04.06.2020 - 11:19 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Jahrhunderte lang plagen Überschwemmung den Markt Schmidmühlen

Wenn es um Hochwasser im südlichen Landkreis Amberg-Sulzbach ging, ist Schmidmühlen eigentlich immer dabei gewesen. Fast in jedem Jahrzehnt sind Überflutungen im Markt dokumentiert. Doch diese Bilder sind Vergangenheit.

von Autor POPProfil

Die große Zahl an Überschwemmungen hat einen Grund: Der Marktflecken liegt am Zusammenfluss von Vils und Lauterach. Erstmals wird in den Matrikelbüchern am 27. Januar 1671 ein Hochwasser erwähnt: „Es gab großen Schnee, Sturm und Hochwasser.“ Über 110 Jahre später, am 27. Februar 1784 ist erneut ein großes Hochwasser verzeichnet. So schreibt der Chronist: “Als am Freitag nachts um halb 12 Uhr das Wasser so hoch angewachsen war, das selbes um 4 ½ Schuh hoch in den unteren Wohnstuben gewesen und gleich den unteren Fenstern war. Im Oberen Schlössl ersauften sechs Ochsen und zwei Kühe im Stall wie auch bei Bürgermeister Kotzbauer zwei Kühe. Was für ein Schrecken im Pfarrhof und im ganzen Markt war, lasset sich nicht beschreiben. Die beiden Pferde des Pfarrers von Metzberg mussten, um nicht zu ersaufen, zwei Nächte und einen Tag auf seiner Dungstatt, welche so hoch war wie die Mauer zum Stricker (ein Anwesen im Ortszentrum, Anm. der Red.) hinüber, steh´n samt dem Knecht. Das Wasser ging ihnen zum Bauch und sie mussten bei Kälte, Regen und Wind dort ausgesetzt campieren. Der Knecht konnte nicht ins Haus hinein und niemand aus dem Haus heraus. Ihm konnte niemand was zu essen geben und die Pferde hatten kein Futter. Es war schaudervoll alles anzusehen ohne helfen zu können. Im Markt gingen ca. 70 Stück Vieh zu Grunde. Sogar ein Hund, der an seine Hundehütte gekettet war, wurde von den Fluten mitgerissen." Wer weiß, wie wertvoll in früheren Zeiten Pferde, Kühe und Schweine waren, kann erahnen wie dramatisch dieses Hochwasser für die Menschen und den Markt gewesen sein muss.

Das ultimative Hochwasser brach aber 1909 über Schmidmühlen herein. Tief gefroren war im Januar 1909 der Boden nicht nur in Schmidmühlen, sondern in der ganzen Oberpfalz. Als Ende Januar die Kälte plötzlich nachließ, schneite es drei Tage und drei Nächte lang, um dann aufzuhören und drei Tage lang zu regnen. Ununterbrochen. Die vom Hochwasser geplagten Bürger aus Schmidmühlen ahnten wohl nichts Gutes, als die Pegel der Vils und der Lauterach anfingen zu steigen. Vom 4. auf den 5. Februar wurde der Markt von dem wohl bisher katastrophalsten Hochwasser der Ortsgeschichte heimgesucht. Dabei trafen die Fluten der Vils und der Lauterach in Schmidmühlen zusammen. Das Wasser der Vils staute die Lauterach zurück. Der Chronist berichtete, dass sich alles in überraschender Schnelligkeit abspielte. Eine Evakuierung war nicht mehr möglich. Alle Zu- und Ausgänge des Ortes waren plötzlich überflutet. Den Bürger blieb nur noch eines übrig: Sich in die Obergeschosse ihrer Häuser zu retten, denn die ebenerdigen Räume standen innerhalb kürzester Zeit unter Wasser. Hilflos mussten die Bürger zusehen, wie die Sturzbäche die Hoftore aufdrücken und alles mitrissen. Viele der Tiere in den Ställen ertranken erbärmlich.

Diese Flutkatastrophe bildete den Startschuss für die Hochwasserfreilegung, die erstmals konkret im Jahr 1910, also vor 110 Jahren, angedacht wurde. Es dauerte über neun Jahrzehnte, bis die Planungen abgeschlossen waren. Zwei Weltkriege, das Auf und Ab in der Weimarer Republik, die Nachkriegsjahre und vor allem finanzielle Engpässe des Marktes zögerten den Baubeginn immer wieder hinaus.

Mit dem obligatorischen ersten Spatenstich begann am 17. April 2003 die Hochwasserfreilegung, ein Vorhaben des Bezirks Oberpfalz unter Beteiligung des Marktes Schmidmühlen, gefördert vom Freistaat Bayern und kofinanziert von der Europäischen Union. Die Gesamtkosten beliefen sich damals auf immerhin 7,5 Millionen Euro, die auf verschiedene Schultern verteilt wurden. Es war das größte Projekt in der Geschichte des Marktes – und es war in Verbindung mit dem Fischereiverein die größte Umsetzaktion zur Fisch- und Amphibienrettung im ganzen Landkreis.

Schmidmühlener üben weiterhin den Ernstfall

Die Maßnahme, die am 31. Juli 2008 ihren Abschluss fand, umfasste die Errichtung einer Flutmulde mit Dämmen, Verschlussbauwerken, neuen Brücken und neuen Straßenführungen sowie Schutzmauern. Bereits wenige Tage nach Baubeginn wurde das alte Fochtner-Anwesen dem Erdboden gleichgemacht. Die Friedhofbrücke folgte, vor deren Abriss mussten jedoch Behelfsbrücken errichtet werden. Aus Gründen der Bodenbeschaffenheit - im Baustellenbereich befand sich eine fünf Meter starke, nicht tragfähige Bodenschicht - musste die Gründung der geplanten Pfeiler und Widerlager im Kalkstein eingebunden werden. Eine höchst aufwändige Arbeit. Der Markt Schmidmühlen ist seither sicher eine der brückenreichsten Gemeinden im Landkreis Amberg-Sulzbach.

Doch damit nicht genug: Mit der Hochwasserfreilegung kamen einige Schutzbauten hinzu, die eine Brückenfunktion haben. Die Verschlussbauwerke leiten bei einem Hochwasserereignis das Wasser in die Flutmulde und am Ortskern vorbei. Auch das Multifunktionsgebäude (Hochwasserverschluss und Schöpfwerk) dient als Brücke. Heute kommt man über das Klappenwehr in die Flutmulde.

Diese Bauwerke haben eine wichtige Funktion. Denn entlang der Lauterach führt der Skulpturenweg, deren Blickfang die Morisken auf der Schutzmauer sind. Im Bereich von Schmidmühlen war und ist die Lauterach ein wichtiges Refugium für Mühlkoppen und Bachneunaugen, die immer noch auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tiere stehen. Allein bei einer Abfischaktion im Sommer wurden auf einem Streckenabschnitt von etwa 100 Metern etwa 1500 Mühlkoppen gefangen und umgesetzt. Auch der Bestand an Bachneunaugen ist groß.

Von beiden Brücken aus kann man weit in die Flutmulde blicken. Dort ist von den Spuren der Bagger und anderer schwerer Baumaschinen nichts mehr zu sehen. Auch der Hammerbach hat sein neues Bachbett angenommen. Wie in früheren Jahren sind hier die Mühlkoppen und Bachneunaugen wieder heimisch, Wasser- und Uferpflanzen haben ihr Terrain zurückerobert. Die Umsetzmaßnahmen haben gute Einblicke in die Flussökologie gebracht.

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