18.03.2020 - 16:51 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Gemeinden im Lauterachtal erinnern an Todesmärsche

75 Jahre Kriegsende in Deutschland. Auch im Landkreis Amberg-Sulzbach wird daran erinnert - schwerpunktmäßig im Lauterachtal. Dort will man an die Todesmärsche von KZ-Häftlingen im April 1945 gedenken.

Im ehemaligen Gasthaus Goldener Anker waren nach der Befreiung Teilnehmer des Todesmarsches untergebracht. Viele überlebten aber nicht.
von Autor POPProfil

Bereits seit einigen Monaten wird dieses Thema in den Rathäusern, aber auch bei den Kreis- und Ortsheimatpflegern thematisiert. Bei einem Treffen der drei Lauterachtal-Bürgermeister im Herbst waren sich Peter Braun, Florian Junkes und Stefan Braun sowie Heimatpfleger Josef Popp einig, dass dieses Leid nicht vergessen werden sollte. Landrat Richard Reisinger steht ebenfalls hinter diesem Anliegen und wird dieses Projekt "voll und ganz unterstützen".

April 1945: Kriegsende in Schmidmühlen

Verschiedene Veranstaltungen und Aktionen sind geplant - in Schmidmühlen wird der Auftakt sein. Die Aufarbeitung und Recherche für eine Dokumentation - hier arbeitet Kreisheimatpfleger Dieter Dörner federführend mit - wird noch längere Zeit in Anspruch nehmen. Der Markt Schmidmühlen wird an zwei Tagen dieser Todesmärsche gedenken: Am Ostermontag sowie an einem weiteren Tag, der noch nicht feststeht.

Sichtbare Fußspuren

Der Vorsitzende der Blaskapelle St. Ägidius, Zimmerermeister Richard Fischer (Vierter von rechts), weist die ersten Vereinsvertreter in die Aktion ein. Links neben ihn Markus Mehringer, Vorsitzender des Trachtenvereins: Er wird mit Jugendlichen Fußspuren gießen. Dafür interessieren sich auch (von links) Bürgermeister Peter Braun, Anna Lena Braun, Torsten Flieder, Paula Weigert, Katrin Fischer sowie Heimatpfleger Josef Popp.

In Schmidmühlen hat man sich die Aufgabe gestellt, die fast schon vergessenen Todesmärsche zumindest symbolisch wieder ins Gedächtnis zu rufen - in Form von Fußspuren. Die Idee, den Marsch auf diese Weise sichtbar zu machen, hat Zimmerermeister Richard Fischer konkret umgesetzt und Schalungen für Fußspuren entwickelt. Jugendliche und Vertreter von Vereinen werden diese noch mit Beton ausfüllen,- der Vorsitzende des Trachtenvereins, Markus Mehringer, wird sich darum kümmern. Bei einer kleinen Feier sollen die Fußspuren dann entlang des Lauterachtalweges eingesetzt werden.

Professor Vittore Bocchetta: Ein Zeitzeuge der Todesmärsche erinnert sich

Bereits vor zehn Jahren, fast auf den Tag genau, stellte sich der Markt Schmidmühlen auch diesem Teil seiner Ortsgeschichte und zwar mit einer Gedenkveranstaltung zur 1000-Jahr-Feier. Zeitzeugen, die sich noch an dieses Kapitel erinnern, werden immer weniger. Heimatpfleger Franz Xaver Eichenseer dokumentierte diese Ereignisse in seiner Heimatchronik.

Im Friedhof erinnert eine Gedenktafel an die verstorbenen Häftlinge.

Halt nahe dem Friedhof

Am 3. und 4. April 1945 zogen rund 1100 Menschen in drei Marschkolonnen von Hohenburg aus durch den Markt Schmidmühlen. Sie kamen von Hersbruck her das Lauterachtal herunter. Auf einer Wiese nahe dem Friedhof wurde Halt gemacht. Diesen Platz erachteten die Führer als geeignet, zumal hier auch die Lauterach vorbei floss.

Umgehend bezogen Wachmannschaften Stellung, um die Gefangenen zu bewachen. Der Bevölkerung war die Kontaktaufnahme verboten. Die ersten beiden Marschgruppen mit etwa 1000 Männern zogen im Vilstal weiter in Richtung Kallmünz. Der letzte Zug mit 227 abgemagerten und ausgemergelten Menschen blieb in der Lauterachtalgemeinde zurück. Trotz scharfer Bewachung gelang es zwei Häftlingen, zu entkommen. Sie flüchteten zum Kreuzbergfelsen. Sofort nahmen die Wachmannschaften mit scharfen Hunden die Suche auf. Es dauerte nicht lange, bis man die beiden Männer gefunden hatte. Sie wurden verhaftet, gefesselt und in einem Haus eingesperrt. Am nächsten Tag wurden sie bei Fischereis (jetzt Truppenübungsplatz) standrechtlich erschossen und an Ort und Stelle verscharrt.

Ljubisa Letic (85) erinnert sich an Todesmarsch

Regen wird zur Katastrophe

Am 5. April zog der Großteil der Häftlinge wieder ab, durch das Vilstal hinab. Alle Pferdefuhrwerkbesitzer wurden unter Zwang der SS verpflichtet, die nicht mehr Gehfähigen zu transportieren. Auch dabei wurden Häftlinge von den SS- Bewachern erschossen. In der Nacht begann für die Zurückgebliebenen eine Katastrophe: Es setzte starker Regen ein.

Ein Teil der Häftlinge sucht Schutz vor Nässe und Kälte in einem Schuppen. Doch der war der Menge nicht gewachsen: Das Gebälk brach zusammen und stürzte auf die am Boden liegenden Häftlinge - für viele der sichere Tod. Man hörte schreckliche Schreie und auch Schüsse. Ein Teil der ums Leben gekommenen Häftlinge, so kann man es in der Chronik des Marktes nachlesen, wurde auf dem Friedhof, ein Teil auf der Wiese in der Nähe der Feldscheune beerdigt - und später exhumiert.

Entlang des Lauterachweges sollen die "Spuren gegen das Vergessen" gesetzt werden.

Entkräftet gestorben

Für die zurückgebliebenen Häftlinge bedeuteten die wenige Tage später einrückenden Amerikaner die Befreiung. Die US-Soldaten betreuten sie besonders fürsorglich. Die Häftlinge wurden im ehemaligen Gasthaus Goldener Anker untergebracht - aber auch im alten Schulhaus. Für sieben von ihnen kam die Befreiung zu spät. Sie starben entkräftet, weil sie die reichlich gelieferte Nahrung nicht vertrugen. Insgesamt waren es schließlich 17 Häftlinge, die im Friedhof beerdigt wurden. Wie viele Menschen bei diesem Marsch ums Leben kam, kann nicht mehr exakt recherchiert werden. Ihr Schicksal soll im Landkreis nicht vergessen werden.

Im Blickpunkt:

Jugendliche sind eingeladen

Für den Markt Schmidmühlen koordiniert der Kulturausschuss die Gedenkveranstaltungen. Alle Vereine aber auch alle Bürger werden noch zu diesen Veranstaltungen eingeladen. Zum „Setzen“ der Fußspuren sind Jugendliche aller Vereine willkommen. Eine entsprechende Information geht noch an die Vereine.

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