01.03.2020 - 16:19 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Jay Schnorrer - Über Zweifel und das Glück, "divers" zu sein

Ein Mädchen, das kein Mädchen ist. Seit ihrer Kindheit fühlt sich Julia Schnorrer aus Schwandorf anders als andere. Nach Jahren voll Depressionen findet Jay zu sich selbst. Ein langer Weg, der Jay zu der Erkenntnis führt: Ich bin divers.

Ein glückliches Strahlen. Nach Jahren voll Selbstzweifel weiß Jay heute: Ich bin "divers".
von Julia Hammer Kontakt Profil

Die Suche nach sich selbst stürzt Schnorrer in Selbstzweifel. Über 25 Jahre lang bleibt das emotionale Ringen ohne Ergebnis – bis Jay, wie sich Julia schließlich nennt, nach Berlin zieht, Teil der queeren Community wird und erkennt: Ich bin weder weiblich noch männlich. Heute ist Jay 28, Screenwriter – und seit November 2019 offiziell „divers“. Im Interview erzählt Jay von schweren Entscheidungen, Unverständnis und der neu gewonnenen Liebe zu sich selbst.

ONETZ: Wie ist es, "divers" zu sein - sich keinem Geschlecht angehörig zu fühlen?

Jay: Es ist nicht einfach, ein System, das wir seit Geburt als gegeben hinnehmen, zu hinterfragen. Bei mir hat es ewig gedauert, deshalb ermutige ich immer zur Geduld, wenn es um das Verständnis von „divers“ geht. Geschlecht muss kein entweder/oder sein. Geschlecht ist sowohl biologisch als auch sozial. Es gibt viele Variationen des biologischen Geschlechts, einschließlich Inter-Personen, die zum Beispiel mit weiblichen und männlichen Geschlechtsmerkmalen auf die Welt kommen. Es gibt also nicht „nur“ Mann oder Frau, sondern ein Spektrum. Dann gibt es noch „soziales Geschlecht“, also Rollenvorstellungen und gesellschaftliche Erwartungen. Soziales Geschlecht ist konstruiert – und somit auch dynamisch und veränderbar.

ONETZ: Als dir klar war, du bist "divers" - wem hast du zuerst davon erzählt?

Jay: Als erstes habe ich es den diversen und transgeschlechtlichen Freund*innen von mir erzählt, die mir geholfen haben, das für mich zu erkennen. Da konnte ich mir sicher sein, dass sie mich verstehen. Es war herzerwärmend, wie sehr sie sich für mich gefreut haben. Sie wissen, welch eine Erleichterung so eine Erkenntnis ist.

ONETZ: Seit Ende 2019 steht in deinem Ausweis "divers". Wie war dieser Moment für dich?

Jay: Ich habe den ganzen Tag über gegrinst. Und natürlich sofort Fotos geschickt an die Leute, die das mitverfolgt hatten.

ONETZ: Wie lange hat der bürokratische Prozess gedauert?

Jay: Interessanterweise war es schwieriger, meinen Künstlernamen Jay Pendragon anerkannt zu bekommen, als meinen Geschlechtsmarker zu ändern. Zeitaufwändiger war der Prozess: Ab Januar 2019 wurden Anträge behandelt. Ich erhielt Ende Mai die Bestätigung, dass es anerkannt wird, bekam aber erst im September einen Termin. Im November 2019 war dann endlich alles geklärt.

ONETZ: Hattest du Zweifel, ob die Änderung deines Geschlechtsmarkers die richtige Entscheidung ist?

Jay: Ein bisschen schon. Es ist ein riesen Schritt und ich habe mich schnell dazu entschieden, ihn zu tun. Allerdings ist das bei mir öfter so, dass große Entscheidungen aus dem Bauch heraus- fallen und egal wie lange ich noch überlege, es bleibt dabei. Inzwischen kann ich das besser akzeptieren und selbstsicherer meiner Intuition vertrauen.

ONETZ: Hattest du das Gefühl, einen Teil deines Ichs aufzugeben?

Jay: Aufgeben finde ich nicht das passende Wort. Mein altes Ich bleibt ein Teil von mir, denn ohne es wäre ich nicht zu der Person geworden, die ich bin. Mit allen Teilen meines „alten“ Ichs Frieden zu schließen ist ein Prozess, der andauert. Doch den Teil, der verzweifelt versucht hatte, als „weiblich“ zu leben, weil sich mir keine anderen Möglichkeiten aufzeigten, den habe ich akzeptiert.

ONETZ: Deine Eltern haben dich noch lange Julia genannt. Wie gehen sie heute damit um?

Jay: Akzeptiert und respektiert haben sie es schon immer. Es zu verstehen ist noch ein Prozess. Ich bin schon unendlich dankbar, dass sie so gut wie möglich versuchen, meinen neuen Namen zu verwenden und mich nicht mehr als „Mädchen“ sondern als „Kind“ betiteln. Da geht mir echt das Herz auf.

ONETZ: Was war dein schönstes Erlebnis, das du durch dein "neues Ich" erlebt hast?

Jay: Richtig schön war, als ich einen Nebenjob in einem Berliner Kino angefangen hatte und mich zwei Personen unabhängig voneinander gefragt haben, welche Pronomen ich bevorzuge. Nach meiner Einstellung wurde da auch das Schild „Zutritt nur für Mitarbeiter“ in „Personal“ geändert und der Betriebsrat hat genderneutralere Schreibweisen in E-Mails durchgesetzt. Zum Kaputtlachen fand ich, als ich mal beim OpenAir-Kino in die Männertoilette ging. Draußen hat ein Kind das gesehen und total aufgeregt gesagt: „Mama, da ist ein Mädchen ins falsche Klo gegangen!“ Es ist allerdings auch traurig, wie strikt Kinder ins Schema der Zweigeschlechtlichkeit gezwungen werden.

ONETZ: Fühlst du dich zu Männern oder Frauen hingezogen?

Jay: Zu Menschen. Oder anders gesagt: zu beidem und allem dazwischen und darüber hinaus. Geschlechtsidentität hat mit sexueller und romantischer Orientierung nichts zu tun. Nur, weil ich divers bin, heißt es nicht, dass ich nur andere Diverse daten würde. Ob du dich als männlich, weiblich, divers, etc. fühlst, ist deine Entscheidung. Bei mir kommt es darauf an, wie du als Mensch bist, ob ich mich hingezogen fühle oder nicht.

ONETZ: Wie wählst du deine Kleidung aus?

Jay: Erst mal muss es bequem sein. In Röcken und Kleidern fühle ich mich einfach nicht wohl, also trage ich sie nicht. Dann kommt der Spaßfaktor hinzu – ich liebe nerdige Oberteile sowie Hemden, Blusen und Blazer. Anfangs war ich bedacht, mich sehr androgyn anzuziehen, doch inzwischen bin ich mir sicher in meiner diversen Identität und trage einfach, was mir gefällt, egal in welcher Abteilung ich es finde.

ONETZ: Was ist für dich typisch männlich, was typisch weiblich?

Jay: „Typisch“ ist für mich nur das, was die Gesellschaft beschlossen hat, das „typisch“ ist. Ich bin ja auch in diesem System groß geworden, also habe ich natürlich die selben Rollenvorstellungen mitbekommen, die den Diskurs beherrschen. Ich würde sagen: Typisch weiblich oder männlich ist das, was wir als solches bezeichnen.

ONETZ: Korrigierst du Menschen, die dich mit "sie" ansprechen?

Jay: Im Englischen ja, denn da gibt es das singuläre „they“ als genderneutrales Pronomen. Im Deutschen komme ich um das „sie“ nicht herum. Andere Pronomina wie „es“ oder „xir“ fühlen sich für mich nicht passend an.

ONETZ: Wie sieht dein Verhältnis zu deinem Körper heute aus?

Jay: Klar gibt es gute und schlechte Tage. Alles in allem denke ich, habe ich akzeptiert, dass Menschen mich als weiblich lesen, wenn sie mich sehen. Manchmal spiele ich explizit damit und ziehe mich bewusst burschikoser an. Andere Male lehne ich mich mehr in die Weiblichkeit. Das Äußere hat nur die Macht, die wir ihm geben. Diese Lektion hat lange gedauert, aber inzwischen habe ich sie größtenteils verinnerlicht.

ONETZ: Nach dem schweren Prozess der Selbstfindung - liebst du dich heute selbst?

Jay: Ein schwieriges Thema. Ich würde sagen: mehr als vorher. Aber Geschlechtsidentität ist nur eine der Komponenten. Seit ich damit ehrlicher umgehe, bin ich viel offener geworden, was meinen Weg durch Depressionen und Essstörung angeht. Vollständige Selbstliebe ist immer noch ein „work in progress“.

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