02.12.2019 - 10:40 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Junaid ... über Flucht, Todesangst und große Sehnsucht

Junaid strahlt. Es gibt kaum Momente, in denen er nicht lächelt. Der 27-Jährige ist Optimist, Entertainer, Hilfesteller. Er sieht die guten Seiten des Lebens. Das ist nicht selbstverständlich. Zu oft erlebte er auch die niederschmetternden.

Junaid strahlt. Er fühlt sich in seiner neuen Heimat Nabburg aufgenommen. Dafür möchte er seinen Mitmenschen etwas zurückgeben.
von Julia Hammer Kontakt Profil

2015 floh der Schneider aus Pakistan. Nach mehreren Anschlägen lebte er dort in der ständigen Angst um sein Leben. Sein Weg ins Ungewisse führte ihn in die Oberpfalz. Nabburg. Eine Gemeinschaft, die ihn aufnimmt, um ihn kämpft. Im Interview erzählt Junaid von seinem Leben in Pakistan, Flucht und neuer Hoffnung.

ONETZ: Wie war dein Leben in Pakistan vor deiner Flucht?

Junaid: Sehr glücklich. Ich habe eine wundervolle Familie – vier Schwestern und drei Brüder. Wir haben viel Zeit miteinander verbracht. Mit meinem älteren Bruder habe ich nach der Schule als Schneider gearbeitet. Auch mein Vater war in der Textilbranche. Nebenbei war ich als Impfhelfer für eine Organisation engagiert. Ich hatte ein glückliches Leben.

ONETZ: Warum hast du Pakistan 2015 verlassen?

Junaid: Mein Dorf wurde von den Taliban kon- trolliert. Für sie war ich als Impfhelfer ein Problem. Sie bedrohten mich, sagten, dass ich als Muslim mit der „Arbeit für die jüdische Organisation“ aufhören muss. Sie sagten, dass das unwürdig sei. Aber ich habe nicht aufgehört. Wir haben Kindern mit Polio geholfen. Die Taliban sind wiedergekommen, haben mich mit einem Stock geschlagen. Nachdem die anderen Helfer und ich uns nicht gebeugt haben, haben sie auf uns geschossen. Meine Kollegin hat es an den Beinen erwischt. Sie kann nicht mehr laufen. Ich hatte Glück. Aber meine Mutter sagte, ich müsse gehen. Sonst töten sie mich.

ONETZ: Erinnerst du dich an die Flucht?

Junaid: Schlimme Erinnerungen. Es ging vom Iran in die Türkei, nach Bulgarien, Serbien und nach Deutschland. über einen Tag verbrachte ich in einem Versteck in einem Lkw. Kein Essen, kein Wasser. Dunkelheit. Ich lag über dem Reifen. Immer wieder sind mir Steine ins Gesicht gesprungen. Ich hatte Angst, nicht lebend da rauszukommen. In Bulgarien war ich 15 Tage im Gefängnis. Warum ich rausgekommen bin, weiß ich nicht. Sie haben mich in einen Bus gesetzt – und es ging weiter.

ONETZ: Wie waren deine ersten Eindrücke von Deutschland?

Junaid: Ich habe erwartet, dass ich geschlagen werde. Das habe ich bei meiner Flucht oft erlebt. Aber schon an der Grenze waren die Beamten nett zu mir, haben mir Essen und eine Jacke gegeben. Ich habe mich sicher gefühlt.

ONETZ: Ende 2015 bist du nach Nabburg gekommen. Siehst du die Stadt als neue Heimat?

Junaid: Einer der ersten Eindrücke war das Feuerwerk an Silvester. Es war so schön. Die Menschen hier sind unglaublich hilfsbereit. Auch, als ich noch kein Deutsch konnte. Sie unterstützen mich, nehmen mich in ihre Gemeinschaft auf – und machen die Stadt zu einem zweiten Zuhause.

ONETZ: Du bist ein Musterbeispiel für Integration: Ausbildung, Ehrenamt, in Vereinen aktiv ...

Junaid: … das macht mich glücklich. Ich gebe Menschen gerne etwas zurück. Deshalb mache ich eine Ausbildung zum Sozialpfleger. Ich stehe kurz vor den Abschlussprüfungen. Auch da helfen mir viele. Sie lernen mit mir, erklären, wenn ich etwas nicht verstehe. Machen mir Mut. Nebenbei bin ich beim THW und spiele Theater bei OVIGO.

ONETZ: Im Juli 2018 ist dein Antrag auf Asyl abgelehnt worden ...

Junaid: ... das war ein Schock. Ich sollte innerhalb von 30 Tagen zurück nach Pakistan. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, hatte Angst um mein Leben. Aber meine Freunde hier haben mich nicht im Stich gelassen. Sie haben mir geholfen, Einspruch einzulegen. Und sie haben es geschafft, dass ich vorerst bleiben darf. Jetzt habe ich eine Aufenthaltsgenehmigung zur Durchführung des Asylverfahrens. Es ist noch nichts entschieden.

ONETZ: Kannst du glücklich sein, obwohl du in ständiger Angst lebst, das Land verlassen zu müssen?

Junaid: Ich habe immer Angst. Jedes Mal, wenn ich einen gelben Umschlag im Briefkasten sehe, zucke ich zusammen. Er kann schlechte Nachrichten beinhalten. Aber davon will ich mich nicht bestimmen lassen. Ich versuche, die Zeit zu nutzen, Schönes zu sehen – und anderen zu helfen.

ONETZ: Was vermisst du hier in Deutschland?

Junaid: Mein altes Leben in Pakistan, als ich noch glücklich war. Am meisten meine Geschwister und meine Eltern. Die Zeit mit ihnen. Die Feste, die wir gefeiert haben. Das fehlt mir. Aber ich kann nicht zurück, nicht einmal, um sie zu besuchen. Das wäre viel zu riskant und zu unsicher.

ONETZ: Die Taliban sind immer noch auf der Suche nach dir?

Junaid: Sie haben nie damit aufgehört. Sie rufen bei meiner Familie an, fragen nach mir. Einer von ihnen hat meine Schwester angesprochen, ihr Süßigkeiten gegeben, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Dann hat er sie gefragt, wo ich bin. Meine Familie weiß nicht, wo ich mich aufhalte. Das wäre zu unsicher. Für sie und für mich.

ONETZ: Was macht dich in der Oberpfalz glücklich?

Junaid: Die Sicherheit. Und die Möglichkeit, den herzlichen Menschen hier etwas zurückgeben zu können. Ich bin 27. Wer weiß, wie lange ich lebe. Deshalb will ich die Zeit nutzen, um andere zum Lächeln zu bringen.

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