11.09.2018 - 17:06 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Die Kino-Geschichte Schnaittenbachs

Der "Mack" ist einst die Einkaufsmeile Schnaittenbachs. Geschäft an Geschäft reiht sich entlang der Hauptstraße. Auch ein Kino ist darunter, die Kreuzlichtspiele von Michl Weiß. Vor 50 Jahren flimmert hier der letzte Film über die Leinwand.

Im Gasthof Zum goldenen Kreuz von Michl Weiß läuft vor 66 Jahren der erste Kinofilm in Schnaittenbach. Vor 50 Jahren gehen hier die Lichter schon wieder aus. Links und rechts vom Eingang an der B 14 befinden sich damals die Schaukästen mit den Kinoplakaten

(sh) Wie kein anderes Bürgerhaus in Schnaittenbach ist der ehemalige Weiß- Gasthof Zum goldenen Kreuz im Mittelpunkt der Stadt ein Spiegelbild der Ortsgeschichte von Schnaittenbach im 20. Jahrhundert. Das Anwesen, früher bestehend aus Metzgerei, Gasthaus und Landwirtschaft, ging 1937 in den Besitz von Michael Weiß über. Der angegliederte Saal bildete das Zentrum für Veranstaltungen aller Art. Viele Vereine hatten dort ihr Vereinslokal und auch zahlreiche Tanzveranstaltungen wie Faschingsbälle, Kirchweihtanz, Christbaumverlosungen und Theateraufführungen wurden dort abgehalten. Als Schnaittenbach Ende der 20er- und zu Beginn der 30er-Jahre, als es der Kaolinindustrie nicht besonders gut ging, unter großer Arbeitslosigkeit litt, wurde die Gastwirtschaft zur Wärmestube für viele arbeitslose Jugendliche. Auch zwei Schulräume waren hier schon untergebracht, genauso wie Räume für Wehrmachtsverbände während des Zweiten Weltkriegs und später für Flüchtlinge aus dem Osten.

Ende 1948, vor 70 Jahren, ließ sich Michl Weiß vom Landratsamt die Nutzung des Saales mit rund 280 Sitzplätzen für Kinovorstellungen genehmigen. Das Wanderkino Lorenz Fischer aus Amberg und ein Wanderkino aus Eschenbach zeigten Farbfilme wie "Die Frau meiner Träume" mit Marika Rökk in der Hauptrolle oder "Die Frau am Weg" und "Die große Nummer". Alsbald wurde in der Bevölkerung der Ruf laut nach einem neuen und modernen Kino. Michl Weiß und seine Frau Betty zeigten Mut und bauten im Saal ein Lichtspieltheater ein, das damals auf das Modernste ausgestattet war. Die Einweihung des Kinos mit dem Namen Kreuzlichtspiele, abgeleitet vom historischen Namen Gasthof zum goldenen Kreuz, fand am 12. Juli 1952 um 20 Uhr mit dem Gebirgsfilm "Weiße Schatten" statt. Kinovorführungen gab es anfangs jeden Samstag, Sonntag und Montag jeweils um 20.30 Uhr, sonntags außerdem Kindervorstellungen um 15 und 17 Uhr und Nachtvorstellungen um 22.15 Uhr. Die Eintrittspreise lagen bei 50 Pfennige für die Kindervorstellungen und etwa 1,50 Mark für Erwachsene. Jahrzehntelanger Filmvorführer war nebenberuflich Alfons Stanke, die Billedl-Abreißer und Platzanweiser waren Otto Zillich und Fritz Reindl, die Eintrittskarten verkaufte Michl Weiß selbst. Etwa ein Drittel der fast 300 Sitzplätze im Kinosaal waren Sperrsitze im hinteren Bereich, die mit roten Samtbezügen gepolstert waren, während man auf den billigen Plätzen vorne anfangs mit einfachen Holzstühlen und später dann mit nicht gerade bequemen Holzsesseln zufrieden sein musste. Kaum war das Licht ausgegangen und der Film nach Wochenschau und Werbung angelaufen, begann das "Kinderspringen" von vorne immer weiter nach hinten auf die bequemen, gepolsterten Stühle. Die beiden Platzanweiser Zillich und Reindl jedoch kannten ihre Pappenheimer und ließen sich nicht so leicht überlisten, sondern beförderten die Sitzspringer wieder nach vorne auf die Sperrholzsessel oder als Strafe sogar aus dem Kino hinaus. Die Sperrsitzreihen waren auch begehrte Plätze für Liebespärchen.

Der Zugang zum Kino im oberen Stock befand sich anfangs an der Hauptstraße, später an der Bachgasse. An der Hauptstraße, rechts und links des Eingangs, priesen Schaukästen die Filme an. Manches, zum damaligen Zeitpunkt als etwas freizügig eingestuftes Kinoplakat erregte den Unmut vor allem der älteren Weiblichkeit, so dass sich der gestrenge Pfarrer Simon Utz genötigt sah, eigenhändig an den Plakaten die gewissen Stellen zu überkleben, was jedoch die jugendlichen Kinobesucher nur noch neugieriger machte. Liebes- und Heimatfilme, aber auch Krimis und Western sowie Fuzzi-Filme waren besonders beliebt und füllten den Kinosaal auch ohne Popkorn, das man zum damaligen Zeitpunkt in Schnaittenbach noch nicht kannte. Die Wochenschau brachte in schwarz-weiß das politische Zeitgeschehen in Bild und Ton.

Da die neuesten Filme erst in den größeren Städten wie Amberg oder Weiden gezeigt und die Landkinos erst danach bedient wurden und das Fernsehzeitalter etwa 1967 begann, setzte das Sterben der Lichtspieltheater in kleineren Gemeinden ein, dem auch die Schnaittenbacher Kreuzlichtspiele von Michl Weiß 1968, also vor genau 50 Jahren, zum Opfer fielen. Seitdem ist Schnaittenbach, wie so viele andere Orte auch, ohne Kino. Den leeren Saal nutzte später der Heimat- und Volkstumsverein Ehenbachtaler für seine Vereinsarbeit. Seit einigen Jahrzehnten jedoch steht er leer. Derzeit erinnert nichts daran, dass dieses Haus im Ortskern einmal gesellschaftlicher und kultureller Mittelpunkt Schnaittenbachs war.

Der Kinosaal von Michl Weiß bei der Einweihung vor 66 Jahren, damals mit einfachen Stühlen in den vorderen Reihen, die später in richtige Kinosessel aus Holz ausgetauscht werden

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