23.05.2019 - 08:00 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Der Boden lebt

Landmaschinenbauer Philipp Horsch über Tradition und Fortschritt in der Landwirtschaft und das "Lebewesen Boden."

Während des Interviews mit Philipp Horsch bittet ihn sein Bruder Michael Horsch kurz aus dem Büro – um ihm einen Erdbeerbauern aus Frankreich vorzustellen: "Uns ist sehr wichtig, dass wir nicht nur mit Händlern, sondern wirklich mit den Nutzern unserer Maschinen in Kontakt sind."
von mvsProfil

Die "Horsch Maschinen GmbH" im Schwandorfer Ortsteil Sitzenhof ist mit Landmaschinen international äußerst erfolgreich: Aus der Provinz auf den Weltmarkt katapultiert - macht dieser Wettbewerb Angst? "Nein, Wettbewerb ist für mich wie ein Stachel im Fleisch. Er lässt mich nicht zur Ruhe kommen, treibt mich an", gesteht Philipp Horsch, der das Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder Michael Horsch und Horst Keller leitet. Der begeisterte Radfahrer wirkt dabei nicht wie ein Getriebener, sondern wie ein Sportler, der weiß, dass er gut ist und sich auf den nächsten Wettkampf freut.

Ein Spannungsfeld. "Es stimmt, dass wir - wie alle, die in unserer Branche tätig sind - grundsätzlich bewahrend eingestellt sind, uns Traditionen verpflichtet sehen und über Generationen hinweg denken. Aber um zu bestehen, müssen wir auch wagemutig sein und agil. Das, denke ich, zeichnet uns auch als Unternehmen aus."

Ein Beispiel? "Vor zwei Jahren im Oktober war ich in China, um mir anzusehen, wie Mais und Soja gesät werden - das läuft dort anders als im Rest der Welt, weil zum Beispiel das Aussehen der Maschinen planwirtschaftlich festgelegt wird. Vor Ort auf dem Acker war mir sofort klar, dass dieser Markt für uns interessant sein könnte und ich sagte umgehend passende Maschinen zu. Zu Hause angekommen, gingen wir sofort ans Werk und im darauf folgenden März waren die ersten beiden komplett neu entwickelten Prototypen im Feld in China im Einsatz", beschreibt Horsch. War da bereits alles ausgereift? "Nicht ganz, aber Details kann man immer noch lösen."

Punktgenaue Dosierung auf mehreren Metern Ackerbreite: Pflanzenschutzspritze aus dem Hause Horsch im Einsatz..

Bambi und die Biene

In den vergangenen zweihundert Jahren sei es dank Innovationen gelungen, Probleme zu lindern, in Europa sogar gänzlich zu lösen - Ernährungs- und Energiesicherheit zum Beispiel. Dennoch wehe der Wissenschaft, den Schlüsselindustrien und insbesondere den Bauern ein starker gesellschaftlicher Gegenwind entgegen, würde Komplexes zu stark vereinfacht. "Wie im Disneyfilm ,Bambi', der das Bild vom bösen Jäger etablierte, wird durch vereinfachende Betrachtung alles über einen Kamm geschert und auch das Gute mit einem Wisch hinweggefegt", bezieht sich Horsch auf einen Vortrag des österreichischen Professors Martin Dürnberger zum Thema "Angst".

"Deutlich spürbar wurde das beim Bürgerbegehren zur Artenvielfalt. Jetzt rennen wir alle den 18 Prozent hinterher." Nicht vergiftete Felder seien Schuld am Insektentod: "Gravierender ist, dass unsere Landschaft allgemein sauberer geworden ist, was nicht nur an der Landwirtschaft liegt und auch nicht nur Nachteile hat: Früher gab es mehr Pfützen und Todwasser, heute ist viel mehr versiegelt, durch Straßenbau zum Beispiel, früher hat ein geodelter Acker zum Ärger der Anwohner gestunken, Ammoniak konnte entweichen, sich mit anderen Gasen zu Feinstaub verbinden, und der Boden bekam weniger Nährstoffe ab - heute wird die Gülle in den Boden eingearbeitet, mit vielen genannten Vorteilen, aber natürlich zum Nachteil der Fliegenpopulation."

Und Glyphosat?

Und Glyphosat? "Hat große Vorteile: Zwischen Ernte und Aussaat drängt es Unkraut zurück, dadurch ist weniger Bodenbearbeitung notwendig, einerseits zum Vorteil des Bodenlebens und der Bodenstruktur, die dadurch ungestört bleiben kann, und andererseits wird dadurch deutlich weniger Sauerstoff in den Boden eingebracht, wodurch wiederum weniger Humus in CO2 umgewandelt wird und damit als schädliches Klimagas entweicht, das zur Erderwärmung beitragen würde", sagt Horsch, zugleich angriffslustig und verteidigungsbereit. Da ist es wieder, das Spannungsfeld.

"Dennoch übt die Landwirtschaft große Faszination aus, in jedem Kinderzimmer findet sich wohl ein Schlepper oder Bauernhof." An welchen feinen Stellschrauben tüftelt Horsch gerade? "Wir wollten die Abdrift beispielsweise von Pflanzenschutzmitteln reduzieren, damit sie gezielter, mit weniger Verlust und dadurch in geringerer Menge ausgebracht werden können. Wir haben einen Strömungskanal gebaut und herausgefunden, dass die Düsen- und Tröpfchengröße einen geringen Einfluss hat, die Entfernung zum Zielobjekt dagegen eine sehr große. Also feilen wir an der Gestängeregelung, die sich auf bis zu 36 Meter Arbeitsbreite perfekt dem jeweiligen Boden anpassen soll", schildert Horsch die Choreographie von Sensorik und Mechanik.

Boden als Lebewesen

"Der Boden ist ein empfindliches Lebewesen voller Mikroprozesse, die man möglichst ungestört wirken lassen sollte. Gerade deshalb können große Maschinen sogar bodenschonender sein, als man zunächst vermuten mag. Auch wenn sie nicht das Bullerbü-Bild bedienen: Sie ziehen nur alle zwölf Meter ihre verfestigende Spur, bei guter fachlicher Praxis nur auf 10 bis 12 Prozent der bewirtschafteten Fläche. Der Rest bleibt unberührt von jeglichen Spuren. Kleinere Maschinen können deutlich schädlicher sein, weil man Spur an Spur den gesamten Acker verdichtet", plädiert Horsch für Wohlwollen gegenüber moderner Landwirtschaft.

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