Bereits zum zwölften Mal eröffnet sich Betrachtern bei "Farbe auf der Straße" Kunstgenuss im Vorbeigehen. Bis Ende Oktober sind die Außenfassaden des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) wieder ein buntes Schaufenster. An dieser Kunstaktion der Union der Bildenden Künstler Pilsen, gefördert vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds und vom Landkreis Schwandorf, beteiligen sich zwölf tschechische und sechs deutsche Kunstschaffende. "Frei (1989 bis 2019)" ist heuer das Thema der Gemälde, mit denen sich die Bruchsteinwände des CeBB an Nord-, West- und Südseite in eine Open-Air-Galerie verwandeln. Im Sommer hatten sie die Stadtmauer in Pilsen geschmückt.
Zur Vernissage hieß CeBB-Leiterin Veronika Hofinger zahlreiche Ehrengäste willkommen, darunter Partner von beiden Seiten der Grenze. Kuratorin Květa Monhartová, selbst viele Jahre Mitglied der Künstler-Union, machte in ihrer Einführung deutlich, dass die Bilder einer Ausstellung immer um die Gunst des Publikums kämpfen. Es sei heuer naheliegend gewesen, sich im Jahr 30 nach Samtener Revolution und Fall des Eisernen Vorhangs, der Entfaltung der Kunst in Freiheit zu widmen. "Die gezeigten Werke sprechen unsere Herzen an und verarbeiten die Gefühle, endlich frei zu sein, von tschechischer und deutscher Sicht auf ganz unterschiedliche Weise."
Beim Rundgang und dem von drei Saxofonistinnen aus Oberviechtach begleiteten Abend, bot sich den Gästen viel Gelegenheit, im Gespräch mit den anwesenden Künstlern Ingeborg Posorski, Axel T Schmidt (beide Weiden), Jiří Degl, Jana Frolíkiová, Jana Vacková und Helena Vendová (alle Pilsen) die Eindrücke zu vertiefen.
Auch im zweiten Teil des Abends drehte es sich um Kunst, allerdings mit dem völlig anderen Betrachtungswinkel "mit (un-)menschlichem Antlitz?! 1938 – 1989". Warum beim Thema Frage- und Ausrufezeichen nebeneinander stehen, beantwortete der frühere Diplomat und jetzt in Diensten des tschechischen Kulturministeriums stehende Autor Jan Šicha in seiner Lesung "Von Heydrich bis Havel: Kunst in der Zeit des Totalitarismus“. Für ihn als Autor und für viele Leser sei es ein Buch mit Aha-Effekt geworden. So gibt Šicha die Antwort darauf, warum Menschen in der Ära der kommunistischen Diktatur oder auch auch zu Zeiten der Nazi-Herrschaft, durch ihr Verhalten das Bild einer einheitlichen Gesellschaft prägten, welche die Regierung bedingungslos unterstützt: Die Menschen seien von Angst getrieben gewesen, dies habe zu angepasstem Verhalten jenseits des Verstands geführt.
Die auf Tschechisch von Jan Šicha vorgetragenen Passagen wiederholte CeBB-Mitarbeiter David Vereš aus der in deutscher Sprache erschienenen Ausgabe. Zu den Kapiteln wurden Kunstwerke, Fotografien und Skulpturen auf die Leinwand projiziert. Den Schlusspunkt bildeten dokumentarische Fotos, die den Zeitgenossen des Prager Frühlings 1968 und der Samtenen Revolution 1989 noch in lebendiger Erinnerung sind. Eines davon zeigte Václav Havel 1989 auf dem Prager Wenzelsplatz, der mit ausgestrecktem Zeigefinger den Weg Richtung Freiheit und in eine demokratische Zukunft weist.
Jan Šícha, Jahrgang 1967, ist studierter Historiker. In der Zeit der Samtenen Revolution schloss er sich der Studentenbewegung an, war dann als Journalist und Diplomat tätig und ist jetzt Kurator der Exposition der deutschsprachigen Bevölkerung der Böhmischen Länder am Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem (Aussig) in Diensten des Kulturministeriums. Seine diplomatische Karriere im Außenministerium begann er als der Gründungsdirektor des Tschechischen Zentrums in München von 1999 bis 2004. Aus dieser Zeit rührt auch die freundschaftliche Verbindung zu Schönsee her. Am Beginn seines Vortrags kam Jan Šícha auf einen Besuch der Bauruine des ehemaligen Kommunbräuhauses im Jahr 2003 zu sprechen. Die Pläne der Stadt, hier ein Bayerisch-Böhmisches Kulturzentrum zu errichten, waren damals alles andere als in trockenen Tüchern. Doch als der damalige Bürgermeister Hans Eibauer ihn mit euphorischen Worten als tschechischen Verbündeten für die Pläne gewinnen wollte, sei ihm klar geworden "das wird was". Anschließend war Šícha Gast einer Mandatsträgerkonferenz im Schulungsraum des Feuerwehrhauses, bei der Bundes- und Landtagsabgeordnete, Bezirksräte, Landrat und Kreisräte auf die Unterstützung des Projekts eingeschworen wurden. (eib)
Mit der Union der Bildenden Künstler der Region Pilsen nahm das CeBB gleich nach der Eröffnung 2006 Kontakt auf. Schon ein Jahr später fand „Farbe auf der Straße“ erstmals den Weg an die Außenfassaden. Seit langem werden Kunstschaffende der deutschen Seite eingeladen, besonders eng ist die Zusammenarbeit mit Kunstvereinen in Weiden und Regensburg. Die Union wurde 1990 neu als Fortsetzung der schon 1925 gegründeten Vereinigung für moderne Kunst ins Leben gerufen. Die Künstlervereinigung hat sich auf die Fahne geschrieben, die Bildende Kunst in der Region Pilsen, in ganz Tschechien und im Ausland zu vertreten. Die kreative Beteiligung am Programm 2015 von Pilsen als Kulturhauptstadt Europas, die Organisation von Ausstellungen in den zwei Pilsner Galerien Jiří Trnka (neben dem Rathaus) und Dominikanská gehören zu den ständigen Aufgaben. (eib)














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