17.03.2019 - 18:23 Uhr
SchönseeOberpfalz

Vom Leben mit der Grenze

Nach einem Wirtshausbesuch marschieren um das Jahr 1970 drei Männer über die Grenze. Dort klicken die Handschellen. Diese und mehr Geschichten erzählen zwei frühere Grenzpolizisten beim Deutsch-Tschechischen Stammtisch aus erster Hand.

Günther Borutta (stehend) erklärt Stammtischgästen Fotos und Texte in der mitgebrachten Mappe (links Organisatorin Klára Halienková, europäische Freiwillige im CeBB).
von Hans EibauerProfil

Eigentlich sprachen die Leute in der Gegend nur von den "Grenzern", wenn sie die Polizeibeamten meinten, die entlang der Staatsgrenze Dienst taten: Früher in Zeiten des Eisernen Vorhangs und später nach der Wende. Die Grenze war dann auch Thema beim 111. Deutsch-Tschechischen Stammtisch des Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in der Pizzeria "La Strada". Als Experten saßen die beiden früheren Grenzpolizisten Hermann Wallisch und Günther Borutta am Tisch, welche mit unglaublichen Geschichten überraschten.

Das Foto zeigt die Grenzpolizisten bei einer Streifenfahrt im Winter.

Sprachunterricht für Hund

Sie hatten mit ihren Kollegen von der Schönseer Grenzpolizeistation das teils unwegsame Gelände vom Gerstmeier in Friedrichshäng über den Sautreiberweg, die Bügellohe bis hinunter nach Charlottenthal zu bewachen. Sie waren auf dem Grenzpfad zu Fuß, auf den Straßen im Polizeiauto oder Undercover unterwegs. Günther Borutta, als Hundeführer immer begleitet von seinem Schäferhund, wurde gerufen, wenn es brenzlig wurde. Seinen letzten neuen Hund, der sich als ziemlich scharf entpuppte, kaufte ihm der Staat für 3000 Mark bei einem Händler bei Ingolstadt. Die Ausbildung gestaltete sich anfangs ziemlich merkwürdig: Kein Bellen, keine Reaktion auf Ansprache. Des Rätsels Lösung: Der junge Schäferhund stammte aus der Slowakei. Also fortan slowakisch mit ihm reden, denn Deutsch verstand er anfangs kein Wort. Günther Borutta brachte zwei Mappen mit Zeitungsausschnitten, Fotos, Skizzen und Detailschilderungen mit, in denen ergänzend zu den Erzählungen und Informationen der beiden ehemaligen "Grenzer" geblättert wurde. Die Lage damals war ernst, von der Bevölkerung nicht jedoch so dramatisch wahrgenommen, wie es für die Grenzstreifen tatsächlich war.

Hermann Wallisch zeigt die Zweitausfertigung von Graf Yosters „Mon Chérie“.

Gefährlicher Ausflug

Schön, dass es auch humorvolle Geschichten gab, von denen die beiden einige zum Besten gaben. So liefen in den 70er Jahren nach einer Wette drei Einheimische zu Fuß hinüber zum in Sichtweite liegenden Dianahof. Sie schafften zwar ihre Wette, doch dort klickten die Handschellen. Nach drei Tagen Verhör und Zelle ging die Geschichte glimpflich aus. Ein Gast am Stammtisch erzählte eine ähnliche Geschichte. Es war Anfang Juni 1972, als er mit zwei Bekannten nach Schwarzach an die Grenze fuhr. Die beiden Münchener in weißer Sommerkleidung ließen sich nicht abhalten, über die Schwarzachbrücke hinüber zum nahen tschechischen Wachturm zu gehen, ihn zu besteigen und als Trophäen ein paar herumliegende tschechische Zeitungen mitzubringen.

Wie konnte es sein, dass den beiden Todesmutigen an der bestens gesicherten Grenze nichts geschah? Günther Borutta hatte eine plausible Antwort: Schon 1965 war der mit Starkstrom gesicherte Grenzzaun ein paar Kilometer ins Landesinnere verlegt worden. Die Wachtürme, Stacheldraht und der geeggte Todesstreifen blieb unweit der Grenze, doch das tschechoslowakische Militär war mit Schwerpunkt an den nach hinten verschobenen, mit Starkstrom gesicherten fast unüberwindbaren Grenzanlagen eingesetzt. Themen am Stammtisch waren auch Schießbefehle und die Luftaufklärung. Anfang der 80er Jahre raste ein Militärjet im Tiefflug über Schönsee. Beim Durchbrechen der Schallmauer zerbarsten Fenster vom Köck bis zum Kuttner in der Hauptstraße. 1989/1990 verlor die Grenze ihre Undurchdringlichkeit. Gerade deshalb gab es für die Polizei auf beiden Seiten jede Menge zu tun, wie Günther Borutta berichtete. Er hatte nach der Wende mit seinem Schäferhunden etwa 700 Festnahmen.

Der ehemalige Beamte der Grenzpolizeistation Schönsee, Hermann Wallisch, erzählte beim Stammtisch eine kuriose Geschichte. Die Streifenfahrten führten oft über Waldhäuser. Dort hatte der Schauspieler Lukas Ammann, der die Hauptrolle in der Serie „Graf Yoster gibt sich die Ehre“ spielte, ein Ferienhaus gekauft. Auf einer Fahrt machte der Beamte kurzen Halt für einen Plausch mit dem berühmten Schauspieler. Dieser gab ihm eine rote Schachtel „Mon Chérie“ als kleines Geschenk für die Gattin mit.

Weiter ging es nach Charlottenthal in die Talwiesen an der Schwarzach, welche hier die Grenze markierte und der Zuständigkeitsbereich der Grenzpolizeistation Schönsee endete. An diesem Eck sahen Hermann Wallisch und sein Kollege Günther Borutta knapp über der Schwarzach auf tschechoslowakischem Gebiet starke Rauchschwaden aufsteigen. Die beiden waren sich einig, das müssen wir uns genauer anschauen. Zwei Waldarbeiter waren dabei, Bruchholz aufzuarbeiten und Äste zu verbrennen. Die beiden bayerischen „Grenzer“ winkten den Waldarbeitern zu, Hermann Wallisch mit der Schachtel Mon Chérie in der Hand. Zum Kollegen: „Denen mache ich jetzt eine kleine Freude mit Graf Yoster’s Pralinen.“ Die Waldarbeiter freuten sich über das Interesse auf bayerischer Seite und begaben sich auch hinunter an die Schwarzach. Hermann Wallisch machte Anstalten, seine Schachtel über den Bach zu werfen, da haute einer der beiden ab und verschwand im Unterholz. Kurz danach kam er zurück mit einer weißen Plastiktüte in der Hand. Die Pralinen landeten dann doch auf tschechischer Seite. Postwendend warf der Waldarbeiter seine Tüte ans deutsche Ufer. Drin lag ein hölzerner Bierkrug mit Pilsner Wappen. Alle Hochachtung: Ein einfacher tschechischer Waldarbeiter ganz gentlemanlike – kein Geschenk ohne Gegengeschenk.

Wie es sich für einen korrekten bayerischen Grenzpolizisten gehört, darf er ein Geschenk nicht einfach annehmen, sondern muss Meldung machen. Der Bierkrug wurde an der übergeordneten Stelle in der Inspektion Waidhaus aktenkundig und als Asservat registriert. Von dort ging die Anfrage ans Präsidium in München weiter, was mit dem Bierkrug zu tun sei. Die gute Nachricht kam nach ein paar Wochen: Hermann Wallisch darf das Geschenk behalten. Die Schachtel „Mon Chérie“ von Graf Yoster erreichte Gattin Betty dann viel später als Zweitausfertigung.

Klára Halienková, europäische Freiwillige im CeBB, assistiert von Praktikantin Eva Korabená, bedankte sich bei den beiden inzwischen pensionierten Grenzpolizeibeamten. Der nächste Deutsch-Tschechische Stammtisch findet am Mittwoch, 3. April, zum Thema Einkaufen in Bayern und Böhmen im Restaurant in Rybník (Waier) statt.

Grenzpolizei:

Grenzpolizeistation Schönsee

Die Grenzpolizeistation in Schönsee wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eingerichtet und im Dezember 2007 aufgelöst. In den 60er Jahren taten bis zu 33 Beamte hier Dienst, zum Schluss waren es nur mehr 7, unter ihnen Günther Borutta (1968 bis April 2007) und Hermann Wallisch (1970 bis 1987 und 1990 bis 2001 am Übergang Eslarn/Tillyschanz). Zum 1. Dezember 1989 waren die Grenzanlagen an der bayerisch-tschechischen Grenze von Hof bis Passau Geschichte und damit 300 Kilometer Stacheldrahtzaun.

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