Schnaittenbach
16.05.2025 - 14:55 Uhr
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Umstrittenes 85-Millionen-Euro-Projekt der Amberger Kaolinwerke verzögert sich

Es geht um Hunderte Arbeitsplätze und jede Menge Lkw-Verkehr: Um die Anwohner zu entlasten, suchen die Amberger Kaolinwerke nach einer alternativen Zufahrt für ihr neues Werk in Schnaittenbach. Das Millionen-Projekt verzögert sich.

Die Lkw-Fahrer sehen sie. Die Mitarbeiter, die jeden Tag ins Werk fahren, sehen sie. Einfach jeder, der in Schnaittenbach die B 14 entlangfährt und in die Kaolinstraße abbiegt, sieht sie: die vier weißen Bettlaken, die vor einer Hecke und an einer Hauswand aufgespannt und auf denen Slogans gesprüht worden sind. „Verkehr, Lärm, Dreck und Staub halten die Anwohner nicht länger aus“ steht auf einem.

Die Bettlaken, sie sind ein Symbol eines hartnäckigen Protests, der kaum zu übersehen ist. Der Protest ist auch der Grund, warum das Oberpfälzer Unternehmen mit dem Doppelstandort Hirschau-Schnaittenbach auf die Menschen zugegangen ist, die diese Bettlaken beschriftet haben. Er ist auch ein Grund, warum sich der 85 Millionen Euro teure Neubau eines Werks der Amberger Kaolinwerke, kurz AKW, in Schnaittenbach um ein Jahr verzögert. Und er ist ein Grund, warum vor kurzem auch der bayerische Finanzminister vor Ort war. Bei seinem Besuch auf dem Werksgelände sagte Albert Füracker (CSU), er sei hierher auch gekommen, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass sich die Politik verstecke, "wenn es mal kompliziert wird".

Die Lage ist in der Tat verzwickt. Seit bekannt ist, dass die Kaolinwerke hier in Schnaittenbach ein neues Werk errichten wollen, wird dagegen protestiert – von gleich zwei Bürgerinitiativen. Seitdem sind die Fronten verhärtet. Seitdem ist, nun ja, Sand im Getriebe. In der Firma, im Stadtrat, unter den Leuten in der Stadt.

AKW-Chef: "Lässt sich nicht leugnen"

Die Anwohner sind nicht generell gegen das Projekt, wie sie immer wieder betonen. Ihnen geht es vor allem um ihre Kaolinstraße, die einzige Zufahrt zum Werk. Aktuell rollen dort 59 Lastwagen pro Tag entlang. Künftig, wenn das neue Werk in Betrieb ist, sollen es 118 sein – also doppelt so viele wie jetzt. Viel zu viele, sagen Anwohner wie Erna Märkl. Sie ist Sprecherin der Bürgerinitiative Kaolinstraße, auch vor ihrer Hecke stehen zwei Plakate. In Spitzenzeiten, sagt sie, fährt alle paar Minuten ein Lastwagen an ihrem Haus vorbei in Richtung AKW. Ein ständiges Röhren und Zischen sei das. Dazu die Abgase. „Es geht auch um den Gesundheitsaspekt und die Lebensqualität der Anwohner“, sagt Märkl. Sie und ihre Mitstreiter fordern eine alternative Zufahrt zum Werk.

Der viele Verkehr auf der Kaolinstraße, die Belastung der Anwohner – das alles hatten sie anfangs gar nicht so auf dem Schirm, gibt der Schnaittenbacher Werkleiter Matthias Kick zu. Am Anfang der Planungen hätten sie sich vor allem auf die technischen Details konzentriert. „Deswegen drehen wir jetzt eine zweite Schleife“, sagt Kick: Das Unternehmen, das zur Quarzwerk-Gruppe gehört, suche derzeit nach einer Alternative zur Kaolinstraße. Man habe ein Ingenieurbüro damit beauftragt. Ergebnisse gebe es allerdings noch nicht. „Die Problematik ist noch nicht gelöst“, sagt der Werkleiter.

Das Unternehmen nehme die Proteste aber ernst, sagt AKW-Geschäftsführer Thomas Perterer. Denn dass es künftig zu mehr Verkehr komme, „lässt sich nicht leugnen“. Deswegen versuche man nun eine Lösung zu finden, mit der beide Seiten leben können.

Beginn nun erst Mitte 2026

Deswegen aber auch die Verzögerung. Im vergangenen Jahr war noch geplant, dass der Neubau, der zwei Jahre dauert, im April 2025 beginnen soll. Nun heißt es: Mitte 2026. Dass das alles um ein Jahr verschoben wurde, liegt laut AKW-Chef Perterer aber nicht nur am Protest und an der Suche nach einer alternativen Zufahrt. "Wir legen insgesamt sehr viel Wert auf eine saubere Planung", erklärt Perterer. "Da soll nichts schiefgehen." Der 85 Millionen Euro teure Neubau sei "eine der größten Einzelinvestitionen der Quarzwerk-Gruppe", sagt er. "Das schütteln wir auch nicht so einfach aus dem Ärmel."

Der Neubau ist nötig, weil die Anlagen im Doppelstandort Hirschau-Schnaittenbach in die Jahre gekommen sind. Mit dem neuen Werk möchte man die Rohstoffe Kaolin, Feldspat oder Quarz künftig günstiger und effizienter abbauen und verarbeiten. Die Investition sei, so Perterer, auch ein Signal an die Oberpfalz. Damit sichere man die beiden Standorte hier und viele Arbeitsplätze für die nächsten 40 Jahre.

Arbeitsplätze fallen weg

Aktuell beschäftigen die AKW rund 430 Mitarbeiter in Hirschau und Schnaittenbach, sagt Werkleiter Matthias Kick. Die Zahl werde in Zukunft allerdings sinken. Wie viele Jobs wegfallen, möchte Kick nicht sagen. In der Vergangenheit sprach das Unternehmen aber davon, dass künftig hier noch rund 350 Menschen arbeiten werden. Entlassen werde aber niemand, versichert der Werkleiter. Die Jobs sollen „sozial verträglich“ abgebaut werden, etwa durch Freiwilligenprogramme oder Mitarbeiter, die bald in Rente gehen. Aufgefangen werde das durch das neue Werk, in dem vieles automatisiert ablaufen werde.

Bei seinem Besuch in Schnaittenbach wird der bayerische Finanzminister natürlich auch an den Protestplakaten in der Kaolinstraße vorbeigefahren. Und so nimmt er sich an diesem Nachmittag auch für dieses Thema Zeit. Füracker sei froh, dass das Unternehmen hier in der Region investiere. Den Protest wolle er freilich nicht kleinreden, sagt der Minister. Er bittet die Bürger aber um Verständnis. "Ein modernes Land braucht Investitionen." Er selbst wohne ja auch neben der Autobahn. "Die sieht man, die hört man, die riecht man", sagt Füracker, der sich daran aber schon gewöhnt habe.

An die vielen Lastwagen werde sie sich nie gewöhnen, sagt Erna Märkl, die Schnaittenbacherin. Schon gar nicht, wenn in Zukunft doppelt so viele Laster an ihrem Haus vorbeibrummen als jetzt. Dass die AKW nun nach einer alternativen Werkszufahrt suche, sei schon schön, sagt sie. Aber ob das Unternehmen die Sache auch wirklich ernst angehen würde, das wüssten Märkl und die anderen Anwohner nicht.

Hintergrund:

Amberger Kaolinwerke (AKW)

  • Unternehmen baut die Rohstoffe Kaolin, Feldspat und Quarz ab. Die sind unter anderem wichtig für Sanitärkeramik, Porzellan, Glas und hochwertige Papiere
  • Doppelstandort: Schnaittenbach und Hirschau
  • Mitarbeiter: Aktuell 430, zukünftig etwa 350
  • Gehört seit 1995 zur Quarzwerke-Gruppe (Sitz in Frechen bei Köln)
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