18.10.2019 - 15:51 Uhr
SchönseeOberpfalz

Tonnenweise Hilfe unterwegs

Der kleine Bub aus dem Kinderheim hat noch nie Schokolade gesehen. Es sind solche Erlebnisse, die den Ukrainehilfe-Verein dazu bewegen, immer wieder mit einem Lkw Richtung Osten aufzubrechen.

Logistik ist gefragt, wenn es beim Hilfsverein für die Ukraine ums Einpacken geht. Aber auch Gönner wie der Seniorchef von Irlbacher Blickpunkt Glas, Josef Irlbacher (links) sind nötig. Er stellt die Lagerhalle in Schönsee kostenlos zur Verfügung.
von Monika Bugl Kontakt Profil

Das Bild von dem kleinen Bub aus dem Kinderheim ist nur eines von vielen Bildern, die Helfer im Laufe von Jahren abgespeichert haben. Vor zwei Jahrzehnten hat der Schönseer Verein zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Armut in der Ukraine gemacht. "Humanitäre Hilfe für die Ukraine aus Bayern" nennt sich die Organisation heute, und ihre Motivation ist nicht viel anders als damals. Wer die Lage in Rivne und Umgebung gesehen hat, dessen Elan hat bis heute nicht nachgelassen. Und so ziehen die Mitglieder ihre Arbeitshandschuhe an, verladen Hilfsgüter auf einen über 14 Meter langen Lkw und reisen jährlich ein bis zweimal Richtung Osten.

"Bitter nötig"

Fast neun Tonnen sind es diesmal. Vereinsvorsitzender Anton Grauvogl weiß das ganz genau, denn er kümmert sich um die Zollpapiere, in denen kein Rollator und keine Matratze zu viel auftauchen darf. Drei Ziele peilt der Lkw aus Deutschland an. Der erste Stopp in der Ukraine ist an einer Sozialstation: Dort werden Kleidung und Hilfsmittel für ältere Menschen abgeladen. Das Ultraschallgerät ist für ein Krankenhaus in Saritschne bestimmt, und viele kleine Dinge landen im Kinderheim, darunter auch ein paar Süßigkeiten. Ein paar Stunden vor der Abfahrt lagern die Sachen schon vorsortiert und auf Paletten in einer Halle in Schönsee, die die Firma Irlbacher Blickpunkt Glas den Helfern zur Verfügung gestellt hat. Mit dem Meterstab wird nachgemessen, was am besten in die Lücken passt. "Jeder Zwischenraum tut weh", meint Grauvogl angesichts des Warenlagers mit viel medizinischem Gerät. Wie nötig haben die Menschen in der Ukraine eine solche Lieferung? "Bitter nötig", lautet die Antwort des 63-Jährigen, der seine Sonntagvormittage regelmäßig mit Einpacken verbringt. Sogar im Keller seines Eigenheims stapeln sich Kartons mit Kleidung und Schuhen.

"Wenn man dort so durch die Stadt geht, merkt man es nicht, aber hinter den Kulissen wird die Armut sichtbar, vor allem auf dem Land." Viele bräuchten drei bis vier Jobs, um über die Runden zu kommen, im sozialen Bereich laufe da gar nichts. Grauvogl erzählt von Krankenzimmern mit acht Betten, halb so breit wie hierzulande. Bettwäsche und Mahlzeiten müssten die Angehörigen der Patienten liefern. Eine schlichte Schreibtisch-Leuchte ersetzt die OP-Lampe. Als bedrückend empfindet er diese Umstände, wenn er an den Standard daheim denkt. Erst recht im Kinderheim von Olexandrija, wo zu 90 Prozent Waisen leben, viele von ihnen Straßenkinder, manche abhängig von Schnüffel-Drogen. Zweijährige, die von den Eltern ausgesetzt wurden, sind hier untergekommen.

Unvergesslich

"Das sind Begegnungen, die man nicht vergisst", sagt der 63-Jährige und denkt dabei auch an den engagierten Leiter des Kinderheims. Zwölf Fahrräder gehören diesmal zur Fracht und werden die Kinderherzen höher schlagen lassen. Aber auch Schultaschen haben die Helfer im Gepäck. Gesammelt wird das ganze Jahr über. "Wenn in Regensburg eine Arztpraxis aufgelöst wird, dann muss man halt schnell reagieren", berichtet Vereinsmitglied Hans-Peter Alkofer, der die Spenden koordiniert.

Da kommen schnell mal fünf Arbeitsstunden zusammen, doch zählen tut die keiner. Aus Weiden stammt das komplette Inventar einer Zahnarztpraxis. Vom Arztkittel, über Spritzen und Operationsbesteck bis hin zu Bandagen, Inhalier-Apparat und einem Ultraschallgerät aus München reicht die Second-Hand-Ware, die weit über 1000 Kilometer entfernt ausgeladen wird. Ein sechsköpfiges Team reist dazu am Samstag, 19. Oktober, in einem von der Dieterskirchener Firma Bauriedl zur Verfügung gestellten Bus dem Lastwagen hinterher. Neben Grauvogl und seinem Stellvertreter Alois Reil sind diesmal Ludwig Weigl, Hans Zilk, Monika Stangl und Lesya Singer mit von der Partie. "Am Montag wird ausgeladen", umreißt Grauvogl das Programm, zu dem auch ein Empfang beim Bürgermeister von Rivne gehört, das Treffen mit einer Volkstanzgruppe und ein Besuch an Gräbern. Eine Woche später wollen die Helfer schon wieder zurück sein, am liebsten mit Erinnerungen an eine Welt, die nun eine Spur heller ist. "Ein wenig besser ist die allgemeine Lage dort schon geworden in alle den Jahren", überlegt Grauvogl, der auch die kleinen Lichtblicke kennt: "Da war dieses Mädchen im Kinderheim, das völlig verstört war. Ein paar Jahre später ist sie richtig aufgeblüht".

Vorsitzender Anton Grauvogl (rechts) kümmert sich um eine möglichst effektive Nutzung der Lagerfläche auf dem Lkw und um die Formalitäten für den Zoll.
Da geht noch was: Für den Transport in die Ukraine wird jeder Zentimeter Platz geschickt genutzt.
Kuchen und Gönner:

Kuchen und Gönner

Der Verein Humanitäre Hilfe für die Ukraine aus Bayern unterstützt seit 1998 Krankenhäuser, Kinderheime und soziale Einrichtungen in der Ukraine. Auslöser war ursprünglich die Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl. Für seine Hilfstransporte ist der Verein mit seinen aktuell 48 Mitgliedern, darunter etwa 15 Aktive, auf Gönner und Spenden angewiesen. Viele Hände sind nötig, um allein das Geld für den angemieteten Lkw aufzubringen. Dank zahlreicher Kuchenspender und fleißiger Helfer hat der Verein beim Seefest in Schönsee und beim Frauentag in Stadlern insgesamt rund 3600 Euro für die Projekte in der Ukraine erwirtschaftet. Allerdings hat in den vergangenen Jahren auch die Unterstützung etwas nachgelassen. Und noch ein Problem bereitet den Verantwortlichen Sorgen: "Die Helfer, die bei der Gründung 50 Jahre alt waren, sind inzwischen 70", kalkuliert der Schönseer Vorsitzende des Ukrainehilfevereins, Anton Grauvogl. (bl)

Wenn man dort so durch die Stadt geht, merkt man es nicht, aber hinter den Kulissen wird die Armut sichtbar, vor allem auf dem Land.

Anton Grauvogl über die Situation in der Ukraine

Anton Grauvogl über die Situation in der Ukraine

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