09.06.2020 - 16:09 Uhr
SchönseeOberpfalz

Aufregung um einen Aufkleber

Bernhard Wild ist Demokrat. Das muss von Anfang an gesagt werden. „Ich bin einer, der anderen gerne hilft“, versichert er. Der Schönseer Stadtrat könnte aber jetzt selbst Hilfe gebrauchen. Schuld ist ein Aufkleber.

Bernhard Wild: "Toleranz gegenüber Rassismus und Fremdenfeindlichkeit fängt im Kleinen an. Dem habe ich mit diesem Aufkleber Vorschub geleistet.“
von Thomas Dobler, M.A. Kontakt Profil

Seit vergangenem Samstag, 6. Juni, stehen der 50-jährige Bernhard Wild und seine Familie unter öffentlichem Druck, liegen die Nerven blank wegen zahlreicher verbaler Angriffe gegen sie. "Das geht seit Tagen so", klagt seine Frau hörbar erschüttert, "dabei ist doch mein Mann kein Rechter".

Trotzdem hat sich Wild unbeabsichtigt in ein schiefes Licht gerückt. Der erfahrene Polier einer Baufirma aus dem Landkreis Schwandorf "verzierte" nämlich die Frontpartie eines Fahrzeug des Unternehmens mit einem Aufkleber, wie er hin und wieder von Lastwagenfahrern auch in anderen Teilen des Landes verwendet wird. Auf ihm steht in altdeutscher Frakturschrift zu lesen: "Führerhaus - Fahrer spricht Deutsch". Optik und Begriffe spielen auf augenzwinkernde, aber auch provozierende Weise mit der Erinnerung an das Dritte Reich, dessen grauenvollem Erbe erst im Mai in ganz Deutschland ausführlich gedacht wurde.

"Das war dumm, ein Blödsinn von mir, ein schlechter Scherz", bekräftigt Wild, der seit kurzem als Neuling im Schönseer Stadtrat sitzt, in den er über eine Liste mit dem Namen "Bürgerliste miteinander" gewählt wurde. Der Kommunalpolitiker hat sich am Montag über die Homepage der Liste entschuldigt.

Wild schreibt in seiner "Stellungnahme zu Fremdenfeindlichkeit und Rassismus" , es sei ein "ganz klares Fehlverhalten" gewesen, diesen Aufkleber zu verwenden: "Das tut mir leid." Obwohl seine Absichten nicht gehässiger Natur gewesen seien, "habe ich bewusst fahrlässig mit der Doppeldeutigkeit des Begriffes Führerhaus gespielt, zumal er in altdeutscher Schrift abgedruckt ist". Da gebe es auch nichts zu relativieren: "Toleranz gegenüber Rassismus und Fremdenfeindlichkeit fängt im Kleinen an. Dem habe ich mit diesem Aufkleber Vorschub geleistet."

Wild betont im Folgenden, er stehe politisch für den "Zusammenhalt der Gesellschaft, dem ich auch gerecht werden will". Sein Engagement für die Bürgerliste Miteinander, die sich bewusst als "bunte Liste" definiere, stehe ganz klar in einer Linie mit diesem Anspruch. "Auch hoffe ich, dass meine langjährige Tätigkeit als zweiter Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Schönsee unterstreicht, dass es mein tiefes Anliegen ist, Menschen jeglicher Herkunft zu helfen."

Auch Wilds Arbeitgeber, der in der Region als Vorzeigebetrieb für Toleranz und Eingliederung gilt und einen Ausländeranteil der Beschäftigten von 30 Prozent aufweist, hat zu dem Skandal Stellung bezogen. Die Geschäftsleitung veröffentlichte folgendes Statement: "Wir möchten Ihnen aus gegebenen Anlass umgehend und in aller Deutlichkeit mitteilen, dass wir uns von jeglichem rechten Gedankengut aufs Schärfste distanzieren. [Die Firma] steht seit über 90 Jahren für Wertschätzung, Weltoffenheit und Zusammenhalt. Die Menschen, mit denen wir tagtäglich zu tun haben, liegen uns am Herzen - völlig unabhängig von ihrer Nationalität! Der Schriftzug auf dem Fahrzeug wurde sofort entfernt. Er widersprach in jeglicher Hinsicht unserer Firmenphilosophie. Wir distanzieren uns von dieser Aussage und entschuldigen uns."

Auch wenn auf Facebook einige Stimmen Konsequenzen fordern, die über das Entfernen des Aufklebers hinausgehen, hofft Wild auf die Loyalität seiner Chefs. "Sie stehen hinter mir als Person", versichert er.

Neonazi-Aussteiger lieferte reflektierte und offene Antworten.

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Kommentare

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Dr. Jürgen Spielhofen

Bestimmt kein besonders sensibler Aufkleber. Stört mich aber - ehrlich gesagt - weniger als Aufkleber wie z.B.: "Deutschland verrecke" oder "Deutschland Du mieses Stück Sch ... "

11.06.2020
Josef Bodensteiner

Aufkleber dieser Art gibt es beim bekannten Internetauktionshaus so um die 3 Euro. Ob sie den Preis wert sind, muss jeder sogenannter Spaßvogel selbst entscheiden, da sie ja auch von der Rechtschreibung her falsch sind. Nur warum macht man überhaupt solche vermeintlichen Witze? Wir müssen uns nichts vormachen, Witze dieser Qualität fallen im Alltag zu oft. Am Stammtisch, im KollegInnenkreis, in Vereinen. Man erntet zumindest Lacher. Diese Aufkleber werden seit 2019 gezeigt und diskutiert. Das müsste auch ein Lokalpolitiker mitbekommen. Ich frage mich, wie man mit soviel Naivität in einen Stadtrat gewählt wird. Man kann nur hoffen, dass er seine Einsicht in Zukunft privat und öffentlich auch vertritt.

09.06.2020