Schmidgaden
06.07.2023 - 15:47 Uhr

900 Jahre Schmidgaden: Einst Ritterburg, jetzt aufstrebende Industriegemeinde

Das Jubiläum "900 Jahre Schmidgaden" wird in vielen Facetten gefeiert. Doch wissen die Bürger, dass ihr Lebensmittelpunkt einst Ritterburg war? Josef Mutzbauer unternimmt einen dreiteiligen Streifzug. Hier die erste Etappe.

Heimat, Brauchtum, Geschichte: Josef Mutzbauer hat ein Faible dafür. Das Jubiläum "900 Jahre Schmidgaden" ist für ihn ein Muss, die Geschichte in all ihren Facetten zu beleuchten.

Treffend beschreibt Pfarrer Anton Johann Sehann (Pfarrherr von 1833 bis1845) im Jahre 1844 Schmidgaden: "Schmidgaden liegt in einem kleinen Thale, durch welches ein kleiner Bach, der von mehreren Weihern und Feldflüssen sein Wasser erhält und sich mit dem Hüttenbach vereinigt, oberhalb Säulnhof sich hinschlängelt und die Wiesen bewässert, welche ein gutes Futter abwerfen. Der Boden ist ziemlich gut, obwohl er meistens nur aus Lehm besteht und es können die vier Getreidesorten gut angebaut werden."

Funde am Kuhbühl

Das erkannten auch die Vorfahren. Es gibt frühzeitliche Funde auf dem Kuhbühl, nordwestlich der Vierbruckmühle. Demnach machten hier saisonal Jäger und Sammler Station. Die ersten Bewohner scheinen die Kelten gewesen zu sein. Viele Namen weisen heute noch darauf hin. Die Anfänge der Besiedelung sind jedoch mit Karl dem Großen verbunden. Um das Jahr 800 n. Chr. errichtete er den Nordgau gegen einfallende Bevölkerungsgruppen aus dem Osten. Seit der Errichtung dieses Bollwerkes begann eine intensive Besiedlung, was der äußerst dichte Burgengürtel begründet. Die Besiedlung forcierte Heinrich II. um das Jahr 1010. Er ließ den Urwald roden und gründete viele Siedlungen. In diese Zeit dürfte auch die Entstehung Schmidgadens fallen. Ein Schmied machte ein Stück Wald urbar, baute darauf eine Wohnstelle mit Schmiede und friedete es ein. Zur Erklärung: Smidegademe - das Grundwort "Gadem" ist mittelhochdeutsch und steht für Kammer, Haus, Einfriedung; "Smid" bedeutet Schmiede.

Die adeligen Herren von Schmidgaden genossen hohes Ansehen. Der herrschaftlichen Entwicklung der Territorialpolitik der Diepoldinger Markgrafen Anfang des 12. Jahrhunderts konnte durch die mächtige Konkurrenz der Sulzbacher Grafen und der starken Präsenz edelfreier Geschlechter Einhalt geboten werden. Ungeachtet ihrer schmalen Besitzbasis verfügten sie über einen erstaunlichen politischen Einfluss. Zu ihnen zählten unter anderen die Herren von Schmidgaden, Rottendorf und Wolfring. Die Herren von Schmidgaden waren eindeutig als Edelfreie (Adelige) belegt, die zur damaligen Zeit nur dem Kaiser oder König untergeordnet waren. Sie verfügten über einen beachtlichen gesellschaftlichen Stellenwert und wurden in den Urkunden, in denen sie Zeugenschaft ablegten, mehrmals in der Rangfolge der Zeugen an vorderster Stelle genannt.

In den Archiven Amberg bzw. Bamberg liegen Originalurkunden, in denen die Adeligen von Schmidgaden aufgeführt werden. Zu Bamberg bestand eine enge verwandtschaftliche Verbindung, vor allem durch den Adeligen Konrad von Schmidgaden, der zwischen 1123 und 1124 seine Heimat verließ und Domkustos von Bamberg wurde. Er galt als einer der engsten Vertrauten Bischof Ottos von Bamberg. Da er noch zugleich Propst von Stift Gangolf (Bamberg) und Kloster Ebrach war, verfügte er über gute Einnahmen, die er wiederum an mehrere Klöster weitergab.

Geschlecht stirbt aus

Etwa ab 1175 mussten sich die Schmidgadener in die ministeriale Abhängigkeit begeben und verloren den Status der Edelfreien. Die neuen Privilegien dieses Dienstadels bzw. Verwaltungsadels waren nicht vererbbar und das Geschlecht der Schmidgadener starb allmählich aus. 1225 wurde die Burg in Schmidgaden an Graf Heinrich von Ortenburg-Murach verpfändet. Ende des 13. Jahrhunderts nahmen die Paulsdorfer Herren davon Besitz. Die Wehranlage verlor immer mehr an Bedeutung. Nach dem Verfall der Burg, Mitte des 14. Jahrhunderts, entstand aus der bestehenden Burgkapelle eine Kirche. Der überdimensionale Kirchturm stand bis 1951 in einem auffälligen Missverhältnis zu dem relativ kleinen Kirchenschiff und lässt daher zweifellos auf seine frühere Eigenschaft als Wehrturm schließen. Das im 14. Jahrhundert aus einer Burgkapelle als Wehrkirche erbaute Gotteshaus wurde im 18. Jahrhundert und vor allem im Jahr 1951 bedeutend erweitert. Während die Kirche in Nord-Süd-Richtung erbaut wurde, erfolgte die letzte große Erweiterung in Ost-West-Richtung.

Die ganze Kirchenanlage lässt drauf schließen, dass sie anfänglich als Wehrkirche errichtet wurde. Der eigenartige, achteckige Turm und die starken, hoch herausgebauten Kirchhofmauern weisen darauf hin. Der mächtige Turm mag früher, als das Kirchenschiff noch kleiner war, in seiner Stärke in gar keinem Verhältnis zum kleinen Kirchlein gestanden haben. Die ehemalige Sakristei, die bei Umbau 1951 niedergerissen wurde, und an der Nordseite der Kirche stand, ist ebenfalls erst später, also nach dem 14. Jahrhundert, angebaut worden. Bis zum Jahre 1951 befand sich der Chor unter dem achteckigen Turm und der jetzige Altarraum war das Kirchenschiff.

Kriege und Armut

Ständige Kriegswirren behinderten die Aufwärtsentwicklung. Schmidgaden musste unter den ständigen Kriegswirren in Europa schwer leiden. Angefangen von den Hussitenkriegen (1419-1434), über den 30jährigen Krieg (1618-1648), den Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) bis hin zu den Koalitionskriegen (1796-1814) brachten diese Zeiten stets großes Unheil. Die Bevölkerung litt unter ständiger Armut. Trotz alledem verfügten die Bewohner immer wieder über einen ungebrochenen Aufbauwillen nach diesen wiederkehrenden Zerstörungen.

Während der Glaubensspaltung im 16. Jahrhundert mussten die Schmidgadener viermal den Glauben wechseln. Das Volk hatte das zu glauben, welcher Religion sich der Landesfürst anschloss. Zu den größten Unmenschlichkeiten zählten die Geschehnisse der beiden Weltkriege. Auch in Schmidgaden wurde viel Hoffnung und viel Jugend zerstört. Unsägliches Leid brachten die Kriegsfolgen der Bevölkerung. In diese ohnehin kaum tragbare Not ergoss sich ein nie enden wollender Strom Heimatvertriebener aus dem Osten, bar jeden Eigentums.

Die Bevölkerung Schmidgadens stieg binnen kurzer Zeit von 600 auf 800 Menschen an. Die Buchtal AG befand sich bald wieder in wirtschaftlichem Aufschwung und es bestand Aussicht auf Arbeit. Auch im Bergbau wurde wieder Flussspat abgebaut und in den Gruben Braunkohle gefördert. Mit dem Abbau von Lehm und Ton durch die Buchtal GmbH begann der wirtschaftliche Aufschwung. Die Industrialisierung Schmidgadens setzte ein. Aus dem einst landwirtschaftlich geprägten Dorf (1947: 60 Häuser) wurde binnen kurzer Zeit ein aufstrebender Industriestandort (1971: 200 Häuser).

Hintergrund:

Splitter aus der Chronik Schmidgadens

  • Um 1000: Erste Besiedelung
  • 1123. Erstnennung Schmidgadens
  • 1405: Erstnennung eines Pfarrers in Schmidgaden
  • 1471: Letzte Nennung eines Schmidgadener Adeligen: Ulrich der Schmidgadener
  • 1557: Schmidgaden wird lutherisch und wechselt während der Reformationszeit viermal den Glauben
  • 1728: Pfarrhof wird gebaut
  • 1729: Erster Lehrer in Schmidgaden ist Michael Bößl
  • 1750: Brand des Pfarrhauses – Vernichtung wichtiger Unterlagen
  • 1750: In Schmidgaden wird Johann Baptist Bauer geboren. Berühmte Persönlichkeit seiner Zeit. Priester, gefragter Prediger, Hauslehrer und Kreisschulinspektor.
  • 1844: 31 Häuser mit 225 Seelen, gewerbetreibenden Familien 7, darunter 1 Schmied, 1 Krämer, 1 Schneider, 2 Schuhmacher, 1 Wagner und ein Wirt.
  • 1872: Johann Baptist Kraus kommt als Lehrer nach Schmidgaden und bleibt bis 1906. Er wird zum ersten Ehrenbürger der Gemeinde ernannt.
  • 1875: Bau eines neuen Schulhauses (ehem. Poststelle)
  • 1917: Eröffnung des Kohlebergbaus in Schmidgaden (geringe Qualität)
  • 1920 bis 1935: Pfarrherr Josef Fischer betreibt noch als versierter Landwirt seine Landwirtschaft und gibt den Bauern wertvolle Ratschläge
  • 1935: Stromnetzanbindung - Schmidgaden erhält elektrisches Licht
  • 1937: In staatlichem Auftrag wird mit Buchtal ein grobkeramischer Betrieb eröffnet und im November 1938 in Betrieb benommen.

Archäologische Funde auf dem Kuhbühl.
 
Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:
Zum Fortsetzen bitte

Sie sind bereits eingeloggt.

Um diesen Artikel lesen zu können, benötigen Sie ein OnetzPlus- oder E-Paper-Abo.