21.04.2020 - 11:18 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Vor 30 Jahren in Schwandorf: Feier unter dicken Dampfschwaden

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Die Prominenz aus Politik und Wirtschaft gab sich vor 30 Jahren die Ehre: 700 geladene Gäste feierten "60 Jahre Kraftwerk Schwandorf". Der Festredner geht schon 1990 auf den drohenden Klimawandel ein.

Das Bayernwerk-Kraftwerk in Dachelhofen: 1990 wurde noch das 60-jährige Bestehen groß gefeiert. 2002 folgte die Stilllegung, bis etwa 2005 dauerte der Abriss.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

Wirtschaftsminister Gustl Lang (CSU), Bayernwerk-Vorstandsmitglied Eberhard Wild, natürlich Betriebsdirektor Hermann Ehrenstraßer und Personalratsvorsitzender Karl Lederer: Die Namen der Redner beim Festakt am 9. April 1990 sind bei vielen noch gut in Erinnerung. Das Kraftwerk Schwandorf des Bayernwerks bestand da genau seit 60 Jahren. Die dicken Dampfschwaden aus dem Kühlturm kündeten weithin vom Betrieb, die hohen Kamine waren ein Erkennungszeichen der Großen Kreisstadt und des Stadtteils Dachelhofen. In diesem April wäre das "90-Jährige" zu feiern gewesen. Seit 2002 ist das Werk Geschichte, seit 2005 auch Teile der Anlage, die gesprengt oder abgetragen wurden.

"Eckpfeiler"

Als "Eckpfeiler einer sichern und preisgünstigen Stromversorgung in Bayern" bezeichnete Wild damals das Kraftwerk, rief die Geschichte des Werks in Erinnerung. 1930 gingen die Generatoren ans Netz.

Wirtschaftsminister Gustl Lang hielt die Festrede. Besonders erwähnenswert: Schon damals verwies der CSU-Politiker auf den drohenden Klimawandel. "Der Mensch hat sozusagen am Thermostat der Natur gedreht", sagte Lang. Um den Treibhauseffekt in Grenzen halten zu können, müsse "in den nächsten 50 Jahren die Verbrennung fossiler Energieträger um mehr als die Hälfte des heutigen Wertes gesenkt werden". Das ist nun 30 Jahre her.

Hermann Ehrenstraßer, der schließlich der letzte in der Reihe der Betriebsdirektoren im Kraftwerk sein sollte, erinnerte in seiner Rede an die Aufgabe, die Rauchgase des Kraftwerks zu entschwefeln und zu entsticken. Die wurde mit der Großfeuerungsanlagen-Verordnung 1983 gestellt. Waldsterben und saurer Regen lauteten damals die Schlagworte. Rund 400 Millionen Mark (knapp 205 Millionen Euro) investierte die damals noch staatliche Bayernwerk AG laut Ehrenstraßer zwischen 1980 und 1990 in die Umwelttechnik. Zu seinen Hochzeiten im Jahr 1972 arbeiteten rund 700 Menschen im Kraftwerk. 1990 waren es noch 450 gut ausgebildete und bezahlte Mitarbeiter. Vom "Arbeiteradel" war damals gern die Rede.

"Schicksalsgemeinschaft"

Diesen Begriff nahm Karl Lederer nicht in den Mund. Der Personalratsvorsitzende hob in seiner Rede vor 30 Jahren die "Schicksalsgemeinschaft zwischen BBI und Kraftwerk" hervor. Aus dieser Ehe seien "leistungsbewusste und qualifizierte Mitarbeiter" hervorgegangen. Der damalige Regierungspräsident Karl Krampol und Landrat Hans Schuierer verwiesen auf die Bedeutung des Kraftwerks für die Region. "Ein Betrieb, wie wir ihn uns in der Stadt wünschen", nannte Oberbürgermeister Hans Kraus die Anlage.

Von den 400 Millionen Mark an Investitionen flossen alleine 85 Millionen in die Rauchgas-Reinigungsanlage für Block B des Bayernwerks. Umweltstaatssekretär Hans Spitzner (CSU) hatte sie im Februar 1990 zusammen mit Ehrenstraßer symbolisch in Betrieb genommen. Mit der Anlage habe die Bayernwerk AG das "komplette Entschwefelungsprogramm in seinen Stein- und Braunkohlekraftwerken abgeschlossen", sagte Vorstandsmitglied Karlheinz Künzel damals. Er hatte auch die Energieversorgung in der damals noch bestehenden DDR und den weiteren Ostblockstaaten im Blick. Da stehe das Bayernwerk vor großen Herausforderungen. Nicht ohne Stolz verwies Hermann Ehrenstraßer bei der Inbetriebnahme darauf, dass die Grenzwerte der damaligen Immissionsschutzverordnung "deutlich unterschritten" würden. Staatssekretär Spitzner nannte interessante Zahlen: Die Rauchgasreinigung im Schwandorfer Kraftwerk vermindere den Schwefeldioxid-Ausstoß von rund 40000 Tonnen (!) im Jahr 1983 auf noch 1000 Tonnen im Jahr 1990. Auch der Ausstoß von Stickoxiden aus den weit über 200 Meter hohen Kaminen des Werks wurde von 7000 auf 1000 Tonnen pro Jahr gesenkt. Der Bau der Rauchgasreinigung für Block B hatte rund eineinhalb Jahre gedauert. 2500 Tonnen Stahl wurden verbaut, bis zu 400 Arbeiter waren auf der Baustelle eingesetzt.

Am 14. November ist Schluss

Gut zwölf Jahre später, am 14. November 2002, war es Hermann Ehrenstraßer, der um 15.37 Uhr das Werk endgültig abschaltete. 20 Jahre, nachdem die letzte Tonne Braunkohle aus dem Wackerdorf-Steinberger Revier gefördert worden war. Von 1982 bis 2002 wurde Braunkohle aus Tschechien verfeuert. Dann war auch damit Schluss. Anstelle des Bayernwerks entstand ein Industriegebiet. Unter anderem mit einem Unternehmen, das auf Biogas zur Energiegewinnung setzt. Die Tradition der Lehrlingsausbildung hat auch eine Fortsetzung gefunden: Das Berufsbildungszentrum Schwandorf übernimmt die überbetriebliche Ausbildung für Metall- und Elektroberufe.

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