Es war der zweite Weihnachtsfeiertag, an dem die Naturkatastrophe über die Länder am Indischen Ozean hereinbrach: ein Tsunami. Kaum einer hatte damals von diesem Phänomen gehört. Auch Susanne Weber war sich der Gefahr einer solchen, durch ein Erdbeben ausgelösten Riesenwelle nicht bewusst. Die damals 35-Jährige war zusammen mit ihrer siebenjährigen Tochter erst kurz zuvor auf der thailändischen Insel Ko Phuket angekommen, wo sie mit ihrem Partner Klaus den Weihnachtsurlaub verbringen wollte. Oberpfalz-Medien hat sie damals erzählt, wie knapp die Familie mit dem Leben davonkam. Zwei Jahrzehnte später gibt sie auf Nachfrage nun Auskunft, wie das Erlebnis ihr Leben verändert hat.
„Da haben wir unseren Schutzengel enorm strapaziert“, erklärt die 55-Jährige, die 2004 in Inzendorf (Gemeinde Schmidgaden) im Landkreis Schwandorf wohnte und zu diesem Zeitpunkt mit Nachnamen Rappl hieß. Inzwischen ist sie nach Sulzbach-Rosenberg umgezogen, hat ihren Partner von damals geheiratet – und ist nie wieder nach Thailand gereist. Noch heute kann sie es nicht ertragen, eine der vielen Dokus zu sehen, die jetzt zum Jahrestag der Katastrophe im Fernsehen laufen. Selbst bei Bildern von Wellensurfern sieht sie lieber weg. „Uns ist ja nichts passiert“, schränkt sie ein. Trotzdem ist das Ereignis für sie nicht ohne Folgen geblieben.
Schon vorher Albträume
„Künftig feiern wir am zweiten Weihnachtsfeiertag unseren zweiten Geburtstag“, hatte die damals 35-Jährige unmittelbar nach ihrer Rückkehr zum Jahreswechsel 2004/2005 der Zeitung gesagt. Heute steht die Jahrhundertflut am 26. Dezember für sie zwar nicht im Vordergrund, aber vorbei und vergessen ist sie nicht. „Es ist seltsam, aber ich habe ein Jahr vor diesem Urlaub immer mal wieder geträumt, dass mich eine große Flutwelle verschlingt“, erinnert sie sich. Dass es dazu im realen Leben nicht kam, verdankt sie einer Reihe von glücklichen Umständen. An jenem Tag vor 20 Jahren hatten sich die drei Urlauber einen Ausflug auf die Insel Phi Phi überlegt, sich dann aber doch für eine Bootstour zu den Mangroven-Höhlen entschieden.
Im letzten Boot
Mit einem größeren Ausflugsschiff brach die Familie auf und wurde dann zusammen mit anderen Touristen auf mehrere kleine Schlauchboote verteilt, um die Höhle zu erkunden. „Die Einfahrt war eng. Als es dann rauswärts ging, mussten wir uns ganz flach ins Boot legen, um noch durchzupassen“, erinnert sich die heute 55-Jährige. „Menschenskind, das geht doch nicht“, wunderte sie sich damals, als ihre Nase nur knapp an der Höhlenwand vorbei schrammte. „Meine Tochter hatte Platzangst.“ Da war zunächst nur klar: Der Meeresspiegel musste gestiegen sein.
Zurück an Bord des Ausflugsschiffs gab es dann einen Funkspruch, in dem von einer „big wave“, einer großen Welle, die Rede war. „Mein Mann hat mir hinterher erzählt, dass sich da in meinem Gesicht alle Farben abgewechselt haben“, berichtet Susanne Weber. Ihr ist klar, dass noch Boote in der Höhle waren, die es nicht mehr nach draußen geschafft haben. Als die Ausflügler später an Land gehen wollen, ist der Steg weg. Das volle Ausmaß aber begreifen sie erst, als sie per Bus über das Landesinnere an der völlig zerstörten Westküste ankommen und im Fernsehen die ersten Bilder von der Katastrophe zu sehen sind. Der Zufall wollte es, dass ihr Mann erst kurz vor der Ankunft von Susanne und ihrer Tochter das Hotel gewechselt hatte, die zuvor gebuchte Unterkunft erwies sich später als völlig zerstört.
Das neue Hotel aber ist von der Flut verschont geblieben und wird zum Auffanglager für obdachlose Touristen. „Der Hotel-Manager und der Hauselefant waren die ersten, die geflüchtet sind, alle anderen wussten so ein Beben damals nicht einzuordnen“, erzählt Susanne Weber. Es herrscht „Chaos pur“, auch auf dem Flughafen, wo ihr Mann Klaus es schafft, auf eigene Faust einen Rückflug zu organisieren, während Fernsehteams alles blockieren und Frauen im Bikini und ohne Pass am Schalter anstehen. Die 35-Jährige hat aus Angst vor weiteren Beben kaum Schlaf gefunden in der Nacht vor dem Heimflug.
Nie hat sie den Satz ihrer damals siebenjährigen Tochter Sabine vergessen, die sie bat: „Mama, ich möchte nicht mein Grab in Thailand haben.“ Wenn der Mutter die 230 000 Toten der Katastrophe von 2004 bewusst werden, dann fragt sie sich heute: „Was hätte ich alles verpasst, wenn ich unter ihnen gewesen wäre?“ Wenn es jetzt ums Urlaubsdomizil geht, guckt sie genauer hin, checkt nach der Ankunft, wo der Notausgang ist, und legt Wert darauf, dass sie „ab dem vierten, fünften Stock aufwärts“ untergebracht ist. „Meine Tochter geht nicht mehr ins Meer, ich habe beim Schwimmen immer den Horizont im Blick“, schildert die Mutter die Folgen der verstörenden Erfahrung. Auch die Albträume von der Flutwelle waren wieder da. Erst Monate später, bei einem Urlaub auf Bali, sei es ihr schließlich gelungen, ganz bewusst „mit dem Meer Frieden zu schließen“. „Am zweiten Weihnachtsfeiertag sind wir einfach nur dankbar, dass wir leben“, sagt Susanne Weber. Dankbar auch dafür, dass es nun ein Frühwarnsystem gibt. „Der Tsunami hat wachgerüttelt“, ist sich die heute 55-Jährige sicher. „Wir hatten einfach nur Glück – und tausend Schutzengel.“
So ging es Betroffenen vor 20 Jahren
Erdbeben und Tsunami 2004
- Auslöser: unterseeisches Erbeben im Indischen Ozean 85 Kilometer vor der Nordwestküste Sumatras
- Folgen: gigantische Flutwellen am 26. Dezember 2004, rund 230.000Tote, darunter über 500 Deutsche
- Stärke: vermutlich drittstärkstes jemals aufgezeichnete Seebeben; 9,1 auf der Richterskala
- Betroffene Länder: am stärksten die Küstenregionen in Indien, Indonesien, Malaysia, Sri Lanka, Thailand, Somalia und die Malediven

















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