15.11.2019 - 16:01 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Die „Geiß“ in dialektalen Redewendungen 

Wenn man versucht, der nur mehr selten gebrauchten dialektalen Redewendung „’s Glick von Goasbäidern homm“ auf den Grund zu gehen, assoziiert man damit zunächst unweigerlich den „Geißenpeter“.

Sowohl der Blick einer Ziege als auch ihr Hüter dienen im Dialekt als Metaphern für Redewendungen.
von Autor SLUProfil

Er entstammt den zwei bekanntesten Kinderbüchern der Schweizer Autorin Johanna Spyri (1827–1901). Die Hauptfigur dieser Romane ist Heidi, und ihr bester Freund ist der Geißenpeter. Sein Name leitet sich von der Tätigkeit ab, die er im Dorf ausübt: Er hütet die Ziegen. Zur Schule geht er sehr ungern, da ihm das Lesenlernen nicht gleich gelingt, und außerdem ist er der Meinung, dass er das nicht brauche.

Im Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich (WBÖ), das sich der umfassenden Dokumentation und lexikographischen Aufarbeitung der reich gegliederten Basis- und Regionaldialekte (Alt-)Österreichs widmet, wird man ebenfalls fündig. Hier ist „Geißpeter“ als Synonym für „Ziegenhirte“ ausgewiesen. In diesem Zusammenhang taucht auch die oben erwähnte mundartliche Redewendung auf. Demnach bedeutet „’s Glick von Goasbäidern homm“ unter anderem Folgendes: unverhofft großes Glück haben, das Glück des Dummen haben.

In der zweiten Erklärung ergibt sich ein expliziter Hinweis darauf, was ein Ziegenhirte mit Glück zu tun hat. Auf der Basis der (äußerst fragwürdigen) Prämisse, dass dieser von Haus aus mit geistigen Gütern nicht gerade reichlich gesegnet ist, wird hier analog zu den standarddeutschen Sprichwörtern „Die Dummen haben das meiste Glück.“ und „Die dümmsten Bauern haben die größten Kartoffeln.“ eine Verbindung zwischen dem Ziegenhirten und dem Glück hergestellt.

Ebenfalls „herhalten“ muss die Geiß bei einer weiteren dialektalen Redewendung, nämlich

„’s Goasgschau homm“. Wer schon einmal einer Ziege ins Antlitz geblickt hat, wird eine gewisse Ähnlichkeit feststellen, wenn ein Mensch einen starren, unverwandten Blick bzw. einen Blick ins Leere aufsetzt und damit eine gewisse Geistesabwesenheit zum Ausdruck bringt. Dieser Zustand wird dann von seinen Zeitgenossen mit dem Spruch „Der hods Goasgschau.“ quittiert.

Übrigens: Die geläufige wörtliche standardsprachliche Entsprechung von „Goasbäider“, nämlich „Ziegenpeter“ (= Mumps), führt im vorliegenden Fall – wie bei ähnlich gelagerten Sachverhalten auch – (einmal mehr) völlig in die Irre.

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