18.01.2019 - 10:04 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Französischer Einfluss im Bairischen

2018 stand Bayern im Zeichen zweier großer Jubiläen, zum einen 100 Jahre Freistaat und zum anderen 200 Jahre Verfassungsstaat. Bereits 1808 war eine Verfassung entwickelt worden, die wegen der Napoleonischen Kriege nicht umgesetzt wurde.

Léon Locquet aus der Picardie (gestorben. 2007) war ein äußerst liebenswürdiger Mensch und ein großer Freund der deutschen Sprache.
von Autor SLUProfil

Als Schöpfer des modernen bayerischen Staates gilt König Maximilian I., der neben einer liberalen Verfassung noch andere Neuerungen einführte, nämlich die Einteilung des Landes in acht Verwaltungskreise, die allgemeine Schulpflicht sowie vereinheitlichte Maße, Gewichte und die Währung. Durch die Abschaffung der Binnenzölle wurde schließlich auch noch ein einheitlicher Wirtschaftsraum geschaffen.

Die Verfassung von 1808 trug den Namen „Konstitution“, eine Bezeichnung, die von dem gleich lautenden französischen Wort abgeleitet war. Dieser Ausdruck steht an exponierter Position stellvertretend für den prägenden Einfluss, den das Französische auf das Deutsche und das Bairische ausgeübt hat. Selbst heute noch finden sich vielfältige Belege dafür, und es ist interessant zu sehen, wie die französische Schreibweise und Aussprache an unseren Dialekt angepasst wurden.

Ein ebenso einfaches wie einprägsames Beispiel ist „merci“, das es durch die als Dankesgabe verwendete gleichnamige Schokolade und das Lied von Udo Jürgens „Merci, Chérie“ zu bleibendem Erinnerungswert im kollektiven Gedächtnis der Deutschen gebracht hat. Im Bairischen wurde daraus ein schnoddrig-schlichtes „Merse!“, das in all jenen Fällen vertrauter Anrede Verwendung findet, in denen „Danke!“ viel zu förmlich klingen würde.

Oder: „Mir bressierd’s.“ Kaum ein Dialektsprecher des Bairischen, auch wenn er sich des Standarddeutschen befleißigen würde, würde stattdessen „Ich bin in Eile.“ in den Mund nehmen, auch wenn er sich möglicherweise nicht bewusst ist, dass „bressiern“ außerhalb des Freistaats wohl relativ wenig in Gebrauch ist und dass dahinter das französische Tätigkeitswort „presser" steckt. Dieses bedeutet unter anderem „bedrängen, beschleunigen, zur Eile antreiben“.

Die Zahl gleich gelagerter Ausdrücke, die sich in diesem Zusammenhang aufführen ließen, ist sehr umfangreich. Für den Verfasser dieser Dialektkolumne, der 38 Jahre lang als Gymnasiallehrer für Französisch tätig war und 30 Jahre lang eine enge Freundschaft mit einem weitaus älteren Franzosen pflegte, war es immer wieder ein Erlebnis, wenn sich französische Austauschschüler oder der besagte Freund Léon Locquet im Bairischen versuchten. In Erinnerung geblieben ist vor allem Léons denkwürdiger Zungenbrecher „vull wej ej Gläi-Üm“ für die Metapher „voll wej ã Gläihumml“ (voll wie eine Kleehummel) im Sinne von „sternhagelvoll, sturzbetrunken“), die in dieser Bedeutung im Nordbairischen existiert. In der Standardsprache verwendet man dafür „voll wie eine Strandhaubitze“. Vive l’amitié franco-allemande! – Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!

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