11.02.2020 - 16:40 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Auf dem Fußballplatz anfeuern, nicht diskriminieren

Fußball war nie unpolitisch. Seine verbindende Kraft gegen Rassismus und Ausgrenzung einzusetzen, ist nicht nur das Ziel von Jahn-Geschäftsführer Christian Keller.

"Fußball und Rassismus" war das Thema der Podiumsdiskussion mit Jahn-Spieler Oliver Hein (von links), Jahn-Geschäftsführer Christian Keller, Moderator Thomas Muggenthaler, Organisator und Günter Kohl und Johannes Lauer, Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. Über 150 Schüler des Beruflichen Schulzentrums Oskar-von-Miller hörten in der Aula zu.
von Clemens Hösamer Kontakt Profil

(ch) Christian Keller ist ein Freund klarer Worte, nicht nur am Rand des Fußballplatzes. Für den Geschäftsführer des Zweitligisten SSV Jahn Regensburg hat Diskriminierung im Sport nichts zu suchen. Wenn sein Team, wie am letzten Spieltag, eine 0:6-Klatsche einfängt, könne das kein Grund für Beleidigungen der Mannschaft oder einzelner Spieler sein. "Erst Hirn einschalten, dann Kommentare posten", sagt er bei einer Podiumsdiskussion am Dienstag im Beruflichen Schulzentrum Oskar-von-Miller. Denn: "Diskriminierung ist die Wurzel des Rassismus." Die Lehrkräfte Günter Kohl und Christina Mühlbauer hatten vier Gäste zum Thema "Fußball und Rassismus" geladen: Neben Müller den Jahn-Profi Oliver Hein, Moderator Thomas Muggenthaler und den Mitarbeiter der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Johannes Lauer. Rund 150 Schüler und Gäste wie Bürgermeisterin Ulrike Roidl und Ex-Profi-Torwart Wolfgang Hesl ließen sich von Schulleiter Josef Most mit erschreckenden Beispielen aus internationalen Profi-Ligen einführen. "Hassreden, ob rassistisch oder homophob, müssen aufhören" zitiert er Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Die Herabwürdigung von Menschen wegen Hautfarbe, Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung nennt Kohl als Grundzüge rechtsextremer Weltanschauung, "und die Rassisten wollen diejenigen sein, die oben sind".

Hooligans oder Ultras: Da zieht Christian Keller eine klare Linie. Wenn Ultras auf Tradition und Werte des Fußballs und ihrer Vereine setzen, sei das völlig in Ordnung. Der Jahn ist mit seinen Fangruppen in Kontakt. Probleme mit Rassismus sieht er aktuell keine, würde ihnen aber auch mit aller Härte begegnen. Als im Jahnstadion eine Gruppe auf den Sitzplätzen einen dunkelhäutigen Spieler beleidigten, schritt der Verein ein und entfernte die "Fans"- auch weil andere Zuschauer die Ordner riefen. "Diese Zivilcourage brauchen wir," sagt Keller, und appelliert an die Schüler, die auch zu zeigen.

"Fußball ist per se ein Sport, der Menschen zusammenbringt. Wenn Fußball ist, sind alle gleich", ist Kellers Credo. "Fan sein heißt, die eigene Mannschaft anzufeuern, aber nicht Parolen zu rufen und andere zu beleidigen." Ohne Kontrolle geht aber nichts: Fangruppen müssen melden, welche Banner sie im Jahn-Stadion aufhängen wollen. Das eine oder andere wurde schon verboten, erzählt Keller. Weil es beleidigenden Inhalts war.

Im Alltag hat Oliver Hein noch keine rassistischen Beleidigungen seiner Mitspieler erlebt. "Aber die Vorfälle in der Liga verfolgen wir natürlich", betont der Abwehrspieler. "Die Vielseitigkeit auf dem Platz macht doch erst den Erfolg als Mannschaft aus", sagt er. Bei Fan- oder Schulbesuchen "war die Hautfarbe oder die Herkunft eines Spielers noch nie ein Thema", erzählt Hein. Der Besuch der KZ-Gedenkstätte in Flossenbürg sei für ihn und das Team eine erschütternde Erfahrung gewesen. "Es ist wichtig, dass wir uns aktiv mit diesem Teil der Geschichte befassen." KZ und Fußball - das ist nicht so weit auseinander. Daran erinnert Thomas Muggenthaler. So wurden in der Nazi-Zeit zwei jüdische Nationalspieler aus dem Team geworfen, einer von ihnen ermordet.

"Die Fans erkennen: Die Menschen, die im KZ waren, waren ganz normale Leute", berichtet Johannes Lauer von Erfahrungen bei Projekten mit Fußballanhängern. Fans aus Augsburg, vom Nürnberger "Club" und vom Jahn waren schon zu Gast in der Gedenkstätte Flossenbürg. "Der Besuch ist kein Heilmittel", sagt Lauer, aber er könne zur Courage mahnen. Gerade auch auf kleinen Fußballplätzen, wenn Zuschauer beleidigend werden.

Kohl erinnert an die Umtriebe der rechtsextremen Proll-Crew bei einem Schwandorfer Stadtteil-Verein. Dort war ein offen Rechtsradikaler Wirt, sogar Jugendtrainer. "Was würdest du tun, wenn dir so etwas beim Jahn bekannt würde?", fragt Kohl Christian Keller. "Er wäre nicht mehr Trainer", sagt der Geschäftsführer.

Wenn Fußball ist, sind alle gleich.

Christian Keller, Geschäftsführer des SSV Jahn Regensburg

Christian Keller, Geschäftsführer des SSV Jahn Regensburg

Das Podium:

Jahn-Profi und Geschäftsführer

Oliver Hein hat als Fußballprofi beim SSV Jahn Regensburg bislang 219 Spiele absolviert. Christian Keller ist seit 2013 Geschäftsführer und sportlicher Leiter des SSV Jahn Regensburg. Thomas Muggenthaler arbeitet als Journalist beim Bayerischen Rundfunk und hat sich intensiv mit der NS-Zeit in der Oberpfalz auseinandergesetzt. Er moderierte die Runde. Günter Kohl ist Lehrer am Beruflichen Schulzentrum Oskar-von-Miller Schwandorf und Regionalbeauftragter für Demokratie und Toleranz. Extremismusprävention und -intervention an den Oberpfälzer Schulen sind seine Aufgaben. Johannes Lauer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter (Volontär) an der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg. (ch)

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