28.04.2020 - 12:24 Uhr
SchmidmühlenOberpfalz

Tiefflieger suchten auch in Schmidmühlen nach lohnenden Zielen

Im April 1945 war das verbrecherische Nazisystem in Ostbayern am Ende. Amerikanische Truppen rückten in die Oberpfalz vor. Bei Tieffliegerangriffen fielen auch in der Lauterachgemeinde Schmidmühlen einige Bomben.

von Paul BöhmProfil

Bei der Bombardierung von Schwandorf sah man in weitem Umkreis die „Christbäume“ als Wegweiser für die anfliegenden Bomberverbände. Kurz darauf zitterten sogar in Schmidmühlen Fenster und Türen, als die Bomben detonierten. Auch in der Lauterachgemeinde hat es einige Bombenabwürfe gegeben.

Viel Leid und Elend hat die Bevölkerung in Schmidmühlen in den letzten Kriegswochen mit ansehen müssen, ohne helfen zu können. Etwa 1100 bis auf die Knochen abgemagerte und schwer gezeichnete KZ-Häftlinge aus dem KZ-Außenlager Hersbruck waren in mehreren Kolonnen auf ihrem Schicksalsmarsch durch Schmidmühlen gekommen. Kahlgeschorene Köpfe, Sträflingskleidung und Holzschuhe sind den wenigen verbliebenen Zeitzeugen heute noch in Erinnerung. Dass die Zivilbevölkerung den eingepferchten KZ-Häftlingen fern zu bleiben hatte, dafür sorgten die Aufseher und Wachen unter Androhung standrechtlicher Erschießungen oder Deportation.

Franz Xaver Eichenseer schreibt dazu im Schmidmühlener Heimatbuch, dass einer der SS-Kommandanten „Botnar“ gerufen worden ist. Auch ein gewisser „Karthaus“ aus Hamburg soll eine führende Person gewesen sein. Schon mehrfach waren in letzten Kriegswochen des Jahres 1945 Aufklärungsflieger der US Air-Force über Schmidmühlen zu sehen gewesen. Es hatte fast täglich Fliegeralarm gegeben und die Bevölkerung suchte Schutz vor nachkommenden Jagdfliegern in den ehemaligen Bierkellern am Fuße des Kreuzberges, am Brunnlettberg und in der Hohenburger Straße.

Tiefflieger suchten systematisch nach lohnenden Zielen im Vils- und Lauterachtal. Zurückweichende Wehrmachtstrosse, aber auch Flüchtlingswägen und die Bauern auf dem Feld waren lohnende Angriffsziele für die meist im Zweierverband fliegenden Jagdbomber der amerikanischen Luftwaffe. Wie Heimatchronist Franz Xaver Eichenseer in seinen Aufzeichnung festhielt, wurde am 11. April 1945 die Brunnmühle in Brand geschossen. Fast täglich beschossen Tiefflieger aus Bordwaffen alles was sich bewegte.

Dem Zimmerermeister Josef Vogl vom Weinberg schoss man eine Kuh am Wagen tod. Mit letzter Mühe gelang es ihm und seiner Frau im Straßengraben Deckung zu finden. Auch ein leer stehender Güterzug am Bahnhof in Schmidmühlen war Ziel eines Tieffliegerangriffes gewesen.

Schwere Bomben wurde hinter dem Schmidmühlener Kreuzberg bei Fischereis und am Schlösslberg in Richtung Adertshausen abgeworfen, Bomben die eigentlich für den Schmidmühlener Bahnhof bestimmt waren.

Auf der Hohenburger Straße ging ein Munitionswagen in Flammen auf. Ein Soldat und die beiden Pferde wurden bei dem Angriff getötet. Einige Fünf-Zentner-Bomben lagen noch längere Zeit nach Kriegsende im Waldgebiet am Schlösslberg, bevor sie entschärft wurden.

Als am 17. April Schwandorf bombardiert wurde, konnte man von Schmidmühlen aus die „Christbäume“ sehen, mit denen vorausfliegende „Scouts“ die Ziele markierten. Stundenlang erfüllte das tiefe Brummen der anfliegenden Bomberverbände die Luft. Als in der Stadt die ersten Bomben explodierten, klirrten selbst im 20 Kilometer entfernten Schmidmühlen Fenster und Türen, so heftig waren die Detonationen. Die Zivilbevölkerung hatte vorsorglich die zugewiesenen Luftschutzkeller aufgesucht.

Division „Honvet“

Am 22. April 1945 wurde von SS-Soldaten die Eiserne Brücke zur Sprengung vorbereitet. Von Pionieren wurde bei der Oberen Mühle eine Panzersperre errichtet. Die letzten deutschen Truppen vor der Besetzung Schmidmühlens durch die Amerikaner am Vormittag des 24. April 1945 waren ungarische SS-Angehörige der Divison „Honvet“ gewesen.

Sie machten sich aber schnell in Richtung Burglengenfeld aus dem Staub, um die Naablinie zu verteidigen. Andere Truppenreste versuchten noch über Kallmünz in Richtung Regensburg zu kommen. Einige Wehrmachtsverbände schafften zwar noch den Donauübergang, ehe sie in Niederbayern in amerikanische Kriegsgefangenschaft gerieten.

Felsenkeller leisten wertvolle Dienste

Viele Schmidmühlener erlebten die Besetzung ihres Heimatortes in den Bierkellern am Kreuzberg und am Fuße des Brunnlettberges.Von Winbuch herunter kamen an diesem Tag die ersten amerikanischen Panzerwägen vorsichtig auf Schmidmühlen zugerollt, nachdem es schon in der Nacht erste Feindannäherungen gegeben hatte. In einigen versteckt gelegenen Gärten an der Lauterach sah man in der Nacht Feuer auflodern, in denen die örtlichen Nazis noch schnell ihre Parteirelikte in die Flammen warfen.

Der damalige Feuerwehrkommandant und spätere Bürgermeister Johann Büchl stand vor den ersten Häusern an der Hohenburger Straße und winkte mit einer weißen Fahne den anrückenden Amerikanern zu. Er wurde auf den Spitzenpanzer neben das Maschinengewehr gezerrt, um die schweren Fahrzeuge durch Schmidmühlen zu schleusen.

Von der Brücke in Harschhof wurde eine Panzerspitze vom Harschhoffelsen aus beschossen, doch nach kurzen Anhalten wurde die Brücke im schnellen Tempo überquert, dass das Brückengeländer nur so durch die Luft wirbelte.

Johann Büchl durfte erst wieder auf der Vilstalstraße beim Sternwirtskeller den Panzer verlassen. Militärisch gesehen gab es in Schmidmühlen keinen großen Widerstand. Nur ein paar Fanatiker der Hitlerjugend gaben noch Schüsse vom Kreuzbergfelsen her ab.

Häftlinge befreit

Nach der Besetzung mussten die gut erhaltenen Häuser geräumt werden, um den nachrückenden Amerikanern Platz zu machen. So endete der Zweite Weltkrieg für Schmidmühlen. Und es war vor allem auch das Ende unsäglichen Leids für 227 KZ-Häftlinge, die in den letzten Kriegstagen bei ihrem Todesmarsch auf der Lauterachwiese in ein menschenunwürdiges Lager gesperrt waren. Am 24. April 1945 wurden sie von amerikanischen Soldaten befreit.

Die zurückgelassenen KZ-Häftlinge wurden im Schulhaus und im Goldenen Anker untergebracht und nach und nach zusammen mit den frei gekommenen Kriegsgefangenen ins leere Lager Stalag 383 nach Hohenfels geleitet. Dort war von Amerikanern das sogenannte Polensammellager für die „Displaced Persons“ eingerichtet worden.

Von da aus wurde die ganze Gegend von den ehemaligen Zwangsarbeitern verunsichert. Die Bevölkerung war ohne Waffen, die Polen dagegen hatten sich Waffen organisiert, kann man in der Schmidmühlener Chronik von Xaver Eichenseer nachlesen. Plünderungen erfolgten überall in den umliegenden Gehöften und Weilern, bis diesem Treiben schließlich von dem Amerikanern Einhalt geboten wurde. Die Einöde Ofen wurde Anfang Mai 1945 von 10 bis 15 bewaffneten Polen überfallen und ausgeplündert. In Emhof hat es ähnliche Vorfälle gegeben und auch Winbuch und Greining wurde mehrmals heimgesucht, heißt es. Etwa 350 Flüchtlinge aus dem Sudetenland, Ostpreußen und Schlesien waren zusätzlich mit ihren wenigen Habseligkeiten in Schmidmühlen gestrandet und mussten versorgt und untergebracht werden.

Bei der Besetzung durch die Amerikaner sind um Schmidmühlen gefallen: Ein Soldat aus Eppenschlag bei Passau, ein Soldat beim Schlösslberg, ein Hauptmann Wezel und ein Unteroffizier Baader am Weg zwischen Pilsheim und Eglsee, zwei Soldaten bei Fischereis an der Straße nach Bergheim und ein Soldat in Winbuch. Diese Soldaten wurde im Friedhof begraben, später exhumiert und in einem Friedhof bei Vilshofen in Niederbayern bestattet.

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