13.11.2018 - 16:57 Uhr
SchönseeOberpfalz

Brisantes Thema zum Finale

Tschechen und Sudetendeutsche sehen die Gründung der Ersten Tschechoslowakischen Republik vor 100 Jahren ganz unterschiedlich: Die Tschechen erinnern sich begeistert, die Sudetendeutschen wollten 1918 nicht Teil des neuen Staates sein.

Rechtsanwalt Arthur Braun, Prag und Weiden, klinkte sich in die Diskussion ein.
von Hans EibauerProfil

Der Pilsner Historiker und Germanist PhDr. Jiří Stočes setzte sich zum Abschluss des von der Euregio Egrensis geförderten zeitgeschichtlichen Projekts "Von der Paneuropa-Idee ins gemeinsame Europäische Haus. Begegnungsveranstaltungen im Jubiläumsjahr 2018" im Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) mit dem brisanten Thema des Verhältnisses von Tschechen und Sudetendeutschen am Beginn der Staatsgründung auseinander. In seinem 45-minütigem Vortrag, dem sich fast eine ebenso lange Diskussion anschloss, versuchte er, sich in die Empfindungen, Gefühle, Sichtweisen und Realitäten beider Nationalitäten hineinzuversetzen, die bis zum Ende des Ersten Weltkriegs über Jahrhunderte in Böhmen relativ gut miteinander ausgekommen sind.

Nicht mal 20 Jahre konnte die am 28. November 1918 ausgerufene Erste Tschechische Republik ihre Staatlichkeit entwickeln. Dann kam ihr Ende mit der im Münchner Abkommen von 1938 besiegelten Eingliederung der sudetendeutschen Gebiete ins Deutsche Reich unter Hitler. Referent Dr. Jiří Stočes erklärte den sehr interessierten Zuhörern die Diskrepanz in der Wahrnehmung des neuen Staates im kollektiven Gedächtnis der beiden Nationaliäten, das sich aus Erinnerungen, Erfahrungen und Traditionen zusammensetzt. Bälle, Paraden, Gedenkfeiern und Rückblicke auf die Zeit der Staatsgründung vor 100 Jahren, die in den letzten Wochen in Tschechien vielerorts über die Bühne gingen, zeigen, dass die Zeit der Ersten Republik mit Staatsgründer Tomáš G. Masaryk und das künstlerische Schaffen von Literaten, Schauspielern, Filmregisseuren, Architekten und Modemachern in positiver Erinnerung der Tschechen geblieben ist. Ganz anders die Wahrnehmung der Sudetendeutschen. In ihrem kollektive Gedächtnis werden die ersten Jahre der Staatlichkeit mit Zurückdrängung, Niedergang und Zwangsaussiedlung verbunden.

Die Frage, welche der beiden Erinnerungen glaubwürdiger ist, beleuchtete der Redner im weiteren Teil seines Vortrags. Sein Fazit nach intensiver historischer Bewertung: Beide Sichtweisen haben wahre Kerne. Warum die zwei Nationalitäten nach der Staatsgründung auseinanderdrifteten, hat viel damit zu tun, dass die Deutschen in Böhmen als zweitgrößte Minderheit, im Gegensatz zu den Slowaken, 1919 die noch nicht frei gewählte, nach Bevölkerungsgruppen aufgeteilte Nationalversammlung boykottierten und so die Gelegenheit verpassten, die Entstehung des neuen Staates in ihrem Sinne zu beeinflussen. Gravierend war der Niedergang des deutsch geprägten Bildungswesens, der mit der Annullierung vieler deutscher Schulen rapide voran schritt. Zu den Gründen gehörte, dass vielerorts tschechisch sprachige Bildungseinrichtungen parallel vom Staat aufgebaut und finanziert wurden und die deutsche Bevölkerung vielerorts durch gelenkte Zuzüge von Tschechen ihre Mehrheit verlor. Diese Entwicklung verstärkte die Vorbehalte der Sudentendeutschen gegenüber dem neuen Staat. Mehr Minderheitenschutz, mehr Autonomie mit zwei Amtssprachen wäre rückblickend ein Weg gewesen, die gereizte Stimmung zu vermeiden. Nur die Kommunisten vertraten in den ersten Jahren nach der Staatsgründung in ihrem Programm das gleichberechtigte Miteinander der in der Ersten Republik vereinten Volksgruppen. Später wollten sie davon aber auch nichts mehr wissen.

Ob der Bevölkerungsanteil der Minderheiten bewusst manipuliert wurde, warum ein Nebeneinander der Nationalitäten wie in der Schweiz oder in Südtirol in der Ersten Tschechischen Republik nicht funktionierte, wie sich die heutige Situation nach Bildung der Slowakei als souveräner Staat darstellt und welchen Stellenwert Deutsch, Russisch, Slowakisch und Englisch heute im Unterricht haben, waren Fragen, die in der Diskussion in die Debatte geworfen wurden.

CeBB-Leiterin Veronika Hofinger verband ihren Dank an den Referenten, das Mitarbeiterteam, die Besucher, den Trägerverein, die EU und die Kulturstiftung Bavaria Bohemia mit einem positiven Rückblick auf viele hoch interessante Diskussionen und Ausstellungen zu den markanten Ereignissen der 80er-Jahre, die mit dem Vortrag zur Zeitgeschichte einen würdigen Abschluss fanden.

Referent PhDr. Jiří Stočes bei seinem Vortrag, im Hintergrund CeBB-Leiterin Veronika Hofinger.

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