02.12.2019 - 08:54 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Feinstarbeit Geigenbau: Vom alten Holz zum exklusiven Ton

Goldgelbes Licht kämpft sich an dem nebeligen Morgen aus dem Fenster der Werkstatt nach. Innen riecht es nach Holz. Späne sind über den Boden verteilt, ein Regal mit beschrifteten Gläsern streckt sich bis unter die Decke.

Feinstarbeit. Bei Geigenbau Goldfuß kommt es auf die richtige Technik an - und auf den richtigen Ton.
von Laura Schertl Kontakt Profil

Klassische Musik dringt aus einem Lautsprecher, zuerst ganz leise, dann baut sich die Sinfonie mit einem langsamen Cres- cendo auf, bis sie den ganzen Raum erfüllt. Hier sitzt Thomas Goldfuß an seiner Werkbank und zieht neue Saiten auf einen Kontrabass. Seit 1985 entstehen bei Geigenbau Goldfuß in Regensburg Streichinstrumente. Die Tradition der Familie reicht aber weit zurück. Großvater Johann begann früh eine Lehre als Geigenbauer in seinem Heimatland Böhmen. Trotz Krieg und Gefangenschaft ging er seiner Leidenschaft nach und gründete 1975 eine eigene Werkstatt in seiner Zweitheimat Schwandorf. Bis zum Umzug nach Regensburg 1985. Heute betreibt Thomas Goldfuß die Werkstatt mit seinem Vater Horst und fünf Angestellten.

Thomas Goldfuß (links) und sein Vater Horst sind stolz auf ihre Arbeit - und darauf, wie begehrt ihre kleinen musikalischen Meisterwerke sind.

Eine davon ist Susan Theis. Sie ist Auszubildende und arbeitet gerade an dem Neubau einer Geige. Konzentriert bearbeitet sie das Holz mit einem Hobel, prüft immer wieder das Ergebnis. Es ist die Vorbereitungsarbeit auf ihre Gesellenprüfung. Bleiben will sie auch danach auf jeden Fall. „Das war auch praktisch ein Einstellungskriterium“, verrät Thomas Goldfuß, der sein Unternehmen gerne vergrößern möchte. Er selbst wusste von Anfang an, dass der Geigenbau seine Berufung ist: „Ich bin ja in der Werkstatt groß geworden“, erzählt er. „Das hat mir schon immer Spaß gemacht, und so war schnell klar, dass ich das übernehmen möchte.“ Jetzt ist er schon seit vielen Jahren erfolgreich im Geschäft. Hier entstehen nicht nur klassische Neubauten, sondern auch Instrumente nach Kundenwunsch, Originalnachbauten beispielsweise. Ein Geigenmodell von Stradivari? Kein Problem. Zuerst werden passende Hölzer ausgewählt, die spezielle Tonholzhändler verkaufen. Der Boden der Geige ist meist aus Ahorn, die Decke aus Fichte. Die Hölzer sind allerdings nicht sofort einsetzbar – Ahorn muss zehn bis zwölf Jahre gelagert werden, Fichte nicht ganz so lange. Thomas Goldfuß profitiert von der langen Tradition der Werkstatt. In seinem Besitz befinden sich viele abgelagerte Materialien. Das älteste Stück ist aus Ahorn und wurde 1896 eingekauft, da war es aber schon 20 Jahre gelagert worden.

Zweistellige Millionenbeträge

Thomas Goldfuß öffnet eine Datei auf seinem Computer. Hier sind verschiedene Geigenmodelle und ihre Bezeichnung inklusive Bauplan aufgelistet. Detailreich sind die Maße der Violine auf dem Bildschirm zu erkennen, die Form der Schnecke und die der Wirbel. Nach genau diesem Bauplan entsteht dann ein Originalnachbau. Mitarbeiter Shimpei Furutani arbeitet gerade an der Fuge eines Geigenbodens, also der Nahtstelle der zwei Holzteile, aus denen der Boden besteht. Dass die Arbeit auch körperlich anstrengend ist, sieht man. Denn die Materialien sind zwar sehr filigran, müssen aber mit einem bestimmten Kraftaufwand bearbeitet werden. Pure Handarbeit. Eine einzige Geige nimmt deshalb 220 bis 260 Arbeitsstunden ein. Der hohe Arbeitsaufwand ist einer der vielen Parameter, aus dem sich der finale Preis eines Streichinstruments zusammensetzt. Wichtig ist auch das verwendete Material. Einerseits das Holz, aber auch die Saiten. Früher waren typische Saiten aus blankem Naturdarm. Heutzutage sind sie aber nur noch schwer praxistauglich. Das Naturprodukt ist extrem empfindlich und kann bei schnell wechselnden Klimabedingungen leicht reißen. Für Musiker, die viel reisen, sind Darmsaiten also eher ungeeignet. Besser sind Saiten mit Kupferdraht, Nylon oder Karbon. „Es gibt nichts, was es nicht gibt“, erklärt Thomas Goldfuß. Historische Geigen wie von Stradivari werden für zweistellige Millionenbeträge gehandelt. Hier spielen Faktoren wie Zustand und Vorschäden eine Rolle, welcher Geigenbauschule das Instrument zuzuordnen ist und welcher Tradition. „Das sind dann schon Kunstobjekte“, sagt der Geigenbauer.

Geigen soweit das Auge reicht.

Auch zum Kunstobjekt wird die eine oder andere Anfertigung auf Kundenwunsch. Goldfuß‘ Käufer sind international. Ob USA, Japan, Korea oder Frankreich, viele Musiker nehmen lange Strecken auf sich, um bei Thomas Goldfuß eine Violine oder ein Cello fertigen zu lassen. „Bei sehr teuren Instrumenten ist das auch Vertrauenssache“, findet er. Viele Kunden bleiben ihm jahrzehntelang treu. Heute kommen die Enkel der allerersten Kunden seines Großvaters, um bei ihm zu kaufen. Die hohe Qualität der Werkstatt überzeugt. Das ist nötig, denn auch die Ansprüche der Kunden steigen stetig. Für viele spielt Entfernung keine Rolle, dafür ist eine große Auswahl wichtig. Früher wurde nach der Bestellung eines Instruments ein halbes Jahr auf die Fertigstellung gewartet, heute möchten Kunden ihre Violine am liebsten sofort mitnehmen.

Wer ein Instrument „von der Stange“ kaufen möchte, trifft in der Werkstatt eine Vorauswahl. Die Geigen werden dann für 14 Tage zur Probe mitgenommen, der Kunde kann alle in Ruhe spielen und ausprobieren. Danach kann sich entweder für ein Stück entschieden, oder die Auswahl nochmals angepasst werden. Viele kaufen sich ihre Traumgeige auch irgendwann als Geldanlage. Aber auch wenn finanziell keine großen Sprünge drin sind: Von den extrem billigen Geigen in Musikgeschäften rät Thomas Goldfuß ab: „Der Klang ist einfach nicht zu vergleichen und die Gefahr, dass Kinder dann frustriert wieder aufhören, sehr hoch“. Als Alternative bietet er Leihinstrumente mit hoher Qualität an. „Gerade, wenn das Interesse bei Anfängern wieder nachlässt, ist es nicht schlimm.“ Jan Mösers arbeitet ebenfalls an einem Instrument. Er wird bald für ein Projekt der städtischen Musikschule nach Uganda reisen, um dort anlässlich eines Hilfsprojekts Geigen und Bögen zu reparieren. Die Familie Goldfuß arbeitet für jedermann. „Wir sind für alle da, nicht nur für Topmusiker“, betont Thomas Goldfuß, „Kinder sind die Kundschaft der Zukunft.“ Ob ambitionierter Hobbymusiker, Sammler, Quereinsteiger oder Profi – der Geigenbauer freut sich über jeden einzelnen seiner Kunden und darüber, seine Leidenschaft für diese Instrumente weiterzugeben.

Ganz ohne Technik geht es auch im Handwerk nicht.
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