13.05.2019 - 15:40 Uhr
SchönseeOberpfalz

Das Jahr 1989 als Planspiel

12 tschechische und 9 deutsche Studierende halten die Europaflagge vor dem Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) symbolträchtig über ihre Köpfe. Ohne die Wende 1989 wäre dieses Miteinander nicht möglich.

Mit diesem Foto werden die Studierenden aus Deutschland und Tschechien teil des Fotoprojekts von Herbert Pöhnl aus Viechtach, der seit Jahren Menschen beide Nachbarseiten vor seiner Linse vereint
von Hans EibauerProfil

Bereits zum elften Mal war das Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) kürzlich Treffpunkt für Studierende des Bohemicums der Universotäten Regensburg und Passau mit den Germanisten der pädagogischen Fakultät an der Westböhmischen Universität Pilsen. Heuer stand der Begegnungs-Workshop unter dem Thema "1989 - 2019: Erinnerungsarbeit mitgestalten". Die Leitung hatten Dr. Renata Sirota-Frohnauer (Bohemicum) und Dr. Bernhard Chappuzeau (WBU Pilsen).

In Wende hineingeboren

Als vor 30 Jahren der Eiserne Vorhang fiel und mit der Samtenen Revolution in Tschechien ein friedlicher Übergang von der kommunistische Diktatur zur Demokratie gelang, waren die Studenten des vom Deutsch-Tschechischen Zukunstsfonds finanzierten Begegnungsprojekts des CeBB noch nicht auf der Welt. Hineingeboren in die Zeit nach dem Umbruch kennen sie die Wende- und Vorwendezeit nur aus Geschichtsbüchern und Erzählungen. Treffend deshalb, sich einen ganzen Tag lang im deutsch-tschechischen Meinungsaustausch mit dem Mauerfall, der Samtenen Revolution und mit den Erinnerungen an 1989 zu befassen. Fühle ich mich als 20-jährige Studentin überhaupt angesprochen? Oder gehen die Veranstaltungen und Veröffentlichungen an der jungen Generation vorbei?

Alle vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds seit 2008 geförderten Workshops im CeBB ließen immer Spielraum, sich nicht nur die Köpfe heiß zu diskutieren, sondern sich auch kennenzulernen, miteinander ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, wie Kommilitoninnen und Kommilitonen aus dem Nachbarland "ticken". Gemeinsam Essen, Gruppenarbeit, zwischendurch frische Luft schnappen und sich eine Pause am Ascha-Ufer vor dem CeBB zu gönnen, war immer Teil des Programms. Der Workshop erhielt heuer besondere Aktualität durch viele geplante Feiern zu 30 Jahre Wende und durch die Fotoaktion des Viechtacher Fotokünstlers Herbert Pöhnl, der die 21 Studentinnen und Studenten der drei Unis unter der luftig schwebenden Europaflagge vereinte. Nebenbei war es ein gelungener Aufruf, am 26. Mai zur Europawahl zu gehen.

Die Stimmung war zunächst etwas reserviert, wie es eben so ist, wenn man sich untereinander nicht kennt. Renata Sirota-Frohnauer, seit Beginn der Workshops im CeBB Projektverantwortliche des Bohemicums und mit dem Institut Brückenbauer-Preisträgerin des Jahres 2015, weiß aus langjähriger Erfahrung, wie leicht ein simples Kennenlernspiel das anfängliche Eis zum Schmelzen bringt. Das war notwendig, denn das Zusammenspiel in den Arbeitsgruppen des Workshops funktioniert am besten in gelöster Atmosphäre. Die Zeit bis zum Mittagessen war für den inhaltlichen Input fast zu kurz.

Fragen an Zeitzeugen

Ganz besonders inspirierend fanden die Teilnehmer die Schilderungen des Zeitzeugen Jan Sícha - Anfang der 2000er Jahre Direktor des Tschechischen Zentrums in München - zu den Ereignissen im Sommer und Herbst 1989 in Prag und in Ústí nad Labem (Aussig). Er nahm sich viel Zeit für die Fragen, die von den Studierenden aus beiden Nachbarländern in die Planspiele der vier gemischten Arbeitsgruppen einflossen. Eine Gruppe skizzierte eine aktive Begegnungsstätte zur "Berliner Mauer" mit auditiven und visuellen Stationen auf einem Pfad, der auf verschieden hohen Podesten entlang einer hohen Betonmauer führt. Eine andere Gruppe beantworte das Thema "DDR-Brille" mit VR-Brillen (virtual reality). Auf einem Zeitstrahl äußern sich neun Zeitzeugen auf dem Hintergrund visualisierter Ereignisse. In der dritten Arbeitsgruppe bündelten sich die Ereignisse der Wendezeit in der Buslinie "89", die an wichtigen Stationen Halt macht. Die vierte Gruppe ging mit einem Trabi auf "Throwback-Tour", der Passanten von der ehemaligen Staatsgrenze bis zur Deutschen Botschaft in Prag mitnimmt, mit einem Zeitzeugen als Beifahrer, der authentische Tonaufnahmen, Fotos und Gegenstände aus Verstecken im Trabi hervorkramte.

Die Gruppenarbeit gestaltete sich intensiv und produktiv. Die 21 Studierenden waren selbst überrascht, wie schnell und kreativ die Ideen auf den Wandzeitungen landeten, die bei der Präsentation, natürlich in beiden Sprachen, als Leitfaden dienten. "Das Feedback war äußerst positiv, vor allem weil es aktuell und bewegend war, Ereignisse des Jahres 1989 von jungen Leuten nachzeichnen zu lassen, die deutlich vor ihrem Geburtsjahr lagen", resümierte Projektleiterin Renata Sirota-Frohnauer.

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