18.06.2019 - 12:52 Uhr
SchönseeOberpfalz

Spurensuche in verschwundenen Orten

Mit Leidenschaft, Heimatliebe und Versöhnungsbereitschaft legen geschichtsbewusste Deutsche und Tschechen verfallene und überwucherte Orte seit Jahren frei. Ein beeindruckendes Beispiel ist Lučina, das frühere Grafenried.

Zdeněk Procházka (rechts) aus Domažlice erläutert den Exkursionsteilnehmern das jetzt wieder in Umrissen erkennbare Grafenried, das heutige Lučina.
von Hans EibauerProfil

Das Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) in Schönsee hat Brückenbauerpreisträger, Heimatforscher und Buchautor Zdeněk Procházka aus Domažlice und als Mitveranstalter RNDr. Tomáš Peckert, Leiter des Naturschutzgebiets CHKO Český les (Böhmischer Wald) gewonnen, Anfang Juni das frühere Grafenried und als weitere Stationen die untergegangenen Ortschaften Pila (Seeg), Liskovec (Haselberg) und Krizova hut (Kreuzhütte) zu erkunden. Die 50-köpfige Wandergruppe mit Deutschen und dem größeren Anteil Tschechen begrüßte CeBB-Leiterin Dr. Veronika Hofinger am Grenzübergang Untergrafenried, dankte für das starke Interesse und nannte kurz die Intention der Exkursion: Neben der Begegnung geschichts- und naturinteressierter Menschen von beiden Seite sollte das „Grüne Band“, eine Initiative zur schonenden Nutzung der touristischen Potentiale des ehemaligen Eisernen Vorhangs, vorgestellt werden. Unter den Gästen war auch MdL Jürgen Mistol aus Regensburg, der sich seit Jahren sehr stark für grenzüberschreitende Projekte einsetzt.

Nur einen Steinwurf von der Grenze stand die Gruppe im Ort Lučina, dem früheren Grafenried. Helmut Roith, der seit 2011 mit ein paar Gleichgesinnten die Reste des ehemaligen Gasthauses, der Brauerei, der Kirche, des Pfarrhofs und zahlreicher landwirtschaftlicher Anwesen von der überwuchernden Natur befreite und Grundmauern, Gebäudereste und Zugänge freilegte, zeigte beim Entdecken des jetzt wieder in Umrissen erkennbaren Orts den Besuchern einen kürzlich gefundenen Türstein mit Jahreszahl. Zdeněk Procházka veranschaulichte am Beispiel Grafenried nicht nur die Geschichte des Ortes, sondern die ethnischen Veränderungen im Grenzgebiet. Nach dem 1. Weltkrieg siedelten sich verstärkt Tschechen aus anderen Landesteilen im Grenzgebiet an, bis zur deutschen Besetzung der Tschechoslowakei eine Zeit des Zusammenlebens in friedlicher Koexistenz. Nach dem Krieg kam es dann zur Vertreibung der Sudetendeutschen, zu gescheiterten Versuchen der Wiederbesiedlung und schließlich zur Zerstörung des Orts Anfang der 50er Jahre, als das verlassene Dorf in den Bau der Grenzbefestigungen einbezogen wurde. Die Kirche zum Hl. Georg stand noch bis 1970. Trotz des Eintrags in der tschechischen Denkmalliste wurde sie abgerissen.

Nach der ausführlichen Erkundung im ehemaligen Grafenried ging die Exkursion weiter zu früher von Wasserrädern betriebenen Mühlen, Glashütten und Sägen in den untergegangenen Ortschaften Pila (Seeg), Liskovec (Haselberg) und Křížová Hut (Kreuzhütte). Beim näheren Blick auf eine Abraumhalte im ehemaligen Haselberg fanden einige der Spurensucher blaugrün glänzende Glasperlen und gläserne Bruchstücke aus einer ehemaligen Glashütte. Aufmerksam verfolgten die Wanderer die Erläuterungen von Tomáš Peckert, der auf die besondere Vegetation mit Pionierpflanzen und ausgewilderten Gartenpflanzen in den untergegangenen Orten hinwies, andererseits aber Grün zeigte, das durch die Zäsur in der Landnutzung nach dem 2. Weltkrieg erhalten blieb. In den besiedelten Gebieten andernorts sind sie längst verschwunden.

Ein Picknick im Grünen mit bayerisch böhmischen Schmankerl am Schluss der Exkursion, von Ivana Danisch vom CeBB und vom CHKO organisiert, rundete die Grenzerkundung ab und gab gute Gelegenheit, über die Eindrücke mit den Experten und den Mitwanderern zu reden. CeBB-Leiterin Veronika Hofinger kündigte an, sich im kommenden Jahr an gleicher Stelle erneut auf Entdeckungstour zu begeben, dann unter dem Dach des vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds geförderten CeBB-Projekts „Kultur ohne Grenzen – Begegnung Bayern – Böhmen“

Zdeněk Procházka (Mitte) aus Domažlice mit den Exkursionsteilnehmern mitten zwischen Mauerresten
Der Friedhof in Grafenried, in jahrelanger Arbeit wieder in einen würdigen Zustand versetzt
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.