23.11.2018 - 09:25 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Der Dipferlscheißer als hiesige Version des Erbsenzählers

Es ist unbestritten, dass der Dialekt auch in alltäglichen Gesprächssituationen für ungeübte Ohren mitunter relativ derb anmutet. Recht bildhaft abfällig kommt zum Beispiel der Dipferlscheißer daher.

Als „kleinkariert“ bezeichnet man nicht nur einen Karo-Look, sondern auch einen menschlichen Wesenszug. Personen, die damit in übertriebenem Maße ausgestattet sind, laufen Gefahr, im Dialekt „Dipferlscheißer“ genannt zu werden.
von Autor SLUProfil

Man darf aber in diesem Zusammenhang nicht den Fehler machen, "derb" von Haus aus mit "ordinär" zu verwechseln, denn "ordinär" bedeutet (laut Duden) "in seinem Benehmen, seiner Ausdrucksweise, Art sehr unfein, die Grenzen des Schicklichen missachtend; von schlechtem, billigem Geschmack [zeugend]".

In vielen Fällen steckt nämlich im Dialekt keine wie auch immer geartete abwertende Absicht dahinter, sondern die Diktion liegt in der Natur dieser Sprachvarietät des Deutschen. Unter diesem Aspekt ist die im Zungenschlag seiner Zeit gehaltene Aussage von Josef Hofmiller (1872-1933) "Altbayrisch ist fein. Fein sogar noch in seiner humoristischen Derbheit" nur scheinbar ein Paradox. Hofmiller, einer der produktivsten und bedeutendsten Essayisten seiner Zeit, fährt nämlich fort: "Unsere Mundart ist so edel und ausdrucksvoll, so ehrwürdig, dass, wer sie kennt, eine wahre Wut kriegt, wenn sie zur Viecherei herabgewürdigt wird."

Ein in dieser Rubrik fast schon klassisch zu nennendes Beispiel, das sich durch eine sehr kräftige Ausdrucksweise mit einer auf den ersten Blick recht abfälligen Bildhaftigkeit auszeichnet, ist "Dipferlscheißer". Pedant, kleinlicher Mensch, Besserwisser, Erbsenzähler, Paragrafenreiter - keines dieser standardsprachlichen "Synonyme" erreicht für sich allein auch nur annähernd die vielsagende Expressivität, die dem mundartlichen Ausdruck innewohnt. Am ehesten kommt ihm das zugegebenermaßen ziemlich vulgär klingende Wort "Korinthenkacker" nahe.

Wörtlich genommen bezeichnet der Ausdruck "Dipferlscheißer" Menschen, die bei einer Sache mit einer gewissen Kleinkariertheit und Penetranz darauf bedacht sind, das Tüpfelchen auf dem i zu erreichen, das heißt das Nonplusultra bzw. die Zutat, die einer Sache noch die letzte Abrundung gibt. Nicht selten erregen sie damit das Missfallen ihrer Zeitgenossen, da sie alles übertrieben genau nehmen und auf die Einhaltung des kleinstes Details mehr Wert legen als auf den großen Zusammenhang. Dieses Missfallen war zum Beispiel der Fall bei Ministerpräsident Horst Seehofer, der seinerzeit über den Koalitionspartner FDP in der erwähnten Form lästerte, weil die Liberalen nicht von den Studiengebühren abrücken wollten.

Zusammenfassend findet sich auf der Internetseite "Philosophie & Kaffee" folgende Definition: "Der Dipferlscheißer ist die bayerische Variante des Erbsenzählers, Korinthenkackers, kleinkarierten Spießbürgers. Hypergenau, kulanzresistent, ohne jeden Sinn für menschliche Schwächen und Fehlbarkeiten läuft er frei rum und macht uns Freidenkern, Selbstdenkern, Rebellen und auch der ganz normalen Bevölkerung das Leben schwer."

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