zurückhaltend zeigte, gerade wegen der "Perücke" als Spezialfall.

Perückenbock fehlt Testosteron

Wo künftig Rehbraten auf den Teller kommt, steht auch noch nicht fest. "Unsere Gefriertruhe ist voll", bedauert der 21-Jährige aus dem benachbarten Hohersdorf mit einem Blick auf die Beute in der Rottendorfer Gemeinschafts-Wildkammer. Sein Vater und ein Onkel sind beide passionierte Jäger, da herrscht kein Mangel an Wildbret. Mit dem Fleisch ist aber alles in Ordnung, auch wenn das bizarre Geweih eigentlich auf eine Krankheit zurückzuführen ist. Dem Perückenbock fehlt das Hormon Testosteron. "Das kann beispielsweise durch ein Verletzung der Hoden vorkommen", spekuliert Schulz, "er kann sicher auch keine Nachkommen zeugen". Für ihn gibt es keinen Zweifel, dass dieser Tod nicht nur jagdlich in Ordnung, sondern auch eine Erlösung für das Tier bedeutet: "Die Wucherung wäre weitergegangen, bis über die Augen. Irgendwann wäre der Bock erblindet."

Hintergrund:

Wucherung mangels Testosteron

Ein Perückenbock ist eigentlich eine Abnormität in der Tierwelt. Es handelt sich um ein männliches Reh (Rehbock), bei dem aufgrund einer Krankheit oder einer Verletzung die Ausschüttung des Sexualhormons Testosteron nicht funktioniert. Das Tier ist deshalb nicht in der Lage, ein richtiges Geweih zu bilden. Die Knochensubstanz des Geweihs und insbesondere der Bast wuchern immer weiter, das Geweih kann auch nicht abgeworfen werden Dadurch kommen Gebilde zustande, die wie eine Turmfrisur aussehen oder an eine Allongeperücke erinnern.Die Wucherungen können den gesamten Kopf des Tiers überziehen bis hin zu den Augen und zu einer Erblindung führen. Das Tier ist damit stark behindert und meistens nicht fortpflanzungsfähig.

Der Abschuss war auch eine Erlösung für das Tier. Die Wucherung wäre weitergegangen, bis über die Augen. Irgendwann wäre der Bock erblindet.

Jagdpächter Peter Schulz

Jagdpächter Peter Schulz

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