Runden Geburtstag feiert diese Form der Korrespondenz in Deutschland erst heuer, auch wenn die erste Postkarte am 1. Oktober 1869 verschickt wird. Das österreichisch-ungarische Kaiserreich ist vorgeprescht, die Deutschen plagen noch Bedenken. Sie fürchten um den Verfall der guten Sitten, wenn persönliche Botschaften, vielleicht gar anzüglichen Inhalts, für Unbefugte lesbar versandt werden. Die Verbreitung der Postkarte halten solche Sorgen nicht auf. Sie wird sogar als Erinnerungsstück aufgehoben und gesammelt wie die Briefmarke.
774 Ansichtskarten mit Schwandorfer Motiven "vermacht" die inzwischen verstorbene Witwe von Jörg Metschke vor Jahren dem Schwandorfer Stadtarchiv. Das ist nicht die einzige Postkartensammlung, die Archivar Josef Fischer in Besitz hat, aber die einzige, deren Bestand erschlossen ist. Das heißt sie ist verzeichnet, digitalisiert und die Einzelstücke sind demnächst auf den Internetseiten des Stadtarchivs recherchierbar. "Die Sammlung ist so erschlossen, wie ich mir das vorstelle", sagt Archivar Josef Fischer und holt die Originale.
Deren An- und Durchsicht mündet schnell in eine Zeitreise durch Schwandorf, die die Zeit schnell vergessen lässt. Feldpostkarten sind schon allein ihres Inhalts wegen eine Spezies für sich. Mit einem speziellen Vermerk trägt auch das Archiv dem Rechnung. Das Sammeln von Postkarten erlebt gerade im Ersten Weltkrieg einen ersten Höhepunkt, halten diese doch die Verbindung zwischen Heimat und Front aufrecht.
Die älteste Karte aus der Sammlung trägt jedoch den Poststempel 8. Oktober 1898. Josef Fischer zufolge stammen die ersten Schwandorfer Ansichtspostkarten von 1896. Die Karten werden noch auf der Vorderseite beschrieben. Auf der Rückseite steht nichts außer der Adresse. Ein paar liebe Worte nur mit der Ortsangabe Nittenau zum Beispiel kommen bei dem wohlgeborenen Fräulein, an das sie gerichtet sind, an. Mehr braucht's da nicht. Ab etwa 1905 entstehen Karten, wie wir sie heute noch kennen.
Motive gibt es zuhauf und es ist durchaus Usus schon mal viele Grüße aus dem Wirtshaus zu schicken, in dem man gerade sitzt oder regelmäßig verkehrt. Eine Karte macht sich am 30. Oktober 1909 auf in ein Dorf in Ligurien (Italien). Wie alles unterliegt die Postkarte der Mode, mal sind Einzelmotive en vogue, mal mehrere kleinere Fotos und später dann Luftaufnahmen.
"Von Familienaufnahmen wurden auch bereits Postkarten gemacht und verschickt", weiß Josef Fischer, "aber selten". In der Sammlung Metschke findet sich dagegen eine von einer Männerrunde, bestimmt für einen Adressaten in München. Heute hält diese Momente die Kamera des Iphones fest, und den Rest erledigt Whatsapp. Das Gleiche geschieht mit den Grüßen vom Volksfest, die es früher nur per Ansichtskarte gab.
Jörg Metschke
Jörg Metschke wurde am 4. Februar 1940 in Köln geboren. Nach dem Abitur 1959 in Frankfurt am Main studierte er an der dortigen Universität und in Mainz Mineralogie. 1969 promovierte er. 1971 wurde Jörg Metschke Betriebsleiter der Oxidfabrik der VAW in Lünen und wechselte für die VAW im März 1976 zunächst als Produktionsleiter an das Nabwerk Schwandorf. 1984 stieg er zum Betriebsleiter auf. In diese Zeit fiel auch die Umstrukturierung der Schwandorfer Niederlassung, die 1995 die Produktion einstellte und von der heutigen Nabaltec AG übernommen wurde. Jörg Metschke blieb in Schwandorf.
Er wurde Geschäftsführer der neu gegründeten Müllkraftwerk Schwandorf Betriebsgesellschaft (MSB), einer zunächst 100-prozentigen VAW-Tochter. Diese Stelle hatte er bis zu seinem Ruhestand im Juli 2004 inne. Jörg Metschke pflegte nicht nur das Postkartensammeln als Hobby, sondern auch Radfahren, Tennis und Golf spielen. Der ehemalige Vorsitzende des Vereins "Partner für den Landkreis Schwandorf" und Präsident des Lions-Clubs Schwandorf starb im November 2008. (ihl)

















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