27.08.2021 - 15:06 Uhr
SchönseeOberpfalz

Café "Zeitgeist" in Schönsee stillt die Sehnsucht nach gestern

"Kalter Hund" und Omas Butterkuchen: Das Café "Zeitgeist" in Schönsee rettet alte Rezepte, regionale Produkte und dazu ein ganzes Gebäude. Eine satte Prise Nostalgie ist dabei ein Muss.

Marina Schneider (Bild) sorgt im Café "Zeitgeist" mit angegliedertem Verkaufsbereich zusammen mit fleißigen Helfern wie Nina Eder dafür, dass regionale Produkte einen Abnehmer finden. Vorne rechts steht die alte Waage, die noch aus dem früheren Kaufhaus Geist stammt.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Der Wetterbericht hat Regen angekündigt. Marina Schneider hat deshalb Tränchenkuchen gebacken für den Sonntagnachmittag im Café "Zeitgeist". Jetzt pendelt sie zusammen mit Ludwig Reger zwischen Küche, Eis-Theke und den Tischen hin und her, immer auf dem Sprung, um Gäste glücklich zu machen. "Wir sind zwei Begeisterte, die sich gefunden haben", sagt die gelernte Krankenschwester und Hauswirtschaftsmeisterin aus Bamberg, die in der Gastronomie aufgewachsen ist, und nun mit ihrem Partner aus Gaisthal und dessen Tochter Julia einen Traum leben will.

Noch ist dieser Traum allerdings aufs Wochenende beschränkt. Ludwig Reger ist bei einem Automobilhersteller beschäftigt, das Café ist für ihn ein Hobby, war nie als Broterwerb angelegt und wurde zunächst auch vom Verein "Lebensraum Schönseer Land" betrieben. Doch Corona hat die Weichen neu gestellt, der Hausbesitzer selbst war nun gefragt, als es um die Fortführung ging. Angefangen hat das alles mit dem sanierungsbedürftigen Gebäude in der Schönseer Hauptstraße. Reger entdeckte das zum Verkauf stehende Haus 2017 und erlag ganz schnell dem Charme des Altbaus. "Ich finde es einfach schade, dass unsere Altstädte immer mehr ausbluten", so der Standpunkt des 56-Jährigen, der mit dem Kauf etwas für die Region tun wollte und ehrgeizige Pläne hat: "Das Geist-Haus soll ein Schmuckstück im Stadtzentrum werden."

Neues Leben im alten Kaufhaus

Weil es für eine behutsame Renovierung viel Vorlauf braucht, hat sich Reger vorerst nur auf das Innenleben in wenigen Räumen konzentriert. Vor einer freigelegten Wand mit Backsteinen hat er ein Sofa aus der Gründerzeit platziert. Von dort fällt der Blick unweigerlich auf die antike Ladenkasse, ein Prachtstück, das die Vorgeschichte des Gebäudes heraufbeschwört. Die Älteren im Ort erinnern sich noch gut an das Kaufhaus der Schönseer Familie Geist, wo man einfach alles bekam und Schrauben noch einzeln verkauft wurden. "Sogar ein Fotostudio war dort beheimatet", berichtet Reger. Nicht von ungefähr hat der neue Besitzer deshalb für sein Café auch den Namen "Zeitgeist" gewählt. Die alte Waage aus dem früheren Kaufhaus hat es zusammen mit dem Tresor ebenfalls in die neue Zeit hinüber geschafft.

"Das hier könnte mal eine Zoigl-Stube werden", sagt der Hausherr mit Blick auf einen Innenhof, in dem aktuell noch eine Garage den Plänen im Weg steht. Unter dem schönen Tonnengewölbe im hinteren Teil könnte er sich eine saisonale Nutzung vorstellen. Reger hat die Lücken im Blick, die moderne Zeiten der Stadt beschert haben: Nachdem ein Lebensmittelmarkt im Ortskern geschlossen hatte, etablierte er in dem Gebäude zusammen mit dem Café einen Regionalmarkt. Da gibt es Regionales, Bio-Produkte und Feinkost beispielsweise selbst gemachte Marmelade, Gewürzmischungen, Honig, Liköre und viele Produkte der Erzeugergemeinschaft "Land & Gut". Für Marina Schneider, die als Dozentin an einer Gesundheitsakademie arbeitet, ein ideales Sortiment auch für eine gesunde Ernährung.

Wachrütteln mit Windbeutel

So probiert sie nun, alte Rezepte ein Stück moderner zu machen. "Weniger Zucker, mehr Vollkorn, Nüsse, echte Vanille, und alles möglichst regional", schwärmt sie von ihrem Konzept für Backwaren, die den Spagat von der Vergangenheit in die Zukunft schaffen sollen. Den Marmorkuchen hat sie dabei ebenso auf ihrer Liste wie den Zwetschgendatschi oder den "Kalten Hund", eine fast vergessene Süßspeise mit Keks und Schokocreme. Eis aus Eigenproduktion liefert die Bäckerei Spickenreither aus Tännesberg. "Die Kunden mit Eis und Kaffee glücklich machen", das ist es, was Marina Schneider so liebt bei dieser neuen Aufgabe. "Zu sehen, wie die Leute reinkommen und welche Erinnerungen da wachgerüttelt werden, das ist schon toll", stellt sie fest. Tochter Julia ist auch schon mit Freude dabei, sie hilft mit und gestaltet beispielsweise Blumengestecke.

Die Nachkommen von Kaufmann Josef Geist freuen sich über die Wiederbelebung des Hauses samt Inventar. Nicht nur die Kaffeebetreiber sehen aber auch den noch anstehenden Berg an Arbeit. "Die Planungen für die Sanierung des Gebäudes sind in vollem Gange in enger Abstimmung mit der Stadt Schönsee, dem Landratsamt und der Regierung inklusive Denkmalamt", macht der Hausbesitzer Hoffnung darauf, dass der Zeitgeist bald das ganze Haus durchdringt.

So war der Start mit dem Verein "Lebensraum Schönseer Land"

Schönsee
Hintergrund:

In kleinen Schritten zu neuer Nutzung

  • 2017: Ludwig Reger meldet Interesse an dem Haus in der Hauptstraße an. Er bekommt den Zuschlag für den Kauf des früheren Kaufhauses Geist und vermietet die Räume zunächst an einen Händler für gebrauchte Möbel.
  • 2019: Das Café "Zeitgeist" eröffnet, ein integrierter Regionalmarkt bietet ausgewählte Lebensmittel.
  • 2021: Falls alle Rahmenbedingungen passen, Start der Fassadenrenovierung.

"Ich finde es einfach schade, dass unsere Altstädte immer mehr ausbluten."

Ludwig Reger

Ludwig Reger

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