31.07.2019 - 09:29 Uhr
SchwandorfOberpfalz

Jungbäuerin Ina Doll: „Ich habe gedacht, dass ich nicht überlebe“

Täglicher Stadttrubel gegen traute Idylle, Traumjob gegen Tiere und Traktor: Als Ina Doll ihre Liebe Florian kennenlernt, ändert sich das komplette Leben der heute 34-Jährigen.

Neues Leben, neues Glück: Ina Doll zog der Liebe wegen von der Stadt auf das Land auf den Biobauernhof ihres Mannes. Eine Entscheidung, die sie nie bereut hat.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Sie kündigt ihre Arbeit und zieht auf den Bauern- und Ferienhof Doll in Harthöfl – und wird Jungbäuerin inmitten von hunderten Tieren, weitläufigen Wiesen und Wäldern – und unzähligen neuen Eindrücken. Im Interview erzählt sie, was sie vermisst und warum sie jeden Tag glücklich über die „schwerste Entscheidung ihres Lebens“ ist.

ONETZ: Sie hatten Ihren Traumjob bei einem Augenarzt gefunden, haben diesen der Liebe wegen aufgegeben und sind nun Jungbäuerin. Haben Sie den Schritt jemals bereut?

Es war eine der schwersten Entscheidungen in meinem Leben. Ich habe hart für die Stelle im OP gearbeitet. Doch dann hat die Liebe eingeschlagen – und ich musste mich entscheiden. Zuerst habe ich die Zeit bei dem Augenarzt verkürzt, versucht, alles unter einen Hut zu bekommen. Aber dann habe ich zu Hause auf dem Hof immer das Wichtigste verpasst. Mir war schnell klar: Wenn ich mich komplett integrieren und alles mitbekommen will, muss ich mich komplett darauf einlassen. Das habe ich gemacht und meinen Job gekündigt. Und ich habe es nicht bereut.

ONETZ: Hatten Sie vorher einen Bezug zur Landwirtschaft?

Absolut keine Berührungspunkte. Ich war ein Stadtmensch und habe das auch genossen. Ich konnte nicht einmal richtig kochen. Wozu auch? Ich habe Vollzeit gearbeitet und habe mir unterwegs etwas zu Essen geholt. Heute ist das anders. Nachdem ich zu meinem Mann gezogen bin, habe ich eine Ausbildung bei einer Hauswirtschaftsschule angefangen. Das hilft mir sehr bei der Arbeit mit den Tieren – und inzwischen bin ich gar keine so schlechte Köchin mehr. Es macht mir Spaß. Und es ist schön, immer wieder etwas Neues zu lernen. Wir vermieten auch fünf Ferienwohnungen. War in den Bettlaken ein Fleck, habe ich mir gedacht: Gut, da hilft nichts mehr. Dank der Ausbildung weiß ich jetzt, was ich machen kann.

ONETZ: Erinnern Sie sich an Ihre ersten Tage auf dem Ferienhof Doll?

Ich habe gedacht, dass ich nicht überlebe. Ich war auf alles allergisch: Tierhaare, Pollen, auf den Staub des Futters, der beim Schweinefüttern aufgewirbelt wurde. Es war schlimm, nichts half. Mit der Zeit hat sich mein Körper aber zum Glück daran gewöhnt. Vielleicht liegt es am gesunden Bio-Essen, genau kann ich es mir nicht erklären. Aber jetzt kann ich gut damit umgehen. Auch das Schlafen ist mir schwergefallen. Ich habe vorher direkt an der Straße gewohnt, hatte immer einen gewissen Geräuschpegel um mich. Hier war es plötzlich so ruhig. Viel zu ruhig, um anfangs schlafen zu können.

ONETZ: Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus?

Zur Zeit etwas anders als normal. Ich habe ein bisschen zurückgeschraubt. Mein Mann Florian und ich erwarten im September unser erstes Kind, einen Sohn. Deshalb: Nur noch leichte Arbeiten. Ich pflege unsere Website, auf der wir unsere fünf Ferienwohnungen bewerben und kümmere mich um unsere Gäste – was mir großen Spaß macht. Nebenbei arbeite ich in unserem Hofladen, der immer geöffnet ist, wenn wir geschlachtet haben. Vor der Schwangerschaft war das Programm deutlich straffer. Ich war morgens im Stall und habe unsere Tiere versorgt, anschließend habe ich für meine Familie gekocht, die Ferienwohnungen geputzt, im Laden gearbeitet und alles gemacht, was sonst noch angefallen ist – auch beim Zerlegen der Tiere geholfen. Natürlich ist dann noch der eigene Haushalt und die Gartenarbeit. Abends bieten wir den Ferienbesuchern meist ein Programm, zum Beispiel Grillen wir zusammen. Es gibt immer was zu tun. Langweilig wird mir nie.

ONETZ: Gibt es Momente, in denen Sie Ihr altes Leben vermissen?

Kaum. Ich genieße es, die Natur um mich zu haben, all die Tiere, meine Aufgaben zu erledigen. Das einzige, was ich vermisse, ist eine direkte Autobahnanbindung. Die Wege hier sind sehr weit, ich brauche für alle Erledigungen ein Auto. Das war in Wackersdorf, wo ich vorher gewohnt habe, anders.

ONETZ: Wie haben Ihre Freunde und Familie reagiert, als Sie ihnen von Ihrer Entscheidung erzählt haben?

Für meine Freunde war das sehr schwierig. Ich hatte immer viel Zeit für sie. Und plötzlich war das anders. Auch die weiten Fahrten haben die neue Situation nicht leichter gemacht. Spontan etwas ausmachen – das geht eben nicht mehr. Am schwersten war es aber für meine Mama. Ich war oft zu Besuch, wir haben uns regelmäßig gesehen. Als ich weggezogen bin, hat das nicht mehr funktioniert. Wir haben telefoniert, aber das ist natürlich nicht das gleiche. Es hat zwei Jahre gedauert, bis sie sich daran gewöhnt hat.

ONETZ: Gibt es Situationen, mit denen Sie auch nach Jahren auf dem Hof nur schwer umgehen können?

Lange Zeit war es das Schlachten. Ich bin sehr tierlieb. Zu sehen wie ein Tier stirbt hat mir im Herzen wehgetan. Das Problem war, dass ich allen Tieren Namen gegeben habe. Das macht alles natürlich noch viel schlimmer. Ich erinnere mich an ein schwarzes Lamm. Das einzige Schwarze unter ansonsten nur Weißen. Für mich war es etwas Besonderes. Als es geschlachtet wurde, war das schrecklich für mich. Aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Ich sehe das wesentlich weniger emotional als vorher. Es ist notwendig, viele von uns essen Fleisch. Und das Schlachten ist eben der einzige Weg. Mir hat auch geholfen, dass es den Tieren hier sehr gut geht. Wir betreiben eine Biolandwirtschaft, die Schafe, das Geflügel haben viel Platz, werden gut behandelt – und haben ein schönes Leben.

Nicht nur Ina Doll hat ihr Hausreh Resi in ihr Herz geschlossen. Auch die anderen Tiere auf dem Ferienhof Doll haben den Vierbeiner gern.

ONETZ: Sie haben ein ungewöhnliches Haustier – das einjährige Reh Rosi. Wie ist es dazu gekommen?

Mein Mann hat es auf der Wiese gefunden. Es war ganz allein und verletzt. Das Mähwerk hatte es erwischt. Ihr vorderes linkes Bein war fast ab. Wir haben amputiert und alles versucht, um das kleine Kitz durchzubringen. Alle zwei Stunden habe ich Rosi Milch gegeben, sie warmgehalten. Wir hatten wenig Hoffnung. Doch Rosi war zäh und hat überlebt. Jetzt weicht sie kaum von unserer Seite. Vor allem von meiner.

ONETZ: … ungewöhnlich für ein Reh …

Absolut. Rehe sind normal sehr scheu. Aber ich glaube, dass ich für sie eine Art Ersatzmutter bin. Nach ein paar Wochen hat sie ihre Milch nur noch getrunken, wenn ich sie ihr gegeben habe. Ich habe sie sehr in mein Herz geschlossen. Inzwischen hat sie ihr eigenes kleines Reich im Garten, ein kleines Holzhäuschen.

ONETZ: Was macht Ihr Leben in Harthöfl so glücklich?

Das Gesamtkonzept. Auch, wenn immer viel zu tun ist, kann ich mir meine Zeit frei einteilen. Ich habe gern Kontakt zu den Urlaubern, die in unseren Ferienwohnungen wohnen und lerne dadurch immer wieder tolle neue Menschen kennen. Vor allem aber macht mich mein Mann Flo glücklich – und der Gedanke an unseren Sohn. Ich habe den Schritt, mein Leben zu ändern, nie bereut, weil ich so viel dazugewonnen habe.

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