14.09.2018 - 13:08 Uhr
SchnaittenbachOberpfalz

Die „Schlemm“ ist jetzt ein Fall für die Geschichtsbücher

Die 185-jährige Geschichte der Firma Eduard Kick, Kaolin- und Quarzsandwerke Schnaittenbach, geht mit dem kompletten Abbruch der Betriebsgebäude zu Ende. Mit über 400 Beschäftigten war sie einst der größte Arbeitgeber der Stadt.

Seit zwei Jahren laufen die Abbrucharbeiten des Betriebsgebäudes der 185 Jahre alten Firma Kick.

Schnaittenbach durchlebte in der Vergangenheit, vor allem während des Dreißigjährigen Krieges und der napoleonischen Zeit durch Plünderungen und Brandschatzungen, später durch die Feuersbrunst 1817 und die große Überschwemmung 1830, viele schwere Schicksalsschläge. Über Jahrhunderte hinweg herrschte in der Region eine unsägliche Armut.

Das Jahr 1833 aber war für Schnaittenbach ein Glücksjahr. Die Errichtung des ersten Kaolinwerks vor 185 Jahren wurde zur Geburtsstunde der oberpfälzischen Kaolinindustrie und des "Ruhrgebiets der Oberpfalz". Damals bahnte sich für Schnaittenbach eine wirtschaftlich positive Entwicklung an. Der aus Biberach an der Riß stammende Daniel Christoph Eduard Kick, vor 215 Jahren geboren, begründete die Oberpfälzer Kaolinindustrie in Schnaittenbach.

Magische Anziehungskraft

1830 kam Kick als Buchhalter zur Hirschauer Steingutfabrik, die er drei Jahre später wieder verließ, um sich der Gewinnung und Aufbereitung des Kaolins zu widmen. Die kaolinhaltigen Äcker des Ehenbachtales zogen den damals erst 30-jährigen unbekannten und mittellosen Eduard Kick magisch an. Johann Lorenz Popp, Löwen- und Tafernwirt zu Schnaittenbach, war beeindruckt von den Absichten Kicks, stellte diesem ein Stück seines kaolinhaltigen Grundes sowie einen, 1818 vor dem Lohtor erbauten Stadel zur Verfügung. Hier errichtete Kick eine einfache Kaolinschlämme, bestehend aus einem großen Faßbottich.

Darin wurde kaolinhaltiger Sand mit Wasser gemischt, so lange gerührt, bis sich das feine Kaolin von den Quarzkörnern gelöst hatte und in milchiger Flüssigkeit obenauf schwamm. Nun machte sich Kick daran, diese oberste Schicht mit Schüsseln abzuschöpfen und in der Sonne zu trocknen. Der Rückstand war reines Kaolin, das "weiße Gold" aus Schnaittenbach. Die fertige Ware sandte er in verschiedene Steingutfabriken. Gegen Ende 1835 verbesserte und erweiterte Kick das Verfahren zur Kaolingewinnung und erhielt vom Ministerium ein Jahr später die Genehmigung zur Errichtung einer Porzellan- und Steingutschlämme für den Zeitraum von 15 Jahren. 1838 erwarb Kick für 220 Gulden den Lohtoracker, baute dort eine größere Kaolinschlämme und 1840 am "Blemlhof" ein weiteres Werk, die "obere Schlämme". Die "untere Schlämmfabrik" auf der Loh wurde 1892 wieder eingerissen und anstelle dessen wieder ein Ökonomiestadel errichtet.

Weiter kaufte er von H. Lösche die "Sachsenschlämme" am "Sachsenbau", die später in ein Betonwerk zur Fertigung von Betonrohren und Bodenplatten umfunktioniert wurde, und die Anlage in "Gütschidorf", dem heutigen Standort der Firma Kick. Die Erfolge von Kick animierten zum Beispiel Josef Dorfner aus Hirschau, den Arzt Besold von Hirschau, Friedrich Valta aus München und K. Häupler aus Ullersricht (Wilpaschlämme) zum Aufbau von Konkurrenzbetrieben, die jedoch im Laufe der Zeit wieder eingingen oder von Kick aufgekauft wurden. Bestand haben heute noch die 1895 gegründete Firma Dorfner und die 1902 ins Leben gerufenen Amberger Kaolinwerke. Am Marktplatz vor der Kirche baute sich Kick ein Wohnhaus, das sogenannte Winklerhaus und übernahm später die Amberger Steingutfabrik. Eduard Kick starb am 3. März 1880 im Alter von 77 Jahren. Im Dreifaltigkeitsfriedhof in Amberg fand er seine letzte Ruhe.

20 Jahre zuvor hatte er seinem Schwager Wenzeslaus Rasel aus Roßhaupt in Böhmen die Leitung des Kaolinwerkes übertragen. Zu dieser Zeit waren bereits vier Kaolinschlämmen in Betrieb. Wenzeslaus Rasel gab im Jahre 1883 den Untertagebergbau auf und stieg auf den weniger gefährlichen Tagebau um. In zweiter Generation übernahm Johann Eduard Rasel, der vor 160 Jahren geboren wurde, der Sohn von Wenzeslaus, das Kicksche Erbe, unter dessen Leitung sich die Kaolinproduktion auf fast 10 000 Tonnen im Jahr vervielfachte. 1919 übernahm Alfons Rasel, der jüngste Sohn von Johann, die Werksleitung.

Mit neuen Gewinnungsverfahren und Aufbereitungsprozessen gelang es ihm, Mitte der 30er Jahre mit über 200 Mitarbeitern etwa 30.000 Tonnen Kaolin zu produzieren und in die Papier- und keramische Industrie abzusetzen.

Nach Großbrand alles neu

1940, nach dem Großbrand, baute Rasel in Kürze ein neues Werk auf. Vier Arbeiter hatten beim Brand ihr Leben verloren. Rasel, Förderer von Heimat, Kultur und 2. Bürgermeister, gründete 1950 die Kaolinkapelle und komponierte verschiedene Lieder. Nicht zuletzt ist dem Ehrenbürger die Erhebung des Marktes Schnaittenbach zur Stadt im Jahre 1954 zu verdanken. Im Jahre 1948 übernahm Dr. Martin Winkler, ein Neffe von Alfons Rasel, die kaufmännische Leitung und 1953 Diplom-Kaufmann Klemens Rasel, der Sohn des Seniorchefs die technische Geschäftsleitung des Familienunternehmens. Alfons Rasel verstarb am 6. Januar 1961 im Alter von 64 Jahren. Dr. Martin Winkler und Klemens Rasel führten modernste Bergwerkstechnik ein, wie zum Beispiel Förderbandanlagen, Monotoring, Filterpressen oder Bleichverfahren. Sie erschlossen das Ostfeld I für den Kaolinabbau. Nachdem Dr. Martin Winkler 1981 in den Ruhestand ging (1983 ist er verstorben) lag die Gesamtleitung bei Klemens Rasel.

Der Generationswechsel und die Umstrukturierung brachte für die Firma Kick anfangs der 90er-Jahre einschneidende Veränderungen. Das über vier Generationen geführte Familienunternehmen wurde nach 160 Jahren am 1. August 1993 in die AKW-Unternehmensgruppe eingegliedert und die Firmen Amberger Kaolinwerke GmbH, Hirschau und Eduard Kick, Kaolin- und Quarzsandwerke GmbH & Co., Schnaittenbach, mit Wirkung vom 1. Oktober 1993 mit der neuen Firma Amberger Kaolinwerke Eduard Kick GmbH, Hirschau, verschmolzen. Diese hatte jedoch nur drei Jahre Bestand, denn 1996 ging die Firma in die Hände der Quarzwerke GmbH aus Frechen bei Köln über mit der Bezeichnung "Amberger Kaolinwerke Eduard Kick GmbH & Co KG".

In diesen 25 Jahren unter Geschäftsführer Dr. Otto Hieber hat sich einiges getan und verändert. Das damals gesteckte Ziel, aus den ehemals getrennten und selbstständigen Unternehmen AKW und Kick eine einheitliche, neue Unternehmung zu formen, wurde erreicht. Außerdem wurde das ausgebeutete Kaolinabbaugebiet Ostfeld I komplett verfüllt, verdichtet und zur Wohnbebauung freigegeben. Das Ostfeld II an der Kreisstraße Schnaittenbach-Hainstetten wurde erschlossen. Man stellte die Weichen für den künftigen Kaolinabbau, baute eine Kaolinpipeline Schnaittenbach-Hirschau, stellte die Kaolinaufbereitung in Schnaittenbach ein und verlagerte nach Hirschau. 2015 wurde ein neues Sand- und Kieswerk in der Grube auf der Sohle des ehemaligen Kaolinabbaugebietes mit Kosten von etwa 25 Millionen Euro errichtet. Damit konnten über 30 Arbeitsplätze gesichert werden. Sie gehören zu den insgesamt noch knapp 60 Beschäftigten, die heute noch in der Schnaittenbacher Grube, der Alusilika und dem Sandwerk beschäftigt sind.

Bergbau ist endlich

Die Gesamtbeschäftigtenzahl der Firma Amberger Kaolinwerke Eduard Kick GmbH & Co. KG liegt derzeit bei knapp unter 500. Seit rund zwei Jahren ist der Abriss des gesamten Kaolinwerks von Kick im Gange. Im kommenden Jahr werden die Abbrucharbeiten abgeschlossen, um dann das unter den Werksgebäuden befindliche hochwertige Kaolin abbauen zu können. Mit dem Werksabbruch findet ein bedeutender Teil der 185-jährigen Schnaittenbacher Kaolingeschichte ihr Ende. Die Nachkommen werden sich nur schwer ein Bild davon machen können, dass sich im Süden der Stadt einmal ein bedeutendes Kaolinwerk befand, in dem vor 185 Jahren Kaolinpionier Daniel Christoph Eduard Kick die Schnaittenbacher und Oberpfälzer Kaolinindustrie begründete - ein Glücksfall nicht nur für Schnaittenbach, sondern für die gesamte Region.

Bergbau ist endlich. Und so ist es abzusehen, dass sich auch der Kaolinabbau in Schnaittenbach in etlichen Jahren bzw. Jahrzehnten dem Ende zuneigt.

In der Grube Schnaittenbach steht ein neues, energieeffiziente Sand- und Kieswerk.

Der Begründer der Oberpfälzer und Schnaittenbacher Kaolinindustrie: Daniel Christoph Eduard Kick.

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp