07.04.2019 - 17:02 Uhr
SchönseeOberpfalz

Organspende: Wenn der Tod zu neuer Hoffnung führt

Wenn das Diensthandy von Xaver Bayer klingelt, ist irgendwo die Hoffnung erloschen. Aber vielleicht kann der Koordinator für Organspenden einem anderen Menschen Hoffnung bringen.

Wenn ein Organ auf dem Weg zum Empfänger ist, ist für den Transplantations-Koordinator der größte Teil der Arbeit erledigt.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Seit sieben Jahren arbeitet Xaver Bayer für die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO). Vom Organisationsstützpunkt Erlangen aus ist der 53-Jährige aus Schönsee als Transplantations-Koordinator in ganz Bayern unterwegs. Er trifft auf Menschen, die ein Unfall oder eine Erkrankung unwiderruflich aus dem Leben gerissen hat, auf trauernde Angehörige und auf Ärzte, die vielleicht einen Hoffnungsschimmer für Menschen sehen, die ein Spenderorgan benötigen.

Diese Hoffnung im Blick zu haben, ist Aufgabe der Tranplantationsbeauftragten an den Krankenhäusern. Sie sind es, die dann einen potenziellen Organspender bei der DSO melden. Dann ist ein Koordinator wie Xaver Bayer am Zug. Er überprüft anhand der Untersuchungsprotokolle, dass die Hirntod-Diagnostik (irreversibler Hirnfunktionsausfall) nach den Richtlinien der Bundesärztekammer korrekt ausgeführt wurde und der Tod zweifelsfrei feststeht. Manchmal ist es auch seine Aufgabe, mit trauernden Angehörigen zu sprechen, mit ihnen Wille und Wunsch des Verstorbenen zu erörtern. Der aktuell viel diskutierte Gesetzesentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn könnte dabei so manche schwere Entscheidung über eine Organspende ein wenig leichter machen.

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Ob Widerspruchlösung oder Erklärungslösung: "Bei beiden Entwürfen stehen die Autonomie der Patienten und die Aufklärung der Bevölkerung im Vordergrund", heißt es in einer Presseerklärung der DSO. Selbstbestimmung und Entscheidungsfindung, beides soll dann durch ein Register viel einfacher sein. Vor allem die Widerspruchslösung wird als klares Signal für die Organspende gewertet.

Für Xaver Bayer ist schon die Debatte über die Organspende an sich eine gute Sache. " Die Menschen beschäftigen sich ungern mit diesem Thema, wenn es sie nicht direkt betrifft", hat er erfahren. Anders ist das bei denjenigen, die selbst einen Fall im Familien- und Freundeskreis kennen, der dringend eine Niere, Leber oder Lunge bräuchte. "Von ein paar Ausnahmen abgesehen kann wirklich jeder spenden, egal wie alt er ist", klärt der 53-Jährige auf, zu dessen Arbeitsfeld die Öffentlichkeitsarbeit ebenso zählt wie der ständige Kontakt zu den Krankenhäusern.

Von uns wird keiner zu etwas überredet, was zählt, ist der Wille des Verstorbenen.

Xaver Bayer, Tranplantations-Koordinator

"Nicht jeder muss einer Organspende zustimmen, wichtig ist aber, dass jeder eine Entscheidung trifft - dafür oder dagegen", wünscht sich der DSO-Koordinator. "Am schlechtesten ist es, wenn die Angehörigen diese Entscheidung treffen müssen, wenn es wirklich einmal soweit ist. "Von uns wird keiner zu etwas überredet", stellt der 53-Jährige klar, "was zählt, ist der Wille des Verstorbenen". In 128 Fällen hat das im vergangenen Jahr für die Koordinatoren in Bayern ein Ja bedeutet, heuer sieht es nach dem ersten Quartal eher nach rückläufigen Zahlen aus.

Wenn es grünes Licht gibt für eine Organspende, meldet Bayer Blutgruppe, Laborwerte und weitere Daten an Eurotransplant, wo ein Auswahlverfahren in Gang gesetzt wird (siehe Info-Element). Schließlich liegt es an ihm, ein spezielles Chirurgen-Team für die Operation zu organisieren. Der Koordinator ist dabei, wenn die Organe entnommen werden, er überwacht die korrekte Verpackung und prüft noch einmal die Beschriftung, bevor die empfindlichen Organe eine Reise per Auto Bahn oder Flugzeug antreten. Damit ist sein Job aber noch lange nicht beendet. "Uns geht es auch darum, die Verstorbenen pietätvoll und gut zu versorgen, auf Wunsch begleiten wir die Angehörigen beim Abschied", berichtet Bayer.

Zehn bis zwölf Wochen nach dem entscheidenden Tag schreibt er manchmal einen Brief an die Angehörigen und berichtet anonym, wie es dem Organ-Empfänger geht – natürlich nur, wenn die Angehörigen des Spenders das auch wissen wollen.

Und die DSO sorgt nicht zuletzt dafür, dass die Angehörigen in ihren Fragen nicht allein gelassen werden. So organisieren die Koordinatoren auch Angehörigen-Treffen, wo sich Betroffene untereinander austauschen und mit einer Psychologin sprechen können. Später werden sogar Organ-Empfänger zu diesen Treffen eingeladen. Für das nächste Treffen am Samstag, 6. April, lagert schon ein Mitbringsel daheim bei Xaver Bayer, das er gerade erst vom Bäcker abgeholt hat: ein herzförmiges Gebäck mit einem schlichten "Danke" auf Marzipan.

Ein Kommentar zum Thema:

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Bevor eine Organspende in Erwägung gezogen wird, muss der Tod zweifelsfrei feststehen. Voraussetzung ist ein irreversibler Hirnfunktionsausfall, der hier genau überprüft wird. Die gesetzlichen Vorgaben für die Einwilligung werden momentan neu geregelt.
Info:

DSO und Eurotransplant

Die Deutsche Stiftung für Organtransplantation (DSO) ist die bundesweite Koordinierungsstelle für die postmortale Organspende in Deutschland. Koordinatoren entlasten das Krankenhauspersonal bei organisatorischen Abläufen und sind rund um die Uhr einsatzbereit. Sie melden bei den Voraussetzungen (Hirntod und Einwilligung zur Organspende) in Frage kommende Organe an Eurotransplant in Leiden.

Erstes Auswahlkriterium ist die Blutgruppe. Sechs Merkmale spielen bei der Übereinstimmung von Gewebe eine Rolle. Kinder und Jugendliche habe bessere Chancen, auch Wartezeit und Wohnort (in der Nähe des Spenders) oder Dringlichkeit fließen neben der Erfolgsaussicht in die Entscheidung mit ein.

Wer in einem Land mit großer Spendenbereitschaft lebt, hat auch bessere Chancen, ein Organ zu erhalten. Genau 3113 Organe wurden im vergangenen Jahr in Deutschland gespendet. In über der Hälfte aller Fälle handelte es sich um Nieren, auf den weiteren Plätzen folgen Leber, Lunge, Herz, Pankreas und Dünndarm.

Ohne ausdrückliche Zustimmung dürfen in Deutschland derzeit keine Organe entnommen werden (Zustimmungslösung). Bundesgesundheitsminister Jens Spahn macht sich für eine "doppelte Widerspruchslösung" stark: Wer zu Lebzeiten nicht ausdrücklich nein zu einer Spende gesagt hat, gilt automatisch als Spender. Allerdings sollen zusätzlich auch noch die Angehörigen eingebunden werden.

Umfragen innerhalb der Bevölkerung zeigen, dass zwar über 80 Prozent der Menschen hinter der Organspende stehen. Aber nur etwas mehr als ein Drittel der Bevölkerung gibt laut Umfragen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an, diese Entscheidung dokumentiert zu haben.

Die DSO begrüßt das zum 1. April in Kraft getretene Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO). Die neuen Regelungen sollen demnach den Kliniken ihre Aufgabe erleichtern und gleichzeitig durch eine flächendeckende Berichtspflicht für mehr Verbindlichkeit und Transparenz in der Erkennung möglicher Organspender sorgen.

Die DSO bietet auch ein Info-Telefon unter der Rufnummer 0800/9040400 montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr.

Nach dem ersten Telefonkontakt ist Xaver Bayer auf dem Sprung. Für eine Organtransplantation gibt es für den Koordinator viel zu regeln.
Die Herzen mit der Aufschrift "Danke" sind für das Angehörigentreffen bestimmt, das am 6. April ein Kollege von Xaver Bayer im Kloster Irsee betreut.
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