Schönsee
23.09.2018 - 16:51 Uhr

Zeitgeschichte auf Fotos gebannt

1918 bis 2018. Ein Jahrhundert zwischen Kriegen, Diktatur, Widerstand und Demokratie. Drei Fotoausstellungen dokumentieren im Centrum Bavaria Bohemia (CeBB) dramatische Jahre im Nachbarland.

Besucher der Ausstellungseröffnung beim Rundgang. Bild: eib
Besucher der Ausstellungseröffnung beim Rundgang.

„1968 war ich 14. Die Eltern wollten mich nicht weglassen, doch nichts hielt mich zuhause. Ich musste ins Zentrum, um zu sehen, wie der Prager Frühling auch Pilsen ergriff. Auf dem Weg durch die Stadt sind die Fotos entstanden, die hier zum ersten Mal öffentlich gezeigt werden." Staunen bei den Gästen der Ausstellungseröffnung im CeBB bei den einführenden Worten von Jiří Pech, als er erzählte, unter welchen Vorzeichen seine Bilder entstanden. „Pilsen im August 1968“ ist im zeitlichen Kontext die mittlere der drei Fotoausstellungen zu historischen Ereignissen und Zeiträumen im Nachbarland, die parallel in allen Räumen bis 8. November gezeigt werden.

Im Jahr 1918 wird das Nachbarland Republik. Dokumentarische Fotografien von Prag im Jahr des Neubeginns sind in der Gewölbehalle zu sehen. Sie sind Teil einer immens großen fotografischen Familiensammlung mit 30 000 Negativen und Fotoabzügen. Das Erbe ist auf Pavel Scheufler übergegangen, der als Publizist, Fotograf und Wissenschaftler mit großer Umsicht und fotografischem Gespür diese großartigen Zeugnisse seines Großvaters in Obhut hat. Die Professur für die Geschichte der Fotografie an der renommierten Film- und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste (FAMU) in Prag ließ ihm den Raum, Autor und Herausgeber von zahlreichen Veröffentlichungen zu sein, die sich mit historischer Fotografie auseinandersetzen.

Die dritte Ausstellung „Durch das Objektiv der Geheimpolizei“ ging bereits durch die ganze Welt. Blanka Mouralová, Leiterin der Forschungs- und Bildungsabteilung am Institut für das Studium totalitärer Regime, stellte die Präsentation im Treppenhaus des CeBB vor: „Die Fotos werden inzwischen mehr und mehr als Kunst wahrgenommen, obwohl die Fotografen der Geheimpolizei - oft waren die Kameras im Mantel versteckt - alles andere im Sinn hatten, als künstlerisch wertvolle Bilder zu machen.“ Sie geben die Atmosphäre der Unfreiheit wieder, die den Zeitraum zwischen Prager Frühling (1968) und Samtener Revolution (1989) in der damaligen Tschechoslowakei prägte. Zur Wende hatte die Staatssicherheit an die 900 Leute im Einsatz, die über Jahre nichts anderes zu tun hatten, als die Geheimdienstfotos zu analysieren. Wie die Ausstellung zeigt, blickten sie auf unfreie und ängstliche Menschen, denn Unterdrückung war das Ziel des kommunistischen Regimes.

CeBB-Leiterin Veronika Hofinger eröffnete vor zahlreichen Gästen die Dreifachausstellung, die im Projekt "Von der Paneuropa-Idee ins gemeinsame Europäische Haus. Begegnungsveranstaltungen im Jubiläumsjahr 2018" stattfindet, das durch die Euregio Egrensis gefördert wird. In die sechswöchige Ausstellungszeit sind eine Reihe von Veranstaltungen eingebettet, die sich mit zeitgeschichtlichen Themen im Zeitraum 1918 bis 2018 befassen. Rudolf Ebneth, geschäftsführender Vorstand der Kulturstiftung Bavaria Bohemia, freute sich, das CeBB für diese Ausstellung erstmals mit einem vierstelligen Betrag aus den Erlösen der Stiftung unterstützen zu können.

Einen besonderen Akzent setzte an diesem Abend das Duo „Jazz Velvet“. Mit der druckvollen Stimme von Jana und einfühlsamer Keyboard-Begleitung ihres Mannes Jan Sedláček gelang beiden eine kurzweilige musikalische Mischung zwischen den Eröffnungsreden und für die Gespräche beim abschließenden Stehempfang.

Die Ausstellungseröffnung begleiteten (von links) Stiftungsvorstand Hans Eibauer, stellvertretender Landrat Jakob Scharf, Pavel Scheufler (Prag), CeBB-Leiterin . Veronika Hofinger, Blanka Mouralová (Prag), Wolfgang Schwarz, Kulturreferent des Adalbert- Stifter-Vereins München, Jiří Pech (Pilsen) und Rudolf Ebneth, geschäftsführender Stiftungsvorstand. Bild: eib
Die Ausstellungseröffnung begleiteten (von links) Stiftungsvorstand Hans Eibauer, stellvertretender Landrat Jakob Scharf, Pavel Scheufler (Prag), CeBB-Leiterin . Veronika Hofinger, Blanka Mouralová (Prag), Wolfgang Schwarz, Kulturreferent des Adalbert- Stifter-Vereins München, Jiří Pech (Pilsen) und Rudolf Ebneth, geschäftsführender Stiftungsvorstand.
Besucher der Ausstellungseröffnung beim Rundgang. Bild: eib
Besucher der Ausstellungseröffnung beim Rundgang.
Einstige "Phantasterei":

Wolfgang Schwarz, Kulturreferent beim Adalbert-Stifter-Verein übernahm bei der Ausstellungseröffnung die zeitgeschichtliche Einordnung. Eingangs erinnerte er an 1998, als er nach dem Ende seines Studiums und der Promotion mit weiteren Absolventen an einem Workshop zur beruflichen Orientierung in Schönsee teilnahm. Hans Eibauer, damals Bürgermeister, zeigte der Gruppe die Stadt und machte einen Abstecher ins baufällige Kommunbräuhaus. „Hier in dieser feuchten, fast einsturzgefährdeten Gewölbehalle stellte er sein Konzept für ein Bayerisch-Böhmisches Kulturzentrum vor – wir taten das als Phantasterei ab. Und jetzt stehe ich hier und es ist schon seit 2006 Realität.“ (eib)

Rudolf Ebneth, geschäftsführender Vorstand der Kulturstiftung Bavaria Bohemia, bei seinem Grußwort Bild: eib
Rudolf Ebneth, geschäftsführender Vorstand der Kulturstiftung Bavaria Bohemia, bei seinem Grußwort
Das Duo "Jazz Velvet" (im Hintergrund) setzt bei der Ausstellungseröffnung musikalische Akzente Bild: eib
Das Duo "Jazz Velvet" (im Hintergrund) setzt bei der Ausstellungseröffnung musikalische Akzente
Auftrag zum Kulturaustausch:

Die gemeinnützige Kulturstiftung Bavaria Bohemia wurde auf Empfehlung des Kuratoriums des CeBB im Oktober 2013 von fünf Stiftern gegründet. Inzwischen gehören auch die Sparkasse im Landkreis Schwandorf und die Raiffeisenbank im Naabtal zum Kreis der Zustifter.

Die Verantwortung für die Stiftung obliegt den Stiftungsvorständen Rudolf Ebneth (geschäftsführend) und Hans Eibauer sowie dem Stiftungsrat unter Vorsitz von Landrat Thomas Ebeling. Die Gründung erfolgte im Bestreben, das in Trägerschaft des gemeinnützigen Vereins „Bavaria Bohemia“ erfolgreich geführte Centrum Bavaria Bohemia ideell und materiell zu unterstützen. Damit vertieft werden sollen das Kulturleben, der Kulturaustausch sowie die kulturelle und partnerschaftliche Zusammenarbeit der bayerischen und tschechischen Nachbarregionen. Außerdem soll den Kulturschaffenden, den Kultureinrichtungen, den Kulturanbietern und den partnerschaftlichen Initiativen auf Dauer ein zweisprachiger Informations-, Austausch-, Präsentations-, Vernetzungs- und Begegnungsort gesichert werden. Auch zur Völkerverständigung und zum Abbau von gegenseitigen Vorbehalten, Unwissenheiten und emotionalen Schranken möchte man beitragen.

Das Stiftungskapital von derzeit knapp 100 000 Euro ist unantastbar. Nur die Erträge stehen für die satzungsgemäßen Aufgaben zur Verfügung. Stiftungsvorstand und Stiftungsvorstand bemühen sich intensiv, weitere Zustifter zu gewinnen, um das Kapital zu erhöhen, das in einem vom Ertrag her akzeptablen Kulturfonds angelegt ist.

 
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