11.01.2021 - 11:39 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Vor 125 Jahren wird es Licht in Schwandorf

Schwandorf ist die erste Stadt in der Oberpfalz, die mit elektrischen Strom versorgt wird. Dieser Schritt in die Moderne verdankt sich dem Ingenieur Oskar von Miller. Sein damals errichtetes, kleines Wasserkraftwerk existiert noch immer.

Das historische E-Werk an der Naab ist noch immer in Betrieb. Die im Schwandorfer Ortsteil Ettmannsdorf erworbene Han’sche Kunstmühle (heute Ettmannsdorfer Straße 90, gegenüber Haus des Guten Hirten) wurde ab dem 1. April 1896 als Wasserkraftanlage nur noch zur Stromerzeugung genutzt.
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Wie der Schwandorfer Heimathistoriker Georg Wickles im nachfolgenden Text schreibt, beanstandete die königlich-bayerische Staatsbahn gegen Ende des 19. Jahrhunderts, dass der große Schwandorfer Bahnhof ohne ausreichende Beleuchtung sei. Oskar von Miller wurde damit beauftragt, nach einer Lösung zu suchen. Durch den Kauf beider Mühlen in Ettmannsdorf, der Hahn- und der Schwarzmühle, der Zusicherung eines Konzessionvertrags mit der Stadt Schwandorf und dazu einen Stromlieferungsvertrag mit der bayerischen Staatsbahn waren die Voraussetzungen für den Baubeginn geschaffen.

Am 14. Januar 1895 wurde das E-Werk Schwandorf gegründet. Die Investoren waren die Firma AEG in Berlin, die Bayerische Vereinsbank München, selbst Oskar von Miller beteiligte sich mit etwa zehn Prozent an den Baukosten. Der erste Betriebsleiter war Emanuel Schweiger aus Schwandorf.

Oskar von Miller ließ in Schwandorf an der Ettmannsdorfer Straße 40 (Schwarzmühle; heute der Schwandorfer Firmensitz des Bayernwerks) ein Kohlekraftwerk mit einer Leistung von 100 Kilowatt und einer Spannung von 2100 Volt errichten. Vier Jahre später wurde das Kraftwerk mit einer baugleichen Anlage erweitert. Die Kohle hierfür wurde aus der Böhmen angeliefert, die Tonne zu 22 Pfennigen; es kam auch Kohle aus der Matthias-Zeche bei Schwandorf zur Verbrennung.

Inbetriebnahme am 22. Dezember 1895

Der Probebetrieb wurde im Dezember 1895 aufgenommen. Bei der nächsten Inbetriebnahme am 22. Dezember 1895 wurden bereits einige Gasthäuser und Geschäfte mit elektrischen Strom versorgt. Somit war Schwandorf die erste Stadt in der Oberpfalz, die an das öffentliche Stromnetz angeschlossen, noch vor den Städten Amberg und Weiden.

Am 1. Januar 1896 um Mitternacht erfolgte der gesicherte Betrieb, es erstrahlte der Bahnhof Schwandorf im hellen Licht und die Presse war voll des Lobes über diese neue Errungenschaft. Man war froh, dass man die aufwendigen Petroleumlampen nicht mehr benötigte.

Dieses Kohlekraftwerk wurde bis zum 4. Mai 1928 betrieben und anschließend stillgelegt. Erwähnenswert ist, dass Oskar von Miller damals schon eine Frequenz von 50 Hertz nutzte, was zu dieser Zeit nicht selbstverständlich war.

Über Freileitung verbunden

Die im Schwandorfer Ortsteil Ettmannsdorf erworbene Han’sche Kunstmühle (heute Ettmannsdorfer Straße 90, gegenüber Haus des Guten Hirten) wurde umgebaut und ab dem 1. April 1896 als Wasserkraftanlage nur noch zur Stromerzeugung genutzt. Die beiden hier eingebauten Jonval-Turbinen trieben über einen Lederriemen einen Wechselstromgenerator mit einer Leistung von 100 Kilowatt und einer Spannung von 2100 Volt. 1910 wurde die Anlage mit einer dritten Turbine und einen zusätzlichen Generator erweitert. Nun war es möglich, 200-Kilowatt-Wechselstrom zu erzeugen. Über eine Freileitung waren beide Kraftwerke miteinander verbunden.

Im Jahr 1913 wurde nach baulichen Veränderungen ein Notdiesel zur Stromversorgung, zum Beispiel bei Behinderung durch Eis oder auch Niedrigwasser, installiert. Der riesige Notdieselblock wurde mit Hilfe von Druckluft gestartet. In der kalten Jahreszeit musste dieser aufgrund seiner enormen Masse vorgewärmt werden. Der Dieselmotor hierzu war vermutlich ein Produkt der Firma Lanz, der Generator ein Erzeugnis der Firma Sachsenwerk. Er hatte eine Leistung von 220 Kilowatt.

Im Jahr 1922 erhielt das E-Werk einen Stromanschluß von der OWAG über eine 35-Kilovolt-Leitung, die vom Kraftwerk Ponholz eingespeist wurde. Nachdem das E-Werk einen Anschluss an die OBAG erhalten hatte, wurde die Notdiesel-Anlage im Jahr 1923 nach Siebenbürgen in Rumänien verkauft.

Oskar von Miller und Schwandorf: Genialer Pionier in Sachen Strom

Mit dem Ausbau Mitte der 1920er Jahre kamen zwei Francis-Turbinen mit je 202 PS zum Einsatz und dazu ein Drehstromgenerator mit einer Leistung von 300 Kilowatt bei einer Spannung von 6,3 Kilovolt. Der Zahnkranz, mit dem die Kraft übertragen wurde, hatte einen Durchmesser von rund 2,5 Metern.

1954 wurde ein neuer Notdiesel installiert, mit einer Leistung von 260 Kilowatt (zur Deckung der Spitzenlast-Mittagsspitze). 1959 betrug der geschätzte Wert der Wasserkraftanlage ohne Einbauten ungefähr 900 000 DM. Im Jahr 1963 wurde das Stauwehr saniert, die Kosten hierfür betrugen 193 323 DM.

Mitte 1980 wurden zwei neue Notdieselaggregate mit einer Leistung von je 1000 Kilowatt eingebaut, dazu zwei Tanks mit zusammen 50 000 Liter Dieseltreibstoff zur Versorgung der Motoren. Diese Dieselaggregate mit je einem 16-Zylinder-Motor liefen bis zur Übernahme des Energieversorgers Eon. Danach wurden die Dieselaggregate an einen privaten Betreiber verpachtet. Nach einem technischen Defekt hat man sie später ausgebaut. Der defekte Motor wurde verschrottet, der andere fand in einem Museum ein neues Zuhause.

Der dritte Ausbau des Wasserkraftwerks erfolgte 1990/91. Die beiden Francis-Turbinen wurden generalüberholt und mit einer elektro-hydraulischen Drehzahlregelung ausgerüstet. Die Gesamtleistung entsprach nun 320 Kilowatt. Ab diesem Zeitpunkt konnten jährlich 2,1 Millionen Kilowatt elektrischer Strom erzeugt werden.

Hintergrund:

Zur Person: Oskar von Miller

Elektrifizierung war seine Lebensaufgabe, seine Kompetenz unantastbar: Oskar von Miller, Ingenieur und Techniker, war es, der in Schwandorf die Kraftwerks-Tradition verankert hat.

  • 1895 ersteigerte er im heutigen Schwandorfer Stadtteil Ettmannsdorf das Hammerwerk und richtete dort das allererste Braunkohlekraftwerk als Elektrizitätswerk ein.
  • Da in Schwandorf eine Versorgung mit Stadtgas fehlte, konnte er hier auch einen weltweit bedeutenden Versuch starten – ab März 1927 begannen wagemutige Hausfrauen einen Großversuch im elektrischen Kochen.
  • Schwandorf war die erste Stadt in der Oberpfalz, die mit seiner Hilfe mit Strom versorgt wurde.
  • Auf sein Konto geht überdies das Projekt „Bayernwerk“, unter dessen Regie 1929 das Dampfkraftwerk Schwandorf an der Naab gebaut wurde.
Eine historische Erinnerungs-Tafel mit den Namen von Planer, Techniklieferanten und ausführenden Firmen ist im E-Werk an der Ettmannsdorfer Straße 90 angebracht.
Diese Generatoren stehen im E-Werk an der Ettmannsdorfer Straße.
Oskar von Miller
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